Выбрать главу

"Ellis!" stöhnte ich. "Fort von hier, fort!"

Hinter mir hörte ich den ehernen, donnernden Schrei der Legion... und dann wurde alles dunkel.

***

"Schau", sprach Ellis zu mir. "Schau und beruhige dich."

Ich tat wie sie befohlen - und ich weiß es noch gut: so süß war mein erster Eindruck, dass ich ein Seufzen nicht zu unterdrücken vermochte. Von allen Seiten ergoss sich ein wolkig blauer und gleichzeitig silberweicher Schimmer, der fast wie ein Nebel war. Zunächst konnte ich nichts unterscheiden, so sehr blendete mich dieser lasurene Glanz - aber nach und nach traten die Umrisse prächtiger Berge und Wälder hervor, ein See breitete sich unter mir aus, in seiner Tiefe flimmerte der Widerschein Sterne, und lieblich brandeten die kleinen Wellen. Orangenduft umgab mich wie eine wohlriechende Flut, und wie eine Flut umströmten mich die starken und reinen Töne einer jungen Frauenstimme. Dieser Duft und dieser Klang zogen mich hinab - und ich sank nach unten... nach unten zu einem herrlichen Marmorpalast, der heiter inmitten eines Zypressenhaines glänzte. Die Töne drangen aus seinen weit offenen Fenstern, an seinen Mauern plätscherten die von Blütenstaub bedeckten Fluten des Sees - und gerade gegenüber stieg, vom dunklen Grün der Organen- und Lorbeerbäume bedeckt, überströmt vom leuchtenden Nebel, übersät mit weißen Statuen, schlanken Säulen und Tempelhallen, eine hohe, sanft gerundete Insel aus dem Schoße des Wassers ....

"Isola Bella!" bedeutete mir Ellis. "Lago Maggiore ..."

Immer lauter, immer vernehmlicher klang die Frauenstimme. Ich wollte es erblicken, das Antlitz der Sängerin, die mit solchen Tönen die Nacht erfüllte. Wir hielten vor dem Fenster. Das Zimmer war im pompeijanischen Geschmack gehalten und glich mehr einer antiken Tempelhalle als einem modernen Wohnraum, und inmitten dieses Raumes saß, von griechischen Bildwerken und etruskischen Vasen, von seltenen Gewächsen und teuren Geweben umgeben, eine junge Frau am Flügel. Sie sang. Sie sang und lächelte, und dennoch lag auf ihren Zügen ein großer Ernst, eine gewisse Strenge. Sie lächelte... und es lächelte der Faun des Praxiteles, der ebenso jung war wie sie, träge, verwöhnt und wollüstig, er lächelte ihr aus seiner Ecke zu, wo er hinter Oleanderbüschen verborgen stand, vor ihm auf altertümlichem Dreifuß ein bronzenes Räucherbecken, aus dem eine feine Rauchsäule stieg.

Bezaubert von den Klängen, betört von der Schönheit, dem Glanz und Wohlgeruch der Nacht, bis in die Tiefe des Herzens erschüttert vom Anblick dieses jungen, sanften und leuchtenden Glückes, vergaß ich völlig, dass ich nicht allein war, vergaß, auf wie seltsame Weise ich dazu gekommen war, Zuschauer dieses so weit entfernten und mir so fremden Lebens zu werden. Schon lag mir das Wort auf der Zunge... Mein Körper erbete von einem heftigen Stoß - drohend und finster war bei all seiner Durchsichtigkeit Ellis' Gesicht, Zorn brannte düster in ihren weit aufgerissenen Augen ....

"Fort!" kam es zischend von ihren Lippen - und wieder Sturm und Finsternis. Aber diesmal klang in meinen Ohren nicht der Schrei der Legionen, es sang in ihnen, tremulierend auf einer hohen Note, die Stimme der jungen Sängerin... Die hohe Note tönte immer noch und wollte nicht enden, und doch war es eine ganz andere Luft, die mich umgab, ein ganz anderer Geruch... Kräftige Frische wehte, als wäre ein großer Fluss in der Nähe, und es roch nach Heu, nach Rauch und nach Hanf. Dem unendlich gedehnten Ton folgte ein anderer und ein dritter, und alle von einer so unbezweifelbaren Eigenart, alle mit diesen vertrauten Übergängen, dass ich mir sogleich sagte: "Ein Russe singt sein russisches Lied" - und da sah ich auch alles schon deutlich.

***

Ein flaches Ufer... Die gemähten Felder mit den riesenhaften Heuschobern verloren sich ins Unendliche, und ebenso endlos zog sich die glatte Fläche des großen wasserreichen Stromes dahin. Unweit vom Ufer schaukelten sanft an ihren Ankerketten die großen dunklen Barken, und die Spitzen ihrer Mastbäume bewegten sich dabei, als wären es Zeigefinger. Die klangvolle Stimme, die ich gehört hatte, kam von einer der Barken, ein Feuerchen brannte dort, und weithin im Wasser schwankte und bebte der rote Widerschein. Aber noch andere Feuer waren sowohl auf dem Fluss als auch im Feld zu sehen, nur dass das Auge nicht zu unterscheiden vermochte, ob sie fern waren oder nahe, bald zwinkerten sie flimmernd, bald wieder strahlten sie ruhig wie große funkelnde Punkte; zahllose Grillen zirpten genauso unermüdlich und so laut wie die Frösche in den Pontinischen Sümpfen - und am wolkenlosen, aber niedrigen und dunklen Himmel klangen die Schreie von unbekannten Vögeln.

"Wir sind in Russland?" fragte ich Ellis.

Sie nickte. "Diese Nacht ist eine große Nacht. Sie kommt nicht so bald wieder. Du wirst Zeuge sein ..."

Mit einem Male ging es schräg über die Wolga, dicht über dem Wasser, mit dem ruckweisen Flattern der Schwalben vor dem Sturm. Dumpf rauschten die schweren Wellen unter uns, und mit seinen kalten und heftigen Schwingen peitschte uns der scharfe Flusswind. Bald darauf tauchte das hohe rechte Ufer vor uns aus dem Dunkel auf. Die steilen Höhen und die tiefen Schluchten wurden sichtbar. Wir näherten uns ihnen.

"Rufe laut: Alle Mann an Bord!" flüsterte mir Ellis zu.

Zwar stieg alsbald in meiner Erinnerung das Grauen auf, das ich beim Erscheinen der römischen Gespenster empfunden hatte, zwar fühlte ich mich müde und sonderbar schwermütig, als wolle mir das Herz in der Brust vergehen - und ich wollte sie nicht aussprechen, diese Worte, denn ich ahnte, dass etwas Ungeheuerliches darauf erfolgen musste - allein es öffneten sich meine Lippen und gegen meinen Willen rief ich mit meiner schwachen und überanstrengten Stimme: "Alle Mann an Bord!"

Wie vor der römischen Ruine, so herrschte auch hier anfangs eine Totenstille - dann aber dröhnte plötzlich dicht neben meinem Ohr ein wildes und barbarisches Gelächter - und stöhnend schlug etwas ins Wasser und zappelte und bekam keine Luft mehr... Ich blickte mich um: nirgends war etwas zu sehen. Aber da kam schon vom Ufer das Echo - und mit einem Male erhob sich von überall her ein betäubender Lärm, ein Chaos von Lauten: Schreine, Kreischen, wütendes Schimpfen und Gelächter, Gelächter übermäßig, Ruderschläge und Beilhiebe, Krachen, wie wenn Türen und Kästen aufgebrochen werden, Knarren der Takellage und der Räder, Stampfen von Pferdehufen, Sturmläuten und Kettenrasseln, Toben und Heulen einer Feuersbrunst, trunkene Lieder und Knirschen der Erbitterung, trostloses Wimmern, jammerndes und verzweifeltes Flehen, und über allem gebieterische Kommandos, das Röcheln der Sterbenden, verwegenes Pfeifen und Johlen und das Stampfen von Tanzenden...

Ich wollte Ellis fragen, aber sie legte ihren Finger an die Lippen ....

"Stenjka Rasin! Stenjka Rasin!" schrie es ringsum. "Unser Väterchen, unser Hauptmann, unser Ernährer!" Noch war nichts zu sehen, und doch war mir plötzlich, als bewege sich ein riesenhafter Körper gerade auf mich zu...

"Hund, wo steckst du?" donnerte eine schreckliche Stimme. Glut einer Flamme ganz in der Nähe versengte mich fast, bitterer Brandgeruch raubte mir den Atem - und gleichzeitig schoss etwas Warmes, es könnte Blut sein, mir ins Gesicht und auf die Hände... Wieherndes Gelächter ringsum. Ich verlor die Besinnung.

Als ich wieder zu mir kam, schwebten wir sanft am Rande meines Waldes gerade auf die alte Eiche zu...

"Schau dort den Fußweg", sagte Ellis, "dort, wo der Mond so matt leuchtet und die zwei jungen Birken ihre Zweige herabhängen lassen... Wollen wir nicht dorthin?"

Aber ich war so zerschlagen und so völlig erschöpft, dass ich nur das eine zu antworten wusste: "Nach Hause... nach Hause ...."

"Du bist zu Hause", erwiderte Ellis.

In der Tat, ich stand vor der Tür meines Hauses und war allein. Ellis war verschwunden. Mein Hofhund lief herbei und beschnupperte mich, heulte dann auf und lief davon...

Mit Mühe und Not erreichte ich mein Bett und schlief ein, ohne mich erst auszuziehen.