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»Was bedauerlicherweise hier nicht der Fall war. Also wie sollen wir sie denn nun finden?« Graves ging zur Luke hinüber und spähte hinaus, dann ließ er seine Fingerknöchel knacken. »Ich habe wirklich einen Verweis verdient, wissen Sie? Ich war irgendwie davon ausgegangen, dass, sobald wir das Schiff gefunden hätten, mit dem sie hierher gekommen sind, alles vorbei sei. Ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, dass die vielleicht draufgängerisch genug sein könnten, das Schiff zu verlassen und sich auf der Oberfläche von Erdstoß herumzutreiben.«

»Den Verweis können Sie gerne haben, wenn Sie wollen. Aber selbst wenn Sie die beiden finden, wie wollen Sie denn dann mit den Zwillingen verfahren?«

»Überlassen Sie das ruhig mir! Mein Spezialgebiet, verstehen Sie? Wir sind konditionierte Lebewesen, Commander. Wir nehmen an, alles was wir selbst wissen, sei einfach, und alles andere sehr geheimnisvoll.« Mit seinem dünnen Arm, der unter dem schwarzen Stoff seiner Kleidung irgendwie noch dürrer wirkte, deutete er auf das gesamte Gebiet der Pentacline-Senke. »All das hier erscheint mir sehr geheimnisvoll. Die beiden verbergen sich irgendwo dort draußen. Aber warum sollten sie dieses Schiff verlassen, das doch ein gewisses Maß an Sicherheit bietet, und dorthin gehen?«

Vom Schiff aus war nur eine einzige, grüne Masse von Rankpflanzen zu erkennen, saftig, dicht verflochten. Erdstöße ließen die Senke die ganze Zeit über erzittern, was dem Urwald dort draußen tatsächlich ein eigenes Bewusstsein und wahre Nervosität zu verleihen schien.

»Die sind dorthin gegangen, weil sie dachten, es sei ungefährlich, und damit niemand sie finden würde. Aber ich kann sie finden.« Perry warf einen Blick auf seine Uhr. »Wir müssen uns beeilen. Es ist schon Stunden her, dass wir von dem Funkfeuer aus aufgebrochen sind. J’merlia.« Er wandte sich dem besorgten Lo’tfianer zu. »Wir haben euch versprochen, wir würden euch in vier Stunden wieder dorthin zurückbringen, wo ihr vorher wart. Und das wird auch so sein. Kommen Sie, Allianzrat! Ich weiß, wo die sein werden — ob nun lebendig oder tot.«

Außerhalb des Schiffes schien die Atmosphäre in der Senke dichter und drückender zu sein, zehn Grad heißer als auf der Ebene. Schwarzer Basalt zitterte unter ihren Sohlen, er war heiß und pulsierte wie die Schuppenhaut eines gewaltigen Untieres. Perry ging bis zur Kante des Felsplateaus und schaute sich sorgfältig um.

Graves folgte ihm und wischte sich über die schweißnasse Stirn. »Wenn Sie auf Fußabdrücke spekuliert haben, dann möchte ich Sie ja nicht entmutigen, aber …«

»Nein. Wasserabdrücke.« — Perry kniete sich auf den Boden. »Ablaufmuster. Auf Erdstoß gibt es zahlreiche kleine Seen und Tümpel. Die hier heimischen Tiere kommen damit prima zurecht, aber die können auch mit Wasser leben, das Sie oder ich nicht würden trinken können. Und sobald die Carmel-Zwillinge ihr Schiff verlassen haben, werden sie Trinkwasser benötigen.«

»Vielleicht haben sie ja einen Aufbereiter.«

»Den werden sie ganz gewiss haben, und sie werden ihn auch brauchen — Trinkwasser ist auf Erdstoß ein ziemlich relativer Ausdruck. Sie oder ich würden das nicht trinken können, und Geni und Elena Carmel auch nicht.« Mit der Hand fuhr Perry über eine glatte, keilförmige Einbuchtung im Fels. »Wenn die noch leben, dann werden sie in der Nähe des Wassers bleiben. Und es ist völlig egal, wohin die beiden zuerst gegangen sind, als sie von diesem Felsen aufgebrochen sind — und das muss so sein, schließlich ist ihr Sommer-Traumschiff noch hier —, denn sie müssen hier, entlang einer der Ablaufrinnen geblieben sein. Das hier ist eine davon, eine gute, richtig tief ausgewaschene. Eine weitere ist dort drüben, fast genau so deutlich ausgeprägt. Aber diese Felsplatte hier ist ein wenig geneigt, und wir sind hier auf der etwas niedrigeren Seite. Also werden wir die hier zuerst ausprobieren.«

Vorsichtig ließ er sich über die Kante gleiten. Graves folgte ihm, er verzog das Gesicht, als er mit der bloßen Hand den Basalt berührte. Der Felsen war wärmer als sein eigenes Blut, fast schon heiß genug, um sich daran zu verbrennen. Rasch bewegte Perry sich vorwärts, er rutschte auf seinem Hinterteil eine Schräge von mindestens dreißig Grad Neigung hinab, durch einen herabhängenden Vorhang dichter Kletterpflanzen mit dunkelroten Adern hindurch.

»Warten Sie auf mich!« Graves hob einen Arm, um seine Augen zu schützen. Scharfkantiges Laub zerschnitt ihm den Handrücken und hinterließ auch Wunden auf seinem ungeschützten, kahlen Schädel. Dann war er hindurch, unter der Bodenvegetation hinweg, die die erste Ebene der Pentacline-Senke kennzeichnete.

Das Licht von Mandel und Amarant war hier zu einem blaugrünen Schatten gedämpft. Kleine Wesen flogen auf sie zu. Julius Graves dachte zuerst, es seien Insekten oder Vögel, doch nach einer kurzen Anfrage bei Steven wusste er, dass es in Wirklichkeit Pseudohohltiere waren, eher mit fliegenden Quallen vergleichbar als mit irgendeiner anderen Lebensform auf Terra oder Miranda. Aufgeschreckt zwitscherten die Tiere und flüchteten vor Graves in das Halbdunkel des Waldes. Nach wenigen Metern war die Temperatur unter dem Blätterdach sprunghaft um einige weitere Grad gestiegen.

Perry folgte dem Felsbett des Wasserlaufs, zwängte sich zwischen klebrigen, gelben Pflanzenstängeln und hoch aufragenden Pilzgewächsen hindurch, manche höher als zwei Meter. Ganze Wolken winziger, geflügelter Wesen stoben aus den höheren Lagen des Blätterdachs auf und stürzten sich auf sein ungeschütztes Gesicht und seine bloßen Hände.

»Die beißen nicht«, meinte Perry über die Schulter hinweg. »Einfach weitergehen!«

Graves schlug dennoch nach ihnen, versuchte sie von seinen Augen abzuhalten. Er fragte sich, warum Perry keine Atemfilter und Schutzmasken mitgenommen hatte. Während er darüber nachdachte, achtete er nicht darauf, wohin er ging und marschierte geradewegs in den anderen Mann hinein.

»Haben Sie was gefunden?«

Perry schüttelte den Kopf und deutete abwärts. Zwei Schritte vor ihnen verwandelte sich das Flussbett in einen vertikal verlaufenden Schacht. Sorglos beugte sich Graves darüber, doch er konnte keinen Boden erkennen.

»Wollen wir hoffen, dass die nicht da unten sind.« Perry hatte bereits kehrtgemacht.

»Und was ist, wenn das andere auch eine Sackgasse ist?« Wieder knackte Graves mit den Fingerknöcheln.

»Das wäre Pech. Dann müsste uns eine neue Idee kommen, wo sie wohl stecken könnten; aber selbst wenn uns noch etwas einfallen sollte, hätten wir dann ohnehin keine Zeit, dieser Spur nachzugehen. Wir müssen auch an uns selbst denken.«

Statt den felsigen Abhang wieder hinaufzuklettern, ging er erst einige Schritte seitwärts, bahnte sich vorsichtig einen Weg um den Fuß des großen Felsbrockens, bis er auf den zweiten Ablauf stieß. In der Nähe des Wasserlaufs wuchs die niedrige Vegetation sichtlich kräftiger. Zähe Bambusspeere ragten bis auf Kniehöhe hinauf, durchbohrten Stiefelsohlen und zerschnitten den Stoff ihrer Hosen. Reizender Pflanzensaft angebrochener Blätter brannte in den feinen Schnittwunden an ihren Unterschenkeln. Perry fluchte, doch er verlangsamte seinen Schritt nicht.

Nach weiteren zwanzig Metern blieb er stehen und deutete auf irgendetwas. »Da ist noch ein Ablauf. Und irgendein Lebewesen ist hier in letzter Zeit öfters durchgegangen.« Das grau-grüne Seggenried, das neben dem Wasserlauf wuchs, war an mehreren Stellen zertreten und gebrochen. Die zerquetschten Stängel waren von einer braunen Schicht getrockneten Pflanzensafts überzogen.

»Tiere?« Graves beugte sich vor und rieb sich die zerkratzten Schienbeine und Waden, die inzwischen juckten wie verrückt.