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CHALK FARM — LONDON

Barbara hatte Lynley von zu Hause aus angerufen. Lange vor dem Morgengrauen war sie noch einmal in den Yard gefahren, um dort in der umfangreichen Datenbank zu recherchieren, und so schnell wie möglich wieder nach Hause zurückgekehrt, um nur ja nicht ihrer Chefin über den Weg zu laufen. Sie hatte schon reichlich Kaffee intus, und inzwischen war sie so aufgeputscht von all dem Koffein, dass sie wahrscheinlich tagelang keinen Schlaf finden würde. Außerdem rauchte sie wie ein Schlot, und sie hatte das Gefühl, als würde ihr gleich der Kopf platzen.

«Es gibt ein Kind, Inspector«, sagte sie zu Lynley.»Das könnte wichtig sein. Andererseits hat es vielleicht auch gar nichts zu bedeuten. Aber Vivienne Tully hat eine achtjährige Tochter namens Bianca. Und ich glaube, sie hatte damit gerechnet, dass ich irgendwann an ihre Tür klopfen würde. In ihrer ganzen Wohnung gab es überhaupt nichts Persönliches, und sie ist auch nicht vor Schreck in Ohnmacht gefallen, als ich ihr gesagt habe, ich käme von Scotland Yard. Das mit dem Kind hab ich auch nur rausgefunden, weil ich mich mit dem Portier in dem Haus angefreundet hab. Wir werden uns demnächst verloben.«

«Sie sind also reingekommen.«

«Meine Talente kennen keine Grenzen, Sir. Ich lebe, um Sie zu beeindrucken. «Barbara berichtete Lynley, was sie von Vivienne erfahren hatte — über ihre Schulbildung, ihren beruflichen Werdegang und ihre Absicht, nach Neuseeland zurückzukehren, wo sie geboren war.»Was Fairclough angeht, hat sie nichts abgestritten: Sie kennt ihn, ist Vorstandsmitglied seiner Stiftung, trifft sich regelmäßig mit ihm zum Essen, zum Beispiel im Twins Club. Aber als ich sie gefragt hab, warum der Mann einen Wohnungsschlüssel von ihr hat, da hat sie dichtgemacht.«

«Diese Tochter. Könnte die von Fairclough sein?«

«Möglich. Aber genauso gut könnte sie von seinem Sohn sein oder von Ian Cresswell oder vom Premierminister oder dem Prince of Wales. Oder sie ist das Ergebnis einer durchzechten Nacht, was weiß ich. Jedenfalls arbeitet diese Vivienne schon seit Jahren nicht mehr für Fairclough, und sie hat bei Fairclough Industries aufgehört, lange bevor sie ihre Tochter hatte. Schwer vorstellbar, dass die beiden eine Fernbeziehung haben oder hatten, aus der dieses Kind stammt, meinen Sie nicht?«

«Vielleicht ist das Kind ja nicht das Ergebnis einer langjährigen Beziehung, sondern wurde gezeugt, als Vivienne zufällig wieder in Faircloughs Leben auftauchte.«

«Wie hab ich mir das denn vorzustellen? Die beiden treffen sich zufällig in einem Aufzug, fallen übereinander her, und das Ergebnis ist Bianca? Tja, möglich ist natürlich alles.«

«Er hat eine Stiftung eingerichtet«, sagte Lynley.»Er brauchte Vorstandsmitglieder, und sie ist eins davon.«

«Das kann es nicht sein. Die Stiftung gab es schon, da war Bianca noch auf der Himmelswiese. Und überhaupt: Einen Posten als Vorstandsmitglied einer Stiftung zu akzeptieren ist eine Sache, aber sich auf eine Beziehung mit Fairclough einzulassen und die auch noch über längere Zeit beizubehalten, das ist was ganz anderes. Warum sollte Vivienne das tun? Der Mann könnte ihr Großvater sein. Ich habe Fotos von ihm gesehen, und glauben Sie mir, die passt zu ihm wie die Faust aufs Auge. Die würde sich doch bestimmt eher für einen Mann in ihrem Alter interessieren, vorzugsweise einen, der unverheiratet ist. Eine Affäre mit einem verheirateten Mann führt im Allgemeinen nirgendwohin, und außerdem wirkt sie viel zu clever, um sich auf so was einzulassen.«

«Aber Sie müssen zugeben, Sergeant, dass die Menschen nicht immer kluge Entscheidungen treffen.«

Barbara hörte eine Stimme im Hintergrund. Lynley befriedigte ihre Neugier:»Simon sagt gerade, dass Geld täglich Menschen dazu bringt, unvernünftige Entscheidungen zu treffen.«

«Okay, gebongt. Aber wenn das Kind von Fairclough ist und wenn der seit weiß der Teufel wie lange schon die Tully flachlegt, warum bittet er dann Scotland Yard, den Tod seines Neffen noch einmal zu untersuchen, wenn der Coroner die Sache bereits als Unfall eingestuft hat? Er musste doch damit rechnen, dass jeder Beteiligte unter die Lupe genommen würde, ihn selbst eingeschlossen. Warum zum Teufel sollte er so ein Risiko eingehen?«

«Wenn dieser Aspekt seines Privatlebens mit Cresswells Tod nichts zu tun hat, verlässt er sich vielleicht auf meine Diskretion.«

«Wenn er nichts mit Cresswells Tod zu tun hat«, sagte Barbara.»Und wenn doch, dann erklärt das jedenfalls, warum Hillier ausgerechnet Sie für den Job ausersehen hat, nicht wahr? Der Graf, der den Baron deckt. Ja, das würde Hillier gefallen.«

«Das will ich nicht bestreiten. Es wäre nicht das erste Mal, dass er so etwas tut. Sonst noch etwas?«, fragte Lynley.

«Ja. Ich war fleißig. Kaveh sagt die Wahrheit über die Erbschaft. Cresswell hat ihm das Haus tatsächlich vermacht. Interessant ist, wann er das getan hat. Achtung, jetzt kommt’s: Er hat das Testament eine Woche vor seinem Tod unterschrieben.«

«Das ist allerdings aufschlussreich«, sagte Lynley.»Andererseits kann man sich kaum vorstellen, dass jemand dumm genug ist, gleich eine Woche später den Betreffenden aus dem Weg zu räumen.«

«Richtig«, gab Havers zu.

«Sonst noch etwas?«

«Tja, zu unchristlichen Zeiten im Einsatz zu sein, bringt außerdem den Vorteil mit sich, dass man Leute in anderen Teilen der Welt anrufen kann, weil die garantiert noch nicht im Bett liegen.«

«Zum Beispiel in Argentinien?«, riet Lynley.

«Sie haben’s erfasst. Ich hab’s geschafft, den Bürgermeister von Santa María und so weiter anzurufen. Zuerst hab ich’s in seinem Büro versucht, aber da hatte ich eine Frau am Apparat, die immer nur quién und qué sagte, während ich geschrien hab ›Verdammt noch mal, stellen Sie mich zu Ihrem Bürgermeister durch‹, bis mir klar wurde, dass ich die Putzfrau an der Strippe hatte. Also hab ich ihn zu Hause angerufen, und das war nicht einfach, das kann ich Ihnen sagen.«

«Ich bewundere Sie, Barbara. Was haben Sie in Erfahrung gebracht?«

«Dass in ganz Argentinien niemand Englisch spricht. Oder dass zumindest alle so tun, als könnten sie kein Englisch. Aber irgendwann ist es mir gelungen, mit einer Frau zu telefonieren, von der ich glaube, dass sie Dominga Padilla del Torres de Vasquez heißt. Ich hab den Namen mehrmals wiederholt, und wenn sie nicht quién gesagt hat, hat sie gesagt. Als ich dann Alateas Namen genannt hab, kam ein Redeschwall, aus dem ich immer wieder dónde, Dios mío und gracias rausgehört hab. Woraus ich schließe, dass die Frau weiß, wer Alatea ist. Jetzt brauch ich nur noch jemanden, der mit ihr reden kann.«

«Kümmern Sie sich darum?«

«Wie gesagt, ich denke, dass Azhar irgendeinen an der Uni kennt, der Spanisch spricht.«

«Im Yard gibt es bestimmt auch jemanden, Barbara.«

«Davon bin ich überzeugt. Aber wenn ich anfange, im Yard rumzufragen, macht die Chefin mich zur Schnecke. Sie hat mich schon gefragt …«

«Ich habe mit ihr gesprochen, Barbara. Sie weiß, wo ich bin. Haben Sie es ihr gesagt?«

Barbara fühlte sich zutiefst gekränkt. Dass er ihr nach all den Jahren der Zusammenarbeit so etwas zutraute, war die Höhe.»Nein, das hab ich nicht, verdammt. «Und das war die Wahrheit. Dass sie es Isabelle Ardery hatte selbst herausfinden lassen, ohne absichtlich eine falsche Spur zu legen, war schließlich nicht ihr Problem.

Lynley schwieg. Plötzlich beschlich Barbara das ungute Gefühl, dass sie auf die Frage» sie oder ich «zusteuerten. Das war das Letzte, was sie wollte, denn wenn Lynley sich entscheiden müsste, ob er ihr oder der Chefin glaubte, war es ziemlich unwahrscheinlich, dass er einen Streit mit seiner Geliebten riskieren würde. Schließlich war er ein Mann.

Also beeilte sie sich, das Schweigen zu beenden.»Ich werd mal mit Azhar reden. Wenn er einen kennt, der Spanisch spricht, kommen wir bei Alatea Fairclough einen Schritt weiter.«