Hadiyyah war total begeistert gewesen, als sie sie am Morgen gesehen hatte, woraus Barbara schloss, dass sie in puncto Äußeres allmählich Fortschritte machte. Das Mädchen hatte an ihre Tür geklopft, als sie sich gerade den Rest des Pop-Tart in den Mund stopfte, den sie sich zum Frühstück getoastet hatte, und heroisch die Zigarette übersehen, die qualmend im Aschenbecher lag.
Barbara fiel auf, dass Hadiyyah ihre Schuluniform nicht anhatte.»Hast du heute schulfrei?«
Hadiyyah hatte die Hände auf einen der Stühle gestützt, die an Barbaras winzigem Küchentisch standen, und trat von einem Fuß auf den anderen.»Mummy und ich …«, sagte sie.»Es ist was Besonderes, Barbara. Es ist eine Überraschung für Dad, deswegen konnte ich heute nicht zur Schule gehen. Mummy hat angerufen und gesagt, ich bin krank, und das ist nur eine kleine Notlüge, weil es ja eine Überraschung sein soll!«Sie strahlte Barbara an.»Wart’s nur ab!«
«Ich? Wieso?«
«Mummy sagt, ich darf’s dir verraten, aber du musst mir versprechen, dass du Dad kein Wort davon erzählst. Okay? Mummy sagt, die beiden haben sich gestritten, und jetzt will sie alles wiedergutmachen mit einer Überraschung. Und das machen wir heute.«
«Wollt ihr ihn bei der Arbeit besuchen?«
«Nein, nein! Wenn er nach Hause kommt.«
«Ein tolles Abendessen also.«
«Nein, was viel Besseres.«
Für Barbara gab es eigentlich nichts Besseres als ein besonderes Abendessen, vor allem, wenn sie es nicht selbst zubereiten musste.»Was denn?«, fragte sie.»Verrätst du’s mir? Ich schweige wie ein Grab.«
«Versprochen?«
«Hoch und heilig.«
Hadiyyah hüpfte auf und ab und drehte sich vor Aufregung einmal um sich selbst.»Meine Geschwister! Mein Bruder und meine Schwester! Wusstest du, dass ich einen Bruder und eine Schwester habe?«
Barbara hatte große Mühe, sich ihre Entgeisterung nicht anmerken zu lassen.»Du hast einen Bruder und eine Schwester? Wirklich?«
«Ja!«, rief Hadiyyah.»Dad war nämlich schon mal verheiratet, weißt du, und das wollte er mir nicht erzählen, weil er findet, dass ich für so was noch zu jung bin. Aber Mummy hat’s mir erzählt, und sie hat mir erklärt, dass das gar nichts Schlimmes ist, wenn man schon mal verheiratet war, und ich hab gesagt, ich finde das auch gar nicht schlimm, weil, in meiner Schule sind ’ne Menge Kinder, deren Eltern nicht mehr verheiratet sind. Da hat Mummy mir erzählt, dass dasselbe mit Dad passiert ist, nur dass seine Familie so sauer auf ihn war, dass seine Kinder ihn nicht mehr besuchen durften, und das ist doch nicht in Ordnung, oder?«
«Hm, da hast du recht«, sagte Barbara. Allerdings hatte sie ein ganz ungutes Gefühl, wohin diese Sache führen konnte. Wie zum Teufel hatte Angelina Azhars Kinder überhaupt gefunden? fragte sie sich.
«Und heute …«Hadiyyah machte eine theatralische Pause.
«Ja?«
«Heute holen Mummy und ich die beiden ab!«, rief Hadiyyah.»Das wird eine Überraschung, stell dir das mal vor! Du glaubst gar nicht, wie aufregend das alles ist! Und Dad wird seine Kinder endlich wiedersehen. Mummy weiß nicht mal, wie alt die Kinder sind. Aber sie glaubt, dass sie zwölf und vierzehn sind. Stell dir das bloß mal vor, Barbara: Ich hab einen großen Bruder und eine große Schwester! Glaubst du, die werden mich mögen? Ich hoffe es, denn ich weiß jetzt schon, dass ich sie mag!«
Barbara fehlten die Worte.»Tja, also …«, brachte sie mühsam heraus, während sie krampfhaft überlegte, was zum Teufel sie tun sollte. Ihre Freundschaft mit Azhar verlangte, dass sie ihn vor dem Desaster warnte, das ihm bevorstand: dass Angelina Upman vorhatte, ihn vor vollendete Tatsachen zu stellen, und ihm weder Zeit noch Gelegenheit bleiben würde, das zu verhindern. Aber reichte ihre Freundschaft tatsächlich so weit? fragte sie sich. Und wenn sie es ihm steckte, was würde er dann tun, und welche Auswirkungen würde das auf Hadiyyah haben, um die es hier in erster Linie ging?
Schlussendlich hatte Barbara nichts unternommen, weil ihr einfach nichts eingefallen war, was sie hätte tun können, ohne das Leben der Beteiligten auf den Kopf zu stellen. Mit Angelina zu reden bedeutete, Azhar zu verraten. Mit Azhar zu reden bedeutete, Angelina zu verraten. Und so hatte sie es vorgezogen, sich aus der Sache ganz herauszuhalten und der Natur — oder was auch immer es sein mochte — ihren Lauf zu lassen. Sie würde zur Stelle sein, um die Scherben aufzulesen, aber vielleicht gab es ja auch gar keine Scherben. Schließlich hatte Hadiyyah ein Recht darauf, ihre Geschwister kennenzulernen. Vielleicht endete das Ganze in Friede, Freude, Eierkuchen. Vielleicht.
Und so war Barbara wie gewohnt zur Arbeit gefahren. Sie hatte dafür gesorgt, dass Superintendent Ardery ihre Aufmachung zu Gesicht bekam, allerdings erst, nachdem sie sich der Anerkennung von Dorothea Harriman vergewissert hatte. Harriman war völlig aus dem Häuschen geraten —»Detective Sergeant Havers … Ihre Frisur! … Ihr Make-up! … Einfach umwerfend!«—, aber als sie angefangen hatte, von ihrem neuen Mineralpuder zu schwärmen, hatte Barbara sich schnell wieder verzogen. Sie war bei Superintendent Ardery vorstellig geworden, die ihr die Unterlagen für die Staatsanwaltschaft in die Hand gedrückt hatte, während sie jemanden am Telefon anfuhr:»Was ist das überhaupt für ein Schlamassel? Kriegen Sie da drüben eigentlich jemals was geregelt?«, woraus Barbara schloss, dass sie jemanden vom SO7 an der Strippe hatte und dass es irgendein Problem mit der Kriminaltechnik gab. Sie selbst machte sich an die Arbeit mit dem CPS-Mitarbeiter, und es dauerte eine ganze Weile, bis sie sich wieder um die Recherchen für Lynley kümmern konnte.
Das ging leichter als bisher, da Ardery sich offenbar um den» Schlamassel «kümmern musste, und falls es sich tatsächlich um ein Problem bei der Kriminaltechnik handelte, würde die Chefin den Rest des Tages auf der anderen Seite der Themse verbringen. Kaum hatte Barbara erfahren, dass die Ardery das Gebäude verlassen hatte, entschuldigte sie sich bei dem CPS-Mitarbeiter, der nichts dagegen hatte, eine ausgedehnte Mittagspause einzulegen, schnappte sich ihr Spanisch-Wörterbuch und flitzte nach oben in die Bibliothek.
Nachdem sie bereits genug Informationen über die beiden ältesten Söhne des Bürgermeisters — den Priester Carlos und den Zahnarzt Miguel — gesammelt und anhand eines Fotos von Miguels Frau festgestellt hatte, dass keine Schönheitsoperation der Welt sie in Alatea Fairclough hätte verwandeln können, wollte sie diesmal versuchen, etwas über Ángel, Santiago und Diego herauszufinden. Wenn keiner der Brüder in irgendeiner Verbindung zu Alatea stand, würde sie sich die restlichen Familienmitglieder vornehmen müssen, und das, so hatte ihr die Studentin aus Barcelona versichert, konnten gut und gern Hunderte sein.
Über Ángel, der, anders als sein Name vermuten ließ, offenbar das schwarze Schaf der Familie war, gab es kaum Informationen. Mit Hilfe ihres Wörterbuchs reimte sie sich in mühseliger Kleinarbeit zusammen, dass er einen Autounfall verursacht hatte, bei dem seine Beifahrerin, ein fünfzehnjähriges Mädchen, so schwer verletzt worden war, dass sie seitdem behindert war.
Barbara verfolgte die Spur — immerhin war die Fünfzehnjährige, abgesehen von Miguels hässlicher Ehefrau, das einzige weibliche Wesen, auf das sie bei ihren Nachforschungen bisher gestoßen war —, doch sie führte in eine Sackgasse. Von der jungen Frau war kein Foto aufzutreiben. Und das einzige Foto von Ángel, das sie fand, zeigte ihn als Neunzehnjährigen, aber das spielte auch keine Rolle, denn nach dem Unfall verschwand er aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit. Wäre er Nordamerikaner gewesen, hätte er entweder eine Therapie gemacht oder Jesus entdeckt, aber der Bursche war Südamerikaner, und seit dem Unfall hatte sich keiner mehr für ihn interessiert. Ein zu kleiner Fisch wahrscheinlich.