Perry hatte die Kapsel an der Basis von ›Nabelschnur‹ bereits erreicht und hielt die untere Einstiegsluke weit geöffnet.
Geradewegs stürzte Rebka sich hindurch, verzichtete zugunsten größerer Schnelligkeit auf jegliche Würde. »Okay! Bin drin! Los geht’s!«
Wie verrückt rannte Perry die Stufen zur Steuerungs- und Beobachtungskabine hinauf, und die Kapsel setzte sich bereits wieder aufwärts in Bewegung, bevor Rebka auch nur wieder auf die Beine gekommen war und die Gelegenheit hatte, zuschauen, ob er vielleicht verletzt sei. Statt die Luke zu sichern und Perry zu folgen, drehte er sich zur Luke um und ließ sie einige Zentimeter weit offen. Dann spähte er hinaus.
Pfeifend schwirrten in großer Zahl immer noch Felsbrocken und Lavatropfen über das Gebiet hinweg, das sie gerade hinter sich gelassen hatten. Rebka konnte sehen, wie die ersten Brände entstanden, dort wo das glühende Gestein das Gebüsch und die ausgetrockneten Bodendecker entzündeten, und gelegentlich hörte er auch, wie etwas gegen ›Nabelschnur‹ schlug, über ihnen ebenso wie unter ihnen. Die Geschosse würden keinen Schaden anrichten, es sei denn, irgendetwas davon würde ausgerechnet die offene Luke treffen. Sicherlich jedoch hätte Rebka noch genügend Zeit, diese zu schließen, sähe er doch das entsprechende Geschoss auf die Kapsel zufliegen.
Gefährdet aber waren die importierten Flugwagen. Sie standen fein säuberlich aufgereiht am Fuße von ›Nabelschnur‹, gebaut von Menschen, von Opal hierher gebracht, um sie bei der Erkundung von Erdstoß einzusetzen. Während Rebka noch zuschaute, wirbelte ein rauchender Felsbrocken geradewegs auf einen der Wagen zu. Als der Brocken dann aufprallte und davonsprang, ohne Schaden anzurichten, begriff Rebka, dass die Wagen unter einem Schutzschild aus dem transparentem Material der Baumeister standen — höchstwahrscheinlich hatte man dieses aus irgendeinem Raum der Mittelstation an diese Stelle gebracht.
Dann ließ Rebka den Blick zum Horizont hinüberschweifen. Aus ihrer aktuellen Höhe, etwa zweihundert oder dreihundert Meter, konnte er trotz der trüben Luft von Erdstoß recht weit sehen. Überall auf der Oberfläche loderten explosionsartige Feuer, bis hin zu den Bergkuppen in der Ferne. Der aufsteigende Rauch sorgte dafür, dass ihm ein stechender Geruch in die Nase stieg, harzartig und sehr aromatisch, über dem Boden flirrte die Hitze, und wegen des Staubs konnte man kaum noch etwas erkennen.
Zweifellos war die Ursache dieses Zwischenfalls tatsächlich nur diese Reihe Vulkane, die sich zwischen ›Nabelschnur‹ und der leuchtenden Scheibe von Mandel befanden: Während Mandel selbst jetzt im Westen tief am Himmel hing, stieg über jeder dritten Bergkuppe eine Rauchsäule auf. Doch die Wucht der Eruption ließ bereits nach. In den Rauchwolken konnte man schon kein schimmerndes Karmesinrot oder Orange mehr ausmachen, und es wirbelten auch schon deutlich weniger Felsen auf die Kapsel zu. Die Pflanzenfresser waren schon lange verschwunden, wahrscheinlich verbargen sie sich in der schützenden Tiefe des Sees. Sie würden wissen, wann sie wieder würden herauskommen können.
Perry hatte die Steuerungskabine verlassen und kauerte sich jetzt neben Rebka. Die Aufwärtsbewegung entlang ›Nabelschnur‹ hatte aufgehört.
»Also gut.« Rebka machte sich daran, die Luke zu schließen. »Sie haben mich überzeugt. Ich möchte nicht die Verantwortung dafür übernehmen, andere Personen Erdstoß betreten zu lassen. Nichts wie weg hier und dann zurück zu Opal!«
Doch Perry hielt die Luke fest, bevor sie ganz geschlossen war, und schüttelte den Kopf. »Ich möchte noch einmal zurück.«
»Warum das denn?! Wollen Sie unbedingt da unten umkommen?«
»Natürlich nicht! Ich möchte mir genau ansehen, was da eigentlich gerade passiert, und es verstehen lernen.«
»Erdstoß steht kurz vor dem Gezeitensturm, Commander. Das passiert da gerade! Die Vulkanausbrüche und die Erdbeben beginnen genau wie vorhergesagt.«
»Nein. So ist das nicht.« Perry wirkte eher nachdenklich denn beunruhigt. »Hier ist irgendetwas sehr rätselhaft. Vergessen Sie nicht: Ich war schon zu dieser Jahreszeit auf Erdstoß, schon viele Male! Das, was wir da gerade miterlebt haben, das war gar nichts, nur ein kleines Feuerwerk. Wir hätte viel mehr derartige Aktivitäten vorfinden müssen, viel, viel mehr! Die Oberfläche war völlig ruhig, als wir gelandet sind; sie hätte die ganze Zeit über beben müssen. Und diese Eruptionen sahen zwar beeindruckend aus, aber die Erdstöße da waren gemessen an dem sonst üblichen geradezu ein Witz. Sie haben ja selbst gemerkt, wie schnell die sich wieder gelegt haben.« Er deutete auf die offen stehende Luke. »Schauen Sie sich das an: Da beruhigt sich schon wieder alles!«
»Ich bin ja kein Planetar-Geologe, aber genau das ist es, was ich jetzt erwartet hätte.« Rebka konnte sich einfach keinen Reim darauf machen, was im Augenblick in Perry vorging. Wollte dieser Mann jetzt Besucher während des Gezeitensturms, oder lieber doch nicht? Jetzt, wo Rebka wirklich ein gutes Argument dagegen vorgebracht hatte, überlegte Perry es sich scheinbar wieder anders. »Zu erwarten wäre doch wohl, dass sich tektonische Spannung im Mantel des Planeten aufbaut, um dann wieder abgebaut zu werden. Spannungsaufbau, bis ein kritischer Wert erreicht wird, dann Abbau der Spannung, also der Wechsel von ruhigen Phasen und heftigen.«
»So ist das hier aber nicht«, widersprach Perry ihm und schloss die Luke. »Nicht während des Gezeitensturms! Denken Sie doch mal nach, Captain! Das ist kein normaler planetarer Vulkanismus. Opal und Erdstoß umkreisen einander einmal in acht Stunden. Bei jeder einzelnen Umkreisung pressen die Gezeitenkräfte von Mandel und Amarant die Krusten der Zwillingsplaneten zusammen und ziehen diese dann wieder auseinander. Bei einem normalen Gezeitensturm sind diese Kräfte schon gewaltig, und durch die Große Konjunktion wird der Effekt ungleich gewaltiger ausfallen — Hunderte von Malen heftiger als das ganze restliche Jahr über.«
Er setzte sich in den vorderen Frachtraum und starrte die Wand an. Nach einigen Augenblicken ging Rebka zur Steuerungskabine hinüber und leitete selbst den weiteren Aufstieg ein. Als er wieder zurückkam, hatte Perry sich kein Stück bewegt.
»Kommen Sie, jetzt reißen Sie sich mal zusammen! Ich glaube Ihnen ja; diese Gezeitenkräfte sind wirklich immens. Aber das gilt doch für Opal genauso wie für Erdstoß.«
»Das stimmt.« Endlich schien Perry aufzuwachen und erhob sich nun. »Aber die Wirkung wird auf Opal deutlich abgeschwächt. Die Oberfläche des Ozeans kann sich frei und ungehindert verformen, und so ergeben sich alle vier Stunden neue Höchststände für Ebbe und Flut. Alle Veränderungen am Meeresboden — also Seebeben und Eruptionen — werden durch das Wasser, das darauf lastet, abgeschwächt. Aber bei den Landgezeiten auf Erdstoß gibt es keine Ozeane, die diese Wirkung würden lindern können. Um diese Jahreszeit sollte Erdstoß die ganze Zeit über aktiv sein. Aber Erdstoß ist es nicht! Also: wo geht diese ganze Energie hin?«
Perry ließ sich wieder in seinen Sessel fallen und schaute dann stirnrunzelnd ins Leere.
Rebka war in sonderbarer Weise unzufrieden, als die Kapsel ihre Geschwindigkeit steigerte und das leise Pfeifen begann, das die schnelle Durchquerung der Atmosphäre anzeigte. Der Ort schien tatsächlich genauso gefährlich zu sein, wie Perry das immer behauptet hatte. Und dennoch hatte Perry selbst keine Angst auf Erdstoß. Kein bisschen. Er wollte dorthin zurück — mitten während einer Eruption!
Rebka kam zu einem Schluss. Wenn er Perry wirklich verstehen wollte, benötigte er mehr Daten. Er setzte sich und schaute den jüngeren Mann aufmerksam an.
»Also gut, Commander Perry: Es sieht auf Erdstoß nicht so aus, wie Sie das erwartet haben. Ich kann das nicht beurteilen. Dann geben Sie mir doch bitte einen Eindruck: Wie sieht Erdstoß denn normalerweise um diese Jahreszeit aus?«