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Sie durchquerte das Zimmer und setzte sich in den Sessel, den ihre Mutter ihr angeboten hatte.»Ich könnte einen Sherry vertragen«, sagte sie zu ihrem Vater. Dann wandte sie sich an Lynley:»Anfangs dachte ich, deswegen wären Sie hier. Dumm von mir, ich weiß, aber Sie dürfen nicht vergessen, wer mein Vater ist. Der führt immer etwas im Schilde. Als ich Sie gesehen habe, wusste ich sofort, dass Sie Teil eines seiner Pläne sind. Ich habe mich nur in der Natur des Plans geirrt und gedacht, Sie wären meinetwegen gekommen.«

«Also wirklich, Mignon«, sagte ihre Mutter.

«Ich glaube, ich hätte jetzt doch gern ein Handtuch. «Es schien Mignon zu gefallen, ihre Mutter springen zu lassen, denn sie lächelte voller Genugtuung, als Valerie aus dem Zimmer eilte. Ihr Vater hatte sich immer noch nicht gerührt, und sie sagte zu ihm:»Bekomme ich denn nun einen Sherry, Dad?«

Bernard, dachte Lynley, sah aus, als wäre er drauf und dran, etwas zu sagen, was er später bedauern würde. Unter anderen Umständen hätte Lynley abgewartet, um zu erfahren, um was es sich handelte, aber sein Anstandsgefühl gewann die Oberhand. Er stellte sein Glas auf einem Beistelltisch ab und machte Anstalten, sich zu erheben.»Bleiben Sie sitzen, ich mache das schon«, sagte Bernard.

«Gib mir einen großen«, sagte Mignon.»Ich hatte gerade ein aufregendes Liebesintermezzo mit Mr. Seychellen und würde mich gern volllaufen lassen, sozusagen statt der Zigarette danach.«

Fairclough sah seine Tochter so unverhohlen angewidert an, dass Mignon lachte.

«Ist dir das peinlich?«, fragte sie.»Ach, das tut mir aber leid.«

Ihr Vater füllte ein großes Glas mit Sherry. Die Menge, dachte Lynley, würde durchaus für einen Vollrausch ausreichen, falls die Frau das Glas austrank, und sie schien tatsächlich die Absicht zu haben.

Als Fairclough seiner Tochter das Glas reichte, kam Valerie mit dem Handtuch. Sie ging zu Mignon und trocknete ihr zärtlich das Haar. Lynley rechnete damit, dass Mignon ihre Mutter ärgerlich wegstoßen würde, aber das tat sie nicht. Im Gegenteil, sie ließ sich genüsslich Haare, Gesicht und Hals abtrocknen.

Sie sagte:»Meine Mutter kommt mich nie besuchen, wussten Sie das, Thomas? Also, sie kommt schon rüber, um mir mein Essen zu bringen — wie die Schlossherrin, die den Armen Almosen bringt —, aber einfach so zum Plaudern? Das ist seit Jahren nicht mehr passiert. Und als sie heute plötzlich dastand, war ich völlig von den Socken. Ich dachte, was kann die Gute nur wollen?«

Valerie ließ das Handtuch sinken. Sie schaute ihren Mann an. Er sagte nichts. Sie schienen sich beide für irgendeinen Angriff zu wappnen, und Lynley fragte sich, wie in aller Welt sie sich ihrer eigenen Tochter gegenüber in diese Position gebracht hatten.

Mignon trank einen ordentlichen Schluck Sherry. Sie hielt das Glas mit beiden Händen wie ein Priester den Kelch.»Sehen Sie, meine Mutter und ich haben uns einfach nichts zu sagen«, fuhr sie fort.»Sie interessiert sich nicht für mein Leben, und ich interessiere mich nicht für ihres, glauben Sie mir. Da gibt es dann nicht viel Gesprächsstoff. Man tauscht sich übers Wetter aus und dann? Worüber soll man noch reden? Abgesehen von ihrem langweiligen Formschnittgarten und ihrem noch langweiligeren Fantasiegarten?«

Endlich griff ihr Vater ein.»Mignon, bist du gekommen, um mit uns zu Abend zu essen, oder hat dein Besuch einen anderen Grund?«

«Treib mich nicht in eine Enge«, sagte Mignon.»Du wirst es bereuen.«

«Darling«, sagte ihre Mutter.

«Ich bitte dich. Falls es einen Darling in der Familie gibt, wissen wir doch beide, dass ich das nicht bin.«

«Das stimmt nicht.«

«Gott. «Mignon verdrehte die Augen.»Es heißt immer nur Nicholas hier, Nicholas dort, seit dem Tag, an dem er geboren wurde, glauben Sie mir, Thomas. Endlich der ersehnte Sohn! Aber deswegen bin ich nicht hier. Ich will über diesen erbärmlichen kleinen Krüppel reden.«

Lynley verstand nicht gleich, was sie meinte. Er dachte natürlich an St. James, der behindert war seit einem Unfall, den er, Lynley, verursacht hatte. Den Mann, mit dem er seit der Schulzeit befreundet war, als erbärmlich und klein zu bezeichnen, war indes so unpassend, dass er glaubte, Mignon redete von jemand ganz anderem. Sie belehrte ihn eines Besseren, als sie fortfuhr.

«Meine Mutter ist nicht so lange bei mir geblieben, wie sie es Ihrem Auftrag gemäß hätte tun sollen. Und nachdem sie weg war, habe ich mich gefragt, was sie bei mir gewollt hatte, und es war wirklich nicht schwer, das zu erraten. Ich habe euch alle vom Bootshaus raufkommen sehen. Dich, Dad, Sie, Thomas, und diesen Krüppel. Und mit den nassen Haaren und dem Handtuch um die Schultern sah Thomas ganz so aus, als wäre er ins Wasser gefallen. Aber nicht der Krüppel. Der war trocken. So wie du, Dad. «Sie trank noch einen kräftigen Schluck Sherry, dann fuhr sie fort:»Das Handtuch sagte mir, dass Thomas nicht aus Versehen ausgerutscht und ins Wasser gefallen war. Seine Kleider waren nämlich trocken. Das bedeutet, dass er absichtlich ins Wasser gesprungen ist. Da die Badesaison längst vorbei ist, muss er also einen anderen Grund dafür gehabt haben. Und ich nehme an, dass der Grund etwas mit Ian zu tun hat. Na, wie bin ich?«

Lynley spürte, dass Fairclough ihn ansah. Valerie schaute abwechselnd ihre Tochter und ihren Mann an. Lynley sagte nichts. Er wollte Fairclough die Entscheidung überlassen, ob er die Vermutungen seiner Tochter bestätigen oder bestreiten wollte. Er selbst hielt es für klüger, die Karten auf den Tisch zu legen, was die Gründe für seine Anwesenheit in Ireleth Hall anging, anstatt weiterhin eine Scharade zu spielen.

Aber Fairclough sagte nichts. Offenbar interpretierte sie sein Schweigen als Bestätigung.»Du glaubst also nicht, dass Ians Tod ein Unfall war, hab ich recht, Dad? Das war jedenfalls das Erste, was ich dachte, als ich euch drei vom See raufkommen sah. Ich habe übrigens nur wenige Sekunden gebraucht, um im Internet rauszufinden, wer unser Besucher in Wirklichkeit ist. Hättest du mir seine Identität vorenthalten wollen, hättest du dir besser ein Pseudonym für ihn ausgedacht, Dad.«

«Niemand hat dir irgendetwas vorenthalten, Mignon«, sagte Fairclough.»Tommy ist hier als mein Gast. Die Tatsache, dass er außerdem Polizist ist, hat nichts …«

«Er ist Detective«, fiel sie ihm ins Wort,»und zwar bei Scotland Yard, Dad, und ich gehe davon aus, dass du das weißt. Du hast ihn hierher eingeladen, und jetzt schleicht er zusammen mit diesem anderen Typen hier auf dem Gelände herum — also, ich kann immer noch zwei und zwei zusammenzählen. «Sie änderte ihre Sitzposition und schaute Lynley an. Ihre Mutter war einen Schritt zurückgetreten und stand stumm da, das Handtuch in der Hand.»Sie führen also hier still und heimlich eine kleine Ermittlung durch. Im Auftrag von …? Doch nicht von Dad, oder?«

«Mignon«, sagte Fairclough.

«Denn das würde bedeuten, dass Dad unschuldig ist«, fuhr sie unbeirrt fort.»Und das halte ich, ehrlich gesagt, für ziemlich unwahrscheinlich.«

«Mignon!«, stieß Valerie hervor.»Wie kannst du so etwas sagen!«

«Dad hätte einen guten Grund gehabt, unseren lieben Ian um die Ecke zu bringen, stimmt’s, Dad?«

Fairclough antwortete seiner Tochter nicht. Sein Blick verriet nichts. Entweder er war solche Konfrontationen mit ihr gewöhnt, oder er wusste, dass sie nicht mehr preisgeben würde. Einen Moment lang herrschte angespannte Stille. Der Wind fegte irgendetwas gegen die Fenster des kleinen Salons. Valerie zuckte zusammen.

«Aber das gilt auch für mich«, sagte Mignon schließlich.»Nicht wahr, Dad?«Sie lehnte sich in ihrem Sessel zurück, es war nicht zu übersehen, dass sie die Situation genoss. Sie schaute ihren Vater an und sagte zu Lynley:»Dad weiß nicht, dass ich weiß, dass Ian meine Unterhaltszahlungen einstellen wollte, Thomas. Unser guter Ian hat immer über den Büchern gebrütet und nach Möglichkeiten gesucht, Kosten einzusparen. Tja, und ich verursache nun mal ziemlich hohe Kosten. Allein der Turm hat ein Vermögen verschlungen, und seine Instandhaltung ist nicht gerade billig. Plus mein monatlicher Unterhalt. Und wie Sie mit Ihrem detektivischen Spürsinn herausgefunden haben werden, macht es mir Spaß, Geld auszugeben. Im Vergleich zu dem, was Dad über die Jahre mit der Firma verdient hat, brauche ich gar nicht viel. Doch Ian fand, dass ich selbst das bisschen nicht verdient hatte. Ich muss meinem Vater zugutehalten, dass er Ian nie beigepflichtet hat. Aber wir wissen beide — Dad und ich —, dass er es sich jederzeit hätte anders überlegen und seine Zahlungen an mich hätte einstellen können. Habe ich recht, Dad?«