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So wie sie sich im Augenblick fühlte, war es wohl besser, ein wenig auf der Schlinge herumzuspazieren, statt in diesem niedrigen, klaustrophobische Gedanken evozierenden Gebäude eingesperrt zu bleiben. Sie ging hinaus und stellte fest, dass ein beständiger Nieselregen fiel. Unter solchen Umständen mochte es schwierig werden, die Schlinge zu Fuß zu erkunden — die Oberfläche bestand aus ungleichmäßig dicht und hoch wachsenden Gruppen von Seggen und Farnen, die auf einem weichen, leicht krumigen Mutterboden wuchsen, der seinerseits von den engen Wurzeln und dem glitschigen Gewirr von dicht am Boden wachsenden Rankpflanzen zusammengehalten wurde.

Doch zu Hause ging Darya auch immer barfuß, und mit nackten Zehen würde sie sich auch ganz ordentlich an den stabilen Ranken festhalten können. Sie beugte sich hinunter und streifte die Schuhe ab.

Außerhalb des Kontrollbereiches des Raumhafens wurde der Boden noch unebener, und voranzukommen wurde immer schwieriger. Doch Darya brauchte sowieso unbedingt wieder ein bisschen körperliche Ertüchtigung. Sie hatte gerade einen guten Kilometer zurückgelegt und sich schon entschlossen, einen wirklich langen Spaziergang zu machen, als ein kleiner dichter Busch nur wenige Meter vor ihr ein zorniges Zischen ausstieß. Die Köpfe der Pflanzen wurden hinunter- und schließlich flachgedrückt — von einem massigen, stämmigen, aber nicht sichtbaren Objekt.

Erschreckt keuchte Darya auf, machte einen Satz zurück und landete auf dem feuchten Boden. Hier barfuß zu gehen — oder eigentlich: überhaupt hier zu gehen — erschien ihr plötzlich wie eine sehr, sehr dumme Idee. Sie hastete zum Raumhafen zurück und erbat ein Fahrzeug. Dieses hatte nur eine sehr eingeschränkte Reichweite, doch Darya konnte damit immerhin noch über das Ufer der Schlinge hinausschweben und so einen ungehinderten Blick auf den Ozean von Opal werfen.

»Sie hätten sich keine Sorgen machen brauchen«, meinte der Techniker, der ihr das Fahrzeug zur Verfügung stellte. Er bestand darauf, ihr zu zeigen, wie die einfachen Kontrollhebel und dergleichen zu bedienen waren, auch wenn sie sich recht sicher war, dass sie das auch allein hätte herausfinden können. »›Was Schlimmes schafft’s nie zum Ufer‹, und die Leute ham auch nix Gefährliches mitgebracht, als das hier zum ersten Mal besiedelt wurde. Und Giftiges gibt’s hier auch nich. Ihnen hätt gar nix passieren können.«

»Was war das dann?«

»’ne alte Riesenschildkröte.« Der Techniker war ein hochgewachsenen, blasser Mann in einem schmutzigen Overall und mit einem Lächeln, das seine Zahnlücke prächtig zur Schau stellte, und allgemein sehr ungezwungenem Auftreten. »Wiegt vielleicht ’ne halbe Tonne, isst die ganze Zeit. Aber immer nur Farne und Gräser und so. Bei der könnten Sie auffem Rücken reiten, und die würd nix merken.«

»Stammt die von hier?«

»Nö.« Die kurze Einführung in die Handhabung des Flugwagens war vorbei, aber der Techniker hatte es offensichtlich nicht eilig. »Auf Opal gibt’s keine Wirbeltiere. Das größte, was es hier an Land gibt, ist so ’ne Art vierbeinige Krabbe.«

»Gibt es denn im Ozean gefährliche Lebensformen?«

»Nich’ gefährlich für Leute wie Sie und mich. Zumindest nich’ absichtlich. Wenn man ’n Stück weit vom Ufer entfernt is, dann muss man auf große, grüne Buckel aufpassen, die manchmal an die Oberfläche kommen — ungefähr ’n Kilometer im Durchmesser. Das is dann ’n Gießer. Manchmal beschädigen die ’n Boot, aber bloß, weil sie halt nich’ wissen, dass das da is.«

»Und wenn so ein Ding unter eine Schlinge käme?«

»Warum soll so ’n Vieh so doof sein, so was zu tun?« Seine Stimme klang, als wolle er sie ein wenig aufziehen. »Die kommen hoch, um Luft und Sonnenlicht zu kriegen, und beides gibt’s nich unter ’ner Schlinge. Sie sollten mal zusehen, dass Sie eins von denen zu sehen kriegen — so ’n Gießer zu sehen, das is schon was! Um diese Jahreszeit kommen die ziemlich häufig rauf. Und Sie haben richtig Glück gehabt, dass Sie diese alte Riesenschildkröte gesehen ham, wissen Sie? Noch ’n paar Tage, dann wär die weg gewesen. Die brechen immer besonders früh auf.«

»Und wo ziehen die hin?«

»In den Ozean. Wohin denn sonst? Die wissen, dass der Gezeitensturm ansteht, und die wollen’s schön kuschelig haben, wenn’s so weit ist. Die müssen wissen, dass es dieses Jahr besonders dicke kommt.«

»Sind die denn da in Sicherheit?«

»Klar. Das Schlimmste, was denen passieren kann, ist, dass eine von denen ’ne Zeit lang auf dem Trockenen sitzt, wenn mal so richtig Ebbe herrscht, ’n paar Stunden später können sie dann weiterschwimmen.«

Mit diesen Worten stieg er vom Trittbrett auf der linken Seite des Wagens. »Wenn Sie den kürzesten Weg zum Ufer der Schlinge finden wollen, dann fliegen Sie ganz niedrig und schauen einfach, in welche Richtung die Köpfe der Riesenschildkröten zeigen! Dann kommen Sie direkt da hin.« Er wischte sich die Hände an einem schmutzigen Lappen ab, sodass sie genauso schwarz waren wie vorher, und warf Darya sein herzlichstes, bewunderndstes Lächeln zu. »Hat Ihnen schon mal jemand gesagt, dass Sie ’nen Gang wie ’ne Göttin ham und sich echt toll bewegen? Is so! Wenn Sie also gern Gesellschaft wollen, wenn Sie wieder da sind: Sie finden mich hier! Ich wohn hier ganz in der Nähe. Bin übrigens Cap.«

Während Darya Lang den Wagen in die bezeichnete Richtung lenkte, beschäftigte sie sich in Gedanken mit den Welten des Phemus-Kreises. Oder lag es vielleicht nur an der Luft von Opal, dass die Männer ihr hier ganz andere Blicke zuwarfen als sonst? In den letzten zwölf Jahren auf Wachposten-Tor, seit sie erwachsen war, hatte sie nur eine einzige Beziehung gehabt, insgesamt vielleicht vier Mal ein Kompliment erhalten und wenn es hoch kam, ein halbes Dutzend bewundernder Blicke aufgefangen. Hier erntete sie schon das zweite Mal in zwei Tagen besondere Aufmerksamkeit.

Naja, Legatin Pereira hatte ihr ja gesagt, sie solle sich von nichts überraschen lassen, was außerhalb des Territoriums der Allianz geschehe. Und ihr Nennonkel Matra war deutlich deutlicher geworden, als er erfahren hatte, wohin sie fahren wollte: »Auf den Welten des Kreises ist wirklich jeder sexbesessen! Müssen die auch sein, sonst sterben die nämlich aus.«

Die Riesenschildkröten waren aus der aktuellen Flughöhe von Daryas Wagen aus nicht zu erkennen; doch ein Weg zum Ufer der Schlinge ließ sich leicht finden. Eine Zeit lang flog Darya einfach ein wenig über den Ozean und war sehr zufrieden, als sie den riesenhaften grünen Rücken eines Gießers entdeckte, der gerade aus den Tiefen des Ozeans auftauchte. Aus der Ferne gesehen, hätte man eben diesen Rücken für eine kleinere, zufälligerweise kreisrunde Schlinge halten können, bis sich diese plötzlich zu öffnen schien, zehntausende Mäuler auf einmal aus dem Rücken hervorstießen, und jedes einzelne einen zischenden Schwall weißen Wasserdampfs ausstieß. Nach zehn Minuten schlossen sich die Mäuler wieder, doch der Gießer aalte sich weiterhin an der Oberfläche in dem dort warmen Wasser.

Zum ersten Mal begriff Darya, dass diese Schlingen auf einer den Gezeiten unterworfenen Wasserwelt wie Opal ökologisch gesehen nicht nur sinnvoll waren, sondern perfekt. Gezeiten besaßen auf Welten wie Wachposten-Tor vor allem zerstörerische Kraft, weil dort der steigende und sinkende Spiegel des Ozeans durch feste Landgrenzen in seinem Spielraum deutlich eingeschränkt war. Doch hier konnte das Wasser sich uneingeschränkt bewegen, die Schlingen trieben einfach auf dem sich verändernden Meeresspiegel. Ja, auch wenn die Schlinge, auf der der Sternenseiten-Raumhafen errichtet worden war, sich gerade in diesem Moment aufwärts oder abwärts bewegen musste — eine Folge des Schwerefeldes von Mandel und Amarant, so befand sich diese Schlinge relativ zur Oberfläche des Ozeans gesehen in absoluter Ruhe. Jegliche die Stabilität gefährdenden Auswirkungen kamen von Effekten dritter Ordnung, die sich aufgrund ihrer Größe ergaben.