«Vielleicht war’s ja ’ne spontane Entscheidung«, sagte Barbara.
«Wahrscheinlich. Aber dass die mal verkaufen würde, das hätt’ ich nie gedacht. Vor allem in ihrer Situation. Es ist nicht leicht, ’ne schöne Wohnung in der Nähe einer guten Schule zu finden.«
Barbara wurde hellhörig.»Schule?«, fragte sie.»Welche Schule meinen Sie denn?«
9. November
Zed Benjamin stellte fest, dass er sich jeden Tag auf sein morgendliches Telefongespräch mit Yaffa Shaw freute, und allmählich fragte er sich, ob so eine wirkliche Partnerschaft zwischen einem Mann und einer Frau aussah. Und wenn dem so war, warum er bisher jede Beziehung gemieden hatte wie der Teufel das Weihwasser.
Als Yaffa an den Apparat ging, gab sie ihm gleich zu verstehen, dass seine Mutter in der Nähe war:»Zed, mein Herzblatt, du ahnst ja nicht, wie sehr du mir fehlst!«Dann machte sie noch für alle Fälle ein paar Kussgeräusche.
Wahrscheinlich platzte seine Mutter vor Glück, dachte Zed.»Du fehlst mir auch«, sagte er, ohne darüber nachzudenken, welche Konsequenzen ein solches Geständnis haben könnte, denn eigentlich hätte ein amüsiertes» Danke «für das Beschwindeln seiner Mutter vollkommen ausgereicht.»Und wenn ich in London wäre, würde ich’s dir beweisen, dass dir Hören und Sehen vergeht!«
«Ich werde dich beim Wort nehmen, wenn du wiederkommst«, sagte sie.
«Das hoffe ich«, sagte Zed.
Sie lachte.»Du Schlingel. «Dann sagte sie zu seiner Mutter:»Mama Benjamin, unser Zed ist mal wieder richtig frech.«
«›Mama Benjamin‹?«
«Sie besteht darauf«, sagte Yaffa, und ehe er etwas darauf erwidern konnte, fuhr sie fort:»Erzähl mir, was du herausgefunden hast, mein Schatz. Du bist doch vorangekommen mit deiner Geschichte, oder? Das höre ich dir regelrecht an.«
In Wirklichkeit, das musste Zed sich eingestehen, war das der eigentliche Grund für seinen Anruf. Er wollte sich wie jeder verliebte Mann vor der Frau produzieren, die so tat, als wäre er die Liebe ihres Lebens. Er sagte:»Ich habe die betreffende Person von Scotland Yard gefunden.«
«Wirklich? Das ist ja großartig, Zed. Ich wusste, dass du es schaffen würdest. Hast du denn schon deinen Chefredakteur angerufen, um ihm die gute Nachricht mitzuteilen? Und kommst du jetzt endlich nach Hause?«
«Nein, noch nicht. Und Rod hab ich auch noch nicht angerufen. Bevor ich mit ihm rede, will ich die Story unter Dach und Fach haben, damit ich sie ihm druckreif übergeben kann. Ich habe mit der Polizistin gesprochen. Wir machen das gemeinsam.«
«Meine Güte, Zed«, stieß Yaffa hervor.»Das ist ja unglaublich!«
«Sie wird mir helfen, ohne dass sie es weiß. Sie weiß nur von einer Story, aber am Ende werden es zwei sein, und eine davon handelt von ihr.«
«Wie heißt sie denn?«
«Detective Sergeant Cotter. Vorname Deb. Ich habe mir ihre Unterstützung gesichert. Es geht ihr übrigens vor allem um die Ehefrau, Alatea Fairclough. An Nick Fairclough ist sie überhaupt nicht interessiert. Na ja, anfangs war sie das schon, aber dann hat sich rausgestellt, dass mit der Ehefrau irgendwas ganz und gar nicht stimmt. Ich muss gestehen, dass ich das von Anfang an gerochen habe. Es ist einfach vollkommen unglaubwürdig, dass ein Typ wie Nick Fairclough eine Frau wie Alatea abkriegt.«
«Ach?«Yaffa wirkte interessiert.»Warum denn?«
«Er ist in Ordnung, keine Frage, aber sie … Sie ist einfach umwerfend, Yaffa. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so eine Frau gesehen.«
Stille am anderen Ende der Leitung. Als Zed schließlich ein leises» Ach so «hörte, hätte er sich am liebsten geohrfeigt. Wie hatte er nur so blöd daherreden können.»Natürlich ist sie überhaupt nicht mein Typ«, fügte er hastig hinzu.»Kühl und distanziert. Die Sorte Frau, die einen Mann nach ihrer Pfeife tanzen lässt, wenn du verstehst, was ich meine. Die reinste schwarze Witwe. Und du weißt ja, was eine schwarze Witwe tut, oder?«
«Sie lockt Männchen an, um sich von ihnen begatten zu lassen, wenn ich mich recht erinnere«, antwortete sie.
«Äh, ja, natürlich. Aber nachdem das Männchen sie zufriedengestellt hat, verspeist sie es. Also wirklich, mich schüttelt’s bei dem Gedanken, Yaffa. Sie ist wunderschön. Trotzdem ist irgendetwas an ihr total merkwürdig, das spüre ich genau.«
Das schien Yaffa zu trösten, dachte Zed, auch wenn er sich gleichzeitig fragte, wieso sie eigentlich Trost brauchte, wo sie doch ihren bescheuerten Micah in Tel Aviv hatte, diesen Medizinstudenten und zukünftigen Nobelpreisträger.»Du solltest vorsichtig sein«, sagte sie.»Sie könnte dir gefährlich werden.«
«Da brauchst du dir keine Sorgen zu machen«, entgegnete er.»Außerdem stehe ich ja unter dem Schutz der Polizistin von Scotland Yard.«
«Noch eine Frau. «Hatte das etwa traurig geklungen?
«Eine Rothaarige, so wie ich. Aber ich steh auf dunkle Typen.«
«Solche wie Alatea?«
«Nein«, sagte er.»Kein bisschen wie diese Alatea. Und diese Polizistin, Yaffa, die hat jede Menge Informationen für mich. Und sie gibt sie mir im Austausch dafür, dass ich meine Geschichte noch ein paar Tage zurückhalte.«
«Und was willst du deinem Chefredakteur sagen? Wie lange kannst du den denn noch hinhalten?«
«Das ist kein Problem. Wenn ich Rod von dem Deal erzähle, den ich mit Scotland Yard habe, dann wird der gleich handzahm. Das ist genau nach seinem Geschmack.«
«Pass auf dich auf.«
«Mach ich.«
Yaffa legte auf. Verdattert betrachtete Zed sein Handy. Dann zuckte er die Achseln und steckte es in die Tasche. Erst auf dem Weg zum Frühstücksraum fiel ihm auf, dass Yaffa sich nicht wie üblich mit Kussgeräuschen verabschiedet hatte. Und erst als er sich mit einer Portion wässrigem Rührei an den Tisch setzte, wurde ihm bewusst, dass er wünschte, sie hätte es getan.
Sie hatten einen schrecklichen Abend miteinander verbracht, und Deborah wusste, dass Simon böse auf sie war. Sie hatten im Crow & Eagle zu Abend gegessen, einem Restaurant, das nicht einmal einen einzigen Stern verdient hatte. Während des Essens hatte Simon fast nichts zum Thema offene Adoption gesagt, nur ein leises:»Es wäre mir lieber gewesen, wenn du mit dem Anruf bei David noch etwas gewartet hättest. «Gemeint war natürlich, dass sie hätte warten sollen, bis es ihm gelungen wäre, sie zu etwas zu überreden, was sie von Anfang an nicht gewollt hatte.
Zunächst hatte Deborah nichts auf seine Bemerkung geantwortet, sondern sich mit ihm über andere Dinge unterhalten. Erst als sie auf ihrem Zimmer waren, hatte sie das Thema noch einmal zur Sprache gebracht.»Es tut mir leid, dass du mit meiner Entscheidung unzufrieden bist, Simon. Aber du hast mir gesagt, die junge Frau wollte endlich Bescheid wissen. «Daraufhin hatte er sie mit seinen graublauen Augen gemustert, wie es seine Art war, und gesagt:»Darum geht es doch nicht, oder?«
Es war die Art Bemerkung, die sie entweder tieftraurig oder fuchsteufelswild machen konnte, je nachdem, welcher Aspekt ihrer Beziehung zu Simon gerade überwog. Sie konnte sie als Ehefrau eines geliebten Mannes auffassen, den sie unabsichtlich verletzt hatte. Oder sie konnte sie als das Kind auffassen, das in seinem Haus, unter seinem wachsamen Blick, aufgewachsen war, und den Unterton väterlicher Enttäuschung heraushören. Sie wusste, dass es Ersteres war, aber sie empfand Letzteres. Und manchmal tat es einfach gut, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen.
Sie sagte:»Weißt du was? Ich finde es unerträglich, wenn du so mit mir redest.«
Er hatte sie verblüfft angesehen, was sie noch mehr auf die Palme gebracht hatte. Und dann hatte er gefragt:»Wenn ich wie mit dir rede?«
«Das weißt du ganz genau. Du bist nicht mein Vater!«
«Das ist mir vollkommen bewusst, Deborah, glaub mir.«