Und Rebka beobachtete eine weitere Veränderung bei Perry. Die Atmung des jüngeren Mannes hatte sich beschleunigt. Er starrte hinaus und beobachtete angespannt, wie sie sich Erdstoß näherten, seine Augen leuchteten, und er konnte den Blick sichtlich nicht abwenden. Rebka war bereit zu wetten, dass auch der Puls seines Begleiters schneller ging.
Aber was gab es denn dort unten? Rebka hätte einiges dafür gegeben, Erdstoß mit den Augen von Max Perry sehen zu können.
Auf Erdstoß gab es keine größeren Wasseransammlungen wie Ozeane etwa, doch es gab viele Flüsse und kleinere Seen. Rings um diese wuchs die charakteristische dunkelgrüne und rostfarbene Vegetation. Die meisten dieser Pflanzen waren hart und dornig, doch an einigen Stellen wuchsen dicht üppige Farne, zart und doch robust. Eine dieser Stellen lag am Ufer des größten Sees, nicht weit vom Fuß der ›Nabelschnur‹ entfernt. Ein idealer Ort, um sich dort niederzulassen und auszuruhen. Oder für zwei Menschen, die an diesem idealen Ort anderen Freuden nachgehen wollten.
Amy redete, flüsterte ihm atemlos ins Ohr. »Du bist ein Experte, was?«
»Das weiß ich nicht.« Er klang träge, entspannt. »Aber ich weiß wahrscheinlich über diesen Ort genauso viel wie jeder andere.«
»Läuft aufs Gleiche raus. Also warum willst du mich nicht noch einmal hierher bringen? Das könntest du doch, Max, wenn du nur wolltest! Schließlich kontrollierst du den Zutritt doch!«
»Ich hätte dich gar nicht erst hierher bringen sollen.«
Dieses Gefühl der Macht. Er hatte es ursprünglich getan, um mit seinen neu gewonnenen Befugnissen anzugeben, doch sobald sie den Planeten erst einmal erreicht hatten, gab es andere, bessere Gründe. Erdstoß war immer noch ungefährlich, es war noch lange bis zum Gezeitensturm, doch schon jetzt war die Atmosphäre mit Vulkanasche geschwängert. Die Abende, die alle acht Stunden aufflammten, waren von unvergleichlicher Schönheit, leuchteten rot, purpurn, golden. Im ganzen Universum kannte er nichts, was dem auch nur ansatzweise nahe kam — hatte von nichts gelesen, hatte von nichts auch nur Gerüchte gehört. Selbst mit geschlossenen Augen sah er noch diese herrlichen Farben.
Damit hatte er unbedingt vor Amy angehen wollen — und doch wollte er selbst nicht den Blick davon abwenden, noch nicht. Er lag auf dem Rücken, starrte an diesem atemberaubenden Sonnenuntergang vorbei zu der immer heller werdenden Scheibe von Opal hinüber. Neben ihm hatte Amy einen dieser zarten Farnwedel herausgezupft und kitzelte damit jetzt seinen nackten Oberkörper. Nach einigen Augenblicken beugte sie sich zu ihm hinüber, nahm ihm den Blick auf Opal und schaute mit weit aufgerissenen, ernsten Augen auf ihn hinunter.
»Das machst du doch, oder? Das machst du ganz bestimmt. Sag, dass du das machst!«
»Was mache?!« Er tat, als verstünde er sie nicht.
»Mich wieder hierher mitnehmen! Wenn der Gezeitensturm noch etwas näher ist.«
»Mach ich ganz bestimmt nicht!« Er ließ den Kopf auf dem weichen Farnbett von einer Seiten zur anderen rollen, zu träge, ihn ganz anzuheben. Er fühlte sich wie der König der ganzen Welt. »Dann wäre es gefährlich, Amy. Also bitte nicht gerade dann.«
»Aber du kommst doch hierher!«
»Nicht während des Gezeitensturms. Ich bin dann schon lange weg, ich breche auf, solange es noch ungefährlich ist. Niemand bleibt dann hier.«
»Also könnte ich doch zusammen mit dir aufbrechen, wenn es dann noch ungefährlich ist. Oder nicht?«
»Nein. Nicht kurz vor dem Gezeitensturm.«
Amy beugte sich zu ihm hinunter, während das letzte Licht aus der Luft von Erdstoß ausblutete. Er konnte ihr Gesicht nicht mehr erkennen. Es war zusammen mit dem sterbenden Licht verblasst.
»Ich könnte!« Ihre Lippen waren nur noch ein paar Zentimeter von den seinen entfernt. »Sag, dass ich das könnte! Sag ja!«
»Nein«, wiederholte er. »Nicht kurz vor dem Gezeitensturm.«
Doch Amy antwortete ihm nicht. Sie versuchte, andere Argumente zu finden.
5
Gezeitensturm minus dreißig
Darya Lang hatte das Gefühl, eine entsetzliche Antiklimax erleben zu müssen. So weit gekommen zu sein, sich innerlich auf Konfrontationen und Gefahren und aufregende neue Erfahrungen vorbereitet zu haben … nur um dann ganz allein zurückgelassen zu werden und ungeduldig warten zu müssen, tagelang, während andere entschieden, wann — und ob überhaupt! — man ihr gestatten würde, den letzten und wichtigsten Abschnitt ihrer Reise hinter sich zu bringen!
Niemand in der ganzen Allianz hatte ihr zu verstehen gegeben, ihre Aufgabe auf Erdstoß würde leicht sein. Aber es hatte ihr auch niemand zu verstehen gegeben, sie könne Schwierigkeiten haben, die Schwesterwelt von Opal auch nur zu erreichen, nachdem sie erst einmal in das Dobelle-System gekommen war. Bisher hatte sie Erdstoß noch nicht einmal gesehen, außer aus weiter Ferne. Nun hing sie auf unbestimmte Zeit auf der Sternenseite von Opal fest, hatte nichts zu tun, ihr standen nur Kurzstrecken-Transportmöglichkeiten zur Verfügung, und sie hatte keinen Einfluss darauf, was als Nächstes geschah.
Perry hatte ihr ein ganzes Gebäude überlassen, ganz für sich allein, in unmittelbarer Nähe zum Raumhafen. Er hatte ihr versichert, dass sie sich ganz frei würde bewegen können, ganz wie es ihr beliebe, sie könne mit jedem reden, mit dem sie würde reden wollen, und alles tun, was sie ihr einfiele.
Sehr freundlich von ihm. Bloß dass im ganzen Gebäude niemand war, und dass es dort nichts gab außer Wohnquartieren — und er hatte ihr gesagt, sie solle sich bereit halten, sich unmittelbar nach seiner Rückkehr mit ihm zu besprechen. Rebka und er waren gewiss für mehrere Tage fort. Wohin sollte sie denn gehen? Was sollte sie tun?
Sie rief Karten von Opal auf ihrem Bildschirm auf. Für jeden, der die fixierten Kontinente und die genauestens definierten Grenzen zwischen Wasser und Land von Wachposten-Tor gewohnt war, erwiesen sich diese Karten hier als sonderbar unbefriedigend. Die Konturen des Ozeanbodens von Opal waren als dauerhafte Charakteristika dieses Planeten eingezeichnet, aber das schienen auch die einzigen geographischen Konstanten dieser Welt zu sein. Über die Schlingen konnte man nichts Weiteres herausfinden außer ihren derzeitigen Positionen und den Driftraten von ein paar Hundert der größten; dazu kam — ein beunruhigender Datensatz — die abgeschätzte Dicke und die abgeschätzte Lebensdauer jeder einzelnen Schlinge. Im Augenblick stand Dana auf einer Materialschicht, die weniger als vierzig Meter dick war, und diese Dicke änderte sich in unvorhersagbarer Weise von Jahr zu Jahr.
Darya deaktivierte den Bildschirm wieder, setzte sich und rieb sich die Stirn. Sie fühlte sich nicht gut. Zum Teil mochte das an der reduzierten Schwerkraft liegen: Hier auf der Sternenseite von Opal betrug sie nur vier Fünftel des Standards. Doch vielleicht lag es zum Teil auch an der Desorientierung, die die raschen Interstellarreisen mit sich brachten. Jeder einzelne Test besagte steif und fest, dass der Bose-Antrieb sich in keiner Weise auf Menschen auswirke. Doch Darya erinnerte sich an die Bewohner der Alten Archen, die sich stets nur mit Subluminalgeschwindigkeit fortbewegten und behaupteten, die menschliche Seele könne nicht schneller reisen als mit Lichtgeschwindigkeit.
Wenn die Bewohner der Archen Recht hatten, würde ihre Seele wirklich lange brauchen, um sie wieder einzuholen.
Darya ging zum Fenster hinüber und blickte zum wolkenbedeckten Himmel von Opal hinauf. Sie war einsam und sehr weit von zu Hause fort. Sie wünschte sich, sie könne wenigstens einen kurzen Blick auf Rigel werfen, dem nächstgelegenen Superriesen von Wachposten-Tor, doch die Wolkendecke hatte nicht eine einzige Lücke. Darya war einsam, und sie war auch verärgert. Hans Rebka mochte ja ein interessanter Mann sein, vielleicht auch an ihr interessiert — sie hatte das Funkeln in seinen Augen bemerkt —, doch sie hatte nicht extra einen so weiten Weg zurückgelegt, nur damit dann irgendein Hinterweltlerplaneten-Bürokrat ihr aus einer Laune heraus alle Pläne zunichte machte.