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Das alles ergab keinen Sinn. Wenn die Männer und Frauen, die mit der Leitung des Phemus-Kreises betraut waren, in irgendetwas gut waren, dann darin, Ressourcen zu schonen; und menschliche Ressourcen waren die kostbarsten von allen.

Wir müssen nach einem anderen Motiv suchen, einem anderen Grund, weswegen man ihn, Rebka, hierher versetzt hat.

Rebka war nicht naiv genug, um zu glauben, seine Vorgesetzten würden ihm wirklich alles über seine Aufträge erzählen. Vielleicht wussten sie tatsächlich nicht einmal alles, was nötig war. Das hatte er auf die harte Tour herausgefunden, auf Pelikan-Wirbel. Von einem Krisenmanager wurde erwartet, auch dann handeln zu können, wenn die Karten noch nicht auf dem Tisch lagen, und Rebka konnte die besten Leistungen bringen, wenn er gezwungen war, manche Dinge auf sich allein gestellt herauszufinden.

Terraformierung von Erdstoß und Opal?

Seine Vorgesetzten mussten gewusst haben, dass er, sobald er das Planeten-Dublett des Dobelle-Systems zum ersten Mal zu Gesicht bekäme, sofort beide Welten als mögliche Kandidaten auf eine Eignung für entsprechende Terraformierungsprojekte hin abklopfen würde. War das der wahre Grund, warum man ihn hierher beordert hatte? Um dieses Projekt in Gang zu setzen?

Diese Alternative fühlte sich aber auch noch nicht richtig an.

Also noch ein paar weitere Variablen hinzunehmen. Vier Gruppierungen hatten ein Gesuch eingereicht, Erdstoß während des Gezeitensturms aufzusuchen. Rebka war bereit zu glauben, dass einer dieser Anträge tatsächlich nichts als reiner Zufall sein mochte — der Rat der Allianz stand nicht in dem Ruf, gegebenenfalls auf Betrug zurückzugreifen —, doch vier auf einmal war nicht mehr plausibel.

Und der bevorstehende Gezeitensturm würde der größte sein, den die Menschheit jemals würde miterleben können. Vielleicht war das der Schlüssel zu diesem Geheimnis. Die Besucher kamen, weil es ein besonderer Gezeitensturm sein würde.

Auch das fühlte sich nicht wie des Rätsels Lösung an. Darya Lang hatte ihm gesagt, sie habe nicht gewusst, dass ein besonders starker Gezeitensturm bevorstünde, bis Perry es ihr erklärt habe.

Rebka glaubte ihr. Sonderbar, dass er das tat. Er hatte seine derzeitige Lebensgefährtin auf der Station zurückgelassen, die sich im Orbit um ›Paradox‹ befand. Was auch immer sein Verstand ihm als Erklärung für sein Verhalten bieten mochte, seine Drüsen suchten wahrscheinlich schon nach einem Ersatz. In den ersten zwei Minuten, die er mit Lang verbracht hatte, war ihm bereits ihre wechselseitige Anziehung aufgefallen. Und das musste ihn noch vorsichtiger machen, wenn es um Darya Lang ging, denn schließlich wollte er ihr glauben.

Lang hat also nicht gewusst, dass Opal und Erdstoß ein Monster von Gezeitensturm bevorsteht. Fein. Du kannst das ja glauben, aber das bedeutet immer noch nicht, dass sie wirklich diejenige ist, die sie zu sein vorgibt! Nein. Sie kann durchaus eine andere, sehr viel komplexere Rolle spielen.

War sie das, was sie zu sein vorgab? Das ließ sich überprüfen. Bevor sie die Sternenseite verlassen hatten, hatte Rebka eine verschlüsselte Nachricht über das Bose-Kommunikationsnetzwerk abgeschickt, in der er den Nachrichtendienst des Kreises um eine Bestätigung dafür bat, dass Darya Lang tatsächlich eine Expertin auf dem Gebiet der Baumeister-Artefakte war. Die Antwort würde bereits vorliegen, wenn sie von Erdstoß zurückkehrten. Bis dahin mussten alle Fragen, die Professorin Lang betrafen, vorerst beiseitegeschoben werden.

Doch es blieben noch reichlich andere Fragen offen. Hans Rebka wurde aus seinen Gedanken gerissen, als er sanft am Arm berührt wurde. Er öffnete die Augen.

Max Perry deutete aufwärts, an der Linie von ›Nabelschnur‹ entlang. Über ihnen hing Erdstoß bedrohlich am Himmel, noch einmal um die Hälfte größer als zu Beginn ihrer Fahrt. Doch im Augenblick reflektierte diese Welt nur das trübe Licht von Amarant, dessen Farbe Rebka an getrocknetes Blut denken ließ. Mandel war hinter dem Planeten verborgen, und während der Gezeitensturm immer näher rückte, kam der Zwergsternbegleiter des Primärsterns ebenfalls immer näher. Schon bald würde es auf Erdstoß und Opal keine Nacht mehr geben.

Wieder deutete Perry auf irgendetwas, und Rebka begriff, dass das Hauptinteresse seines Begleiters im Augenblick nicht Erdstoß galt. Sie hatten ›Mittelstation‹ schon fast erreicht, und erstaunlicherweise schien ›Nabelschnur‹ hier zu enden. Deutlich konnte Rebka eine Lücke erkennen, eine Region, in der die zylindrische Struktur als leuchtend blauer Punkt endete. Sie bewegten sich rasch darauf zu, bis Erdstoß selbst durch den schimmernden Goldglanz von ›Mittelstation‹ verdeckt zu werden drohte.

»Was passiert denn hier?«, fragte Rebka. »Ich dachte, ›Nabelschnur‹ würde von Opal ganz bis nach Erdstoß reichen!« Er hätte ein wenig nervös sein sollen, schließlich herrschte außerhalb ihres Fahrzeugs reines Vakuum; doch Perry hatte ein Lächeln auf dem Gesicht, und er verhielt sich ganz und gar nicht wie ein Mann, der kurz vor dem Tod stand.

»Das ist auch so«, erwiderte er. »Wir nähern uns jetzt der ›Winde‹. Dort müssen wir rangieren und dann auf der anderen Seite von ›Mittelstation‹ wieder mit ›Nabelschnur‹ verbunden werden. Reisende können ›Station‹ betreten, wenn sie das wünschen — die ist gut ausgestattet, Energie und Lebensmittel und Unterkünfte —, aber ich sehe jetzt keinen Sinn darin, dort Zwischenstation zu machen. Wenn Sie möchten, können Sie sich ›Mittelstation‹ ja auf dem Rückweg anschauen.«

Während Perry noch sprach, schwang die Kapsel, in der sie sich befanden, vom Hauptkabel fort und wurde dann durch eine ganze Reihe Tore und über Verbindungsschienen geleitet. Erdstoß war verschwunden. Die Mittelstation lag jetzt zu ihrer Rechten. Rebka konnte eine ganze Reihe Andockstationen erkennen, jede einzelne davon groß genug, auch ihrer Kapsel Platz zu bieten. Er schaute zurück, an die Stelle, wo das Hauptkabel von ›Nabelschnur‹ im leuchtend blauen Nichts verschwand und dann, in einigen Kilometern Entfernung, wieder auftauchte.

»Ich sehe keine Winde.«

»Werden Sie auch nicht.« Der zweite Max war wieder da, aufmerksam und energiegeladen. »So haben wir das nur genannt. Wissen Sie, Opal und Erdstoß befinden sich in einem fast kreisförmigen wechselseitigen Orbit, aber ihr Abstand zueinander ändert sich ständig — die Divergenz beträgt bis zu vierhundert Kilometern. Eine permanente ›Nabelschnur‹ kann nicht funktionieren, es sei denn, es existiert eine Vorrichtung, über die überschüssiges Kabel eingeholt oder wieder ausgerollt kann. Und genau das macht die ›Winde‹.«

»Dieses Loch im Raum da?«

»Genau. Funktioniert prächtig, und während des Gezeitensturms holt sie zusätzlich Kabel ein, sodass die Vertäuung auf Erdstoß gelöst wird. Und zugleich ist die ›Winde‹ schlau genug, die Vertäuung auf Opal nicht zu lösen. Aber das ist alles Technologie der Baumeister. Wir haben keine Ahnung, wo das Kabel hingeht oder wo es herkommt oder woher es weiß, was es gerade tun muss. Den Leuten auf Erdstoß und Opal ist es egal, solange sie nur die ›Nabelschnur‹ über spezielle Steuersequenzen anheben oder absenken können.«

Perrys Widerwille, Erdstoß aufzusuchen, war in dem Augenblick wie weggeblasen, da sie von Opal abgehoben hatten. Nun spähte er hinaus, während sie den massigen Rumpf der Mittelstation umrundeten und dann wieder Erdstoß vor ihnen am Himmel stand.

Die Kapsel bewegte sich seitwärts, wurde am anderen Strang der ›Nabelschnur‹ befestigt, und schon nahm sie wieder Fahrt auf. Bald hatte die Kapsel mit ihren Passagieren den Schwerpunkt des Dobelle-Systems hinter sich gelassen, und nun spürte man deutlich, dass sie in Richtung Erdstoß ›fielen‹, ihre eigene Zentrifugalkraft addierte sich zur Schwerkraft des Planeten. Der schwarze Himmelskörper wurde zusehends größer, von Minute zu Minute, unmittelbar vor ihnen. Dann konnte man die ersten Details der Oberfläche erkennen.