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– Aus diesem Verrat der Gegner und dem Gefühl der Hilflosigkeit, der Schwäche und des Ekels, das er erzeugte, wurde das Dritte Reich geboren. Am 5. März waren die Nazis noch in der Minderheit geblieben. Drei Wochen später hätten sie, wäre noch einmal gewählt worden, wahrscheinlich wirklich die Mehrheit gehabt. Nicht nur der Terror hatte inzwischen seine Wirkung getan, nicht nur die Feste hatten viele berauscht (die Deutschen berauschen sich so gern an patriotischen Festen).

Entscheidend war, daß die Wut und der Ekel gegen die eigene feig–verräterische Führung im Augenblick stärker wurde als die Wut und der Haß gegen den eigentlichen Feind. Zu

Hunderttausenden traten auf einmal während des März 1933 Leute der Nazipartei bei, die bis dahin gegen sie gestanden hatten – die sogenannten »Märzgefallenen«, beargwöhnt und verachtet von den Nazis selbst. Zu Hunderttausenden gingen, jetzt zu allererst, auch Arbeiter aus ihren sozialdemokratischen oder kommunistischen Organisationen hinüber in die nazistischen

»Betriebszellen« oder in die SA. Die Gründe, aus denen sie es taten, waren verschieden, und oft war es ein ganzer Knäuel von Gründen. Aber wie lange man auch sucht, man wird nicht einen starken, stichfesten, haltbaren und positiven darunter finden – nicht einen, der sich sehen lassen kann. Der Vorgang trug, in jedem Einzelfall, unverkennbar alle Merkmale eines Nervenzusammenbruchs.

Der einfachste Grund, und fast überall, wenn man bohrte, der innerste, war: Angst. Mitprügeln, um nicht zu den Geprügelten zu gehören. Sodann: ein wenig unklarer Rausch, Einigkeitsrausch, Magnetismus der Masse. Ferner bei vielen: Ekel und Rachsucht gegenüber denen, die sie im Stich gelassen hatten. Ferner, eine seltsam deutsche Figur, dieser Gedankengang: »Alle Voraussagen der Gegner der Nazis sind nicht eingetroffen. Sie haben behauptet, die Nazis würden nicht siegen. Nun haben sie doch gesiegt. Also hatten ihre Gegner Unrecht. Also haben die Nazis Recht.« Ferner bei einigen (namentlich Intellekuellen) der Glaube, jetzt noch das Gesicht der Nazipartei ändern und ihre Richtung abbiegen zu können, indem man selbst hineinging. Sodann, selbstverständlich, auch echte gewöhnliche Mitläuferei und Konjunkturgesinnung. Bei den primitiver und massenartiger Empfindenden, Einfacheren schließlich ein Vorgang, wie er sich in mythischen Zeiten abgespielt haben mag, wenn ein geschlagener Stamm seinem offenbar ungetreuen Stammesgott abschwur und den Gott des siegreichen Feindesstamms zum Schutzherrn wählte. St. Marx, an den man immer geglaubt hatte, hatte nicht geholfen. St. Hitler war offenbar stärker. Zerstören wir also St. Marx'

Bilder auf den Altären und weihen wir sie St. Hitler. Lernen wir beten: Die Juden sind schuld, anstatt: Der Kapitalismus ist schuld. Vielleicht wird uns das erlösen.

Alles dies ist, wie man sieht, als Vorgang gar nicht so unnatürlich, es liegt durchaus innerhalb des normalen psychologischen Funktionierens, und es erklärt das scheinbar Unerklärliche fast vollkommen. Der einzige Rest, der bei alledem bleibt, ist die völlige Abwesenheit von dem, was man, an einem Volk wie an einem Menschen, »Rasse« nennt: also eines festen, durch Druck und Zug von außen nicht zu erschütternden Kerns, einer gewissen adligen Härte, einer allerinnersten, gerade erst in der Stunde der Prüfung mobilisierbaren Reserve an Stolz, Gesinnung, Selbstgewißheit, Würde.

Das haben die Deutschen nicht. Sie sind als Nation unzuverlässig, weich, kernlos. Der März 1933

hat es bewiesen. Im Augenblick der Herausforderung, wo bei Völkern von Rasse wie auf Verabredung ein allgemeiner spontaner Aufschwung erfolgt, erfolgte in Deutschland wie auf Verabredung ein allgemeines Auslassen und Schlappmachen, ein Nachgeben und Kapitulieren – kurz und gut: ein Nervenzusammenbruch.

Das Ergebnis dieses millionenfachen Nervenzusammenbruchs war das geeinte, zu allem bereite Volk, das heute den Albdruck der ganzen Welt bildet.

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Dies war der Vorgang, wie er heute, unverkennbar, klar und abgerückt, vor der rückschauenden Betrachtung steht. Während ich ihn erlebte, war es freilich unmöglich, ihn zu übersehen. Ich spürte, furchtbar genug, das Würgend–Ekelhafte des Ganzen, aber ich war unfähig, seine Elemente zu erfassen und zu ordnen. Vor jeden Versuch, sich klar zu werden, legten sich wie Schleier jene, ach so unendlich müßigen und sinnlosen Diskussionen, in denen man sich immer wieder abmühte, die Dinge in ein ihnen nicht mehr passendes System obsoleter politischer Begriffe einzuordnen. Wie gespenstisch diese Diskussionen heute anmuten, wenn man sich, durch einen Zufall der Erinnerung, noch einmal Stücke und Fetzen von ihnen vergegenwärtigt! Wie völlig hilflos wir geistig waren, mit all unserer historisch–bürgerlichen Bildung, vor diesem Vorgang, der in allem, was wir gelernt hatten, einfach nicht vorkam! Wie sinnlos die Erklärungen, wie unendlich töricht die

Rechtfertigungsversuche, aber auch wie hoffnungslos oberflächlich die Notkonstruktionen, mit denen der Verstand das unbeirrbare Gefühl des Grauens und des Ekels zu umbauen versuchte! Wie überaus abgestanden alle die –Ismen, die man ins Feld führte. Ich denke mit einem gewissen Schauder daran.

Und außerdem war das tägliche Leben der klaren Erkenntnis im Wege – das Leben, das weiterging, nun freilich endgültig gespenstisch und unwirklich geworden und täglich verhöhnt von dem Geschehen, in das es eingebettet war. Noch ging ich wie zuvor aufs Kammergericht, noch sprach man dort Recht, als habe das noch irgendetwas zu bedeuten, auch der jüdische Kammergerichtsrat meines Senats saß noch unbelästigt in seiner Toga hinter der Schranke, freilich schon von seinen Richterkollegen mit einem gewissen besonderen taktvollen Zartgefühl behandelt, wie man es Schwerkranken gegenüber walten läßt. Noch rief ich meine Freundin Charlie an, und wir gingen ins Kino oder saßen in einer kleinen Weinstube und tranken Chianti oder tanzten irgendwo zusammen.

Noch sah ich Freunde, noch diskutierte ich mit Bekannten, und Familiengeburtstage wurden gefeiert wie immer – aber wenn man im Februar noch hatte schwanken können, ob mit alledem nicht die eigentliche, unzerstörbare Wirklichkeit über das Treiben der Nazis triumphierte: Jetzt war es nicht mehr zu leugnen, daß vielmehr eben dies alles mechanisch, hohl, leblos geworden war und in jeder Minute nur den Triumph des Feindlichen bewies, das es von allen Seiten überflutete.

Dennoch war es, seltsam genug, auch und gerade dies mechanisch und automatisch weiterlaufende tägliche Leben, was es verhindern half, daß irgendwo eine kraftvolle, lebendige Reaktion gegen das Ungeheuerliche stattfand. Ich habe geschildert, wie der Verrat und die Feigheit der Führer es verhinderte, daß die Mannschaften der andern politischen Machtgruppen gegen die Nazis eingesetzt wurden und Widerstand leisteten. Das laßt immer noch die Frage offen, warum nicht ganz spontan, hier und da und dort, ein Einzelner aufstand und sich wehrte – wenn nicht gegen das Ganze, so doch vielleicht gegen irgendein spezielles Unrecht, irgendeine besondere Schandtat, die gerade in seiner Reichweite geschah? (Ich übersehe nicht, daß diese Frage auch einen Vorwurf gegen mich selbst einschließt.)

Dem war eben der weiterlaufende Mechanismus des täglichen Lebens im Wege. Wie anders würden wahrscheinlich Revolutionen, wie anders würde die gesamte Geschichte verlaufen, wenn die Menschen heute noch, wie vielleicht im antiken Athen, auf sich stehende Wesen mit einer Beziehung zum Ganzen wären – und nicht so rettungslos eingespannt in ihren Beruf und ihren Tagesplan, abhängig von tausend Unübersehbarkeiten, Glieder eines unkontrollierbaren Mechanismus, auf Schienen laufend gleichsam und hilflos, wenn sie entgleisen! Nur in der täglichen Routine ist Sicherheit und Weiterbestehen – gleich daneben fängt der Dschungel an. Jeder europäische Mensch des 20. Jahrhunderts hat das mit dunkler Angst im Gefühl. Daher sein Zögern, irgendetwas zu unternehmen, was ihn »entgleisen« lassen könnte – etwas Kühnes, Unalltägliches, nur aus ihm selbst Kommendes. Daher die Möglichkeit solcher immenser Zivilisationskatastrophen wie der Naziherrschaft in Deutschland.