Die beiden sind also auf Pavonis-Vier gelandet und haben da ein Luxus-Zelt aufgestellt. Pav Vier ist ein armer Sumpfplanet der Gemeinschaft. Jetzt ist diese Welt arm, sollte ich vielleicht besser sagen — sie war reich genug, bevor sich gewisse Konzerne unter menschlicher Leitung dieser Welt angenommen haben. Hinderlich bei der ganzen Sache war da nur die einheimische Amphibien-Spezies, die als die ›Bercia‹ bekannt ist. Die Bercia jedenfalls standen nach so viel wirtschaftlichem Interesse fast vor der Ausrottung. Ein Glück nur, dass der Planet recht schnell ausgeschlachtet war und die Konzerne sich daraufhin wieder verzogen. Den überlebenden Bercia — den wenigen, die noch übrig waren — gewährte man großzügig den vorläufigen Status einer ›potenziellen Intelligenz‹. Die Bercia wurden von nun an geschützt. Endlich.«
Graves machte eine Pause. Und auf seinem Gesicht waren derart viele und unterschiedliche Emotionen ablesbar, dass hinter dieser sonderbaren Maske nicht mehr zu erkennen war, ob es Julius oder Steven war, der hier sprach.
»Waren denn nun die Bercia vernunftbegabt?«, fragte Graves leise. »Das Universum wird es niemals erfahren. Wir wissen, dass die Bercia jetzt ausgelöscht sind, eine ausgestorbene Spezies. Ihre letzten beiden Baue wurden vor zwei Monaten zerstört … durch Elena und Geni Carmel.«
»Aber doch bestimmt nicht mit Absicht?« Immer noch umklammerte Perry die Datenwürfel und starrte sie an. »Das kann doch nur ein Unfall gewesen sein!«
»Selbstverständlich, das ist möglich, gut möglich.« So ernst, wie seine Stimme klang, hatte jetzt wohl wieder Julius Graves den Körper übernommen. »Wir wissen es nicht, kaum war es geschehen, da waren die Carmel-Zwillinge auch schon auf und davon. Sie blieben nicht, um Erklärungen abzugeben. Sie sind geflohen, aus welchem Grund auch immer. Sie sind immer weiter geflohen, bis wir ihnen vor einer Woche den Zugang zum Bose-Netzwerk gesperrt haben. Und jetzt können sie nicht mehr weiter flüchten.«
Nun hatte der Sturm seinen Höhepunkt erreicht. Von draußen drang das traurige Heulen und Tosen des Windes herein, übertönt nur vom Kreischen einer Sirene und dem Prasseln von Regen auf dem Dach. Dennoch bereitete es Rebka keine Schwierigkeiten, Graves’ Worten zu folgen; Perry hingegen folgte einer völlig andersartigen Konditionierung. Beim ersten Ton der Sirene war er bereits zur Tür gestürzt.
»Da landet jemand! Und ist, deshalb die Sirene, in Schwierigkeiten! Die müssen verrückt sein, wenn sie nicht genügend Erfahrung haben, bei einem Sturm der Kategorie Fünf …«
Und fort war er. Langsam erhob sich nun auch Julius Graves. Doch Hans Rebkas Hand auf seinem Arm hielt den Allianzrat zurück.
»Sie sind geflohen«, gab Rebka ihm das Stichwort. Durch die vom dichten Regen fast blinden Scheiben konnte er die Lichter eines herabsinkenden Flugwagens erkennen, der schlingerte und taumelte in den tückischen Seitenwinden. Er war nur noch wenige Meter vom Boden entfernt, und bald würde auch Rebka hinaus müssen. Aber vorher musste er noch eine Information bestätigt wissen. »Sie sind geflohen. Und dann sind sie … nach Opal gekommen?«
Graves schüttelte den massigen, vernarbten Kopf. »Das hatte ich angenommen, und deswegen hatte ich auch um eine Landeerlaubnis hier gebeten. Stevens Berechnungen nach muss ihre Flugbahn ihren Endpunkt im Dobelle-System gehabt haben. Doch als ich hier eintraf, habe ich sofort mit der Kontrolle des Sternenseiten-Raumhafens gesprochen. Man versicherte mir glaubhaft, niemand könne ohne Wissen der Hafenkontrolle ein Schiff, das mit einem Bose-Antrieb ausgestattet sei, auf diesem Planeten landen.«
Draußen begannen weitere Sirenen zu schrillen, und das fahle Gleißen orangeroter Warnleuchten flammte auf. Lautstark versuchten verschiedene Stimmen einander zu übertönen. Rebka schaute zum Fenster hinüber und sah, wie der Flugwagen aufsetzte, zu hart, zu schnell, vom Boden förmlich abprallte, sich in der Luft drehte und kopfüber zu Boden stürzte. Rebka wollte schon zur Tür stürmen, doch plötzlich hielt ihn Graves zurück, mit der Hand fest seinen Arm umklammernd.
»Wenn Commander Perry zurückkehrt, werde ich ihn über ein neues Gesuch in Kenntnis setzen«, sagte er mit ruhiger Stimme. »Wir wollen nicht Opal absuchen. Hier befinden sich die Zwillinge nicht. Aber sie befinden sich im Dobelle-System. Und das kann nur eines bedeuten: Sie sind auf Erdstoß.«
Er neigte den Kopf zur Seite, als höre er zum ersten Mal das Schrillen der Sirenen und das Kreischen reißenden Metalls. »Wir müssen Erdstoß absuchen, und das bald. Aber im Augenblick scheint es dringlichere Probleme zu geben.«
8
Gezeitensturm minus sechsundzwanzig
Der Augenblick des Todes. Das ganze Leben läuft vor deinen Augen ab.
Darya Lang hörte, wie der Seitenwind den Wagen traf, genau in dem Augenblick, als der Flugwagen zum zweiten Mal aufzusetzen versuchte. Sie sah, wie die rechte Tragfläche über das Rollfeld schrammte, spürte, wie die Maschine vom Rollfeld abkam, wusste, dass das Fahrzeug sich auf den Rücken drehen würde. Sie hörte, wie die überlasteten Dachplanken kreischten.
Plötzlich wirbelten schwarze Erdklumpen dicht an ihr vorbei. Schlamm spritzte auf und nahm ihr den Atem. Das Licht erlosch, völlige Dunkelheit hüllte sie ein.
Als der Sicherheitsgurt schmerzhaft in ihre Brust schnitt, wurde ihr Verstand durch diesen Schmerz wieder klarer. Sie fühlte sich betrogen.
Das war also ihr ganzes Leben, das jetzt so vor ihrem geistigen Auge vorbeiziehen sollte? Wenn ja, dann hatte sie wirklich ein armseliges Leben geführt. Das Einzige, woran sie denken konnte, war ›Wachposten‹. Dass sie ihn niemals mehr würde begreifen können, niemals seine uralten Rätsel lösen, niemals erfahren würde, was mit den Baumeistern geschehen war. All diese Lichtjahre ihrer Reise, nur um dann wie ein Käfer vom Dreck eines lausigen, unbedeutenden Planeten zerquetscht zu werden!
Wie ein Käfer. Der Gedanke an Käfer gab ihr ein unbestimmtes Schuldgefühl.
Warum?
Dann erinnerte sie sich, merkte, dass sie kopfüber in ihrem Sicherheitsgurt hing. Das Denken fiel ihr schwer, aber sie musste es tun. Sie lebte noch. Die Flüssigkeit, die an ihrer Nase entlang — und dann in ihre Augen lief, brannte schrecklich, doch sie war zu kalt, als dass es Blut hätte sein können. Aber was war mit den beiden anderen, Atvar H’sial und J’merlia, die auch in Fahrgastsitzen hängen mussten? Keine Käfer, dachte sie, eigentlich mit Insekten sogar noch weniger verwandt als ich. Vernunftbegabte Lebewesen. Schäm dich, Darya Lang!
Nur: Hatte sie die beiden vielleicht umgebracht mit ihren jämmerlichen Versuchen, diesen Flugwagen zu steuern?
Darya reckte den Hals, versuchte sich umzuschauen, hinter sich zu blicken. Irgendetwas mit ihrem Hals stimmte nicht. Schockartig brannte reine Hitze sich tief in ihre Kehle und ihre linke Schulter, bevor sie den Kopf ganz hatte drehen können. Sehen konnte sie nicht das Geringste.
»J’merlia?« Es hatte gar keinen Sinn, nach Atvar H’sial zu rufen. Selbst wenn die Cecropianerin sie hätte hören können, wäre es ihr doch unmöglich gewesen, ihr zu antworten. »J’merlia?«