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Ja, selbst sein Name – Sanson, »ohne Laut« – war ein ironischer Verweis auf seine verstohlene Arbeitsweise. Er war allenthalben bekannt und gefürchtet. Sein Vater, Charles Sanson, war angeblich königlicher Henker in Dieppe. Es wurde gemunkelt, dass Sanson selbst kurze Zeit Priester in Liège gewesen war, bis es aufgrund seiner Zudringlichkeiten gegenüber den Nonnen eines nahe gelegenen Klosters ratsam für ihn wurde, das Land zu verlassen.

Doch Port Royal war keine Stadt, wo man der Vergangenheit ihrer Bewohner große Beachtung schenkte. Hier war Sanson bekannt für sein Geschick im Umgang mit dem Säbel, der Pistole und seiner Lieblingswaffe, der Armbrust.

Sanson lachte wieder. »Nun, mein Sohn. Erzählt, was Ihr auf dem Herzen habt.«

»Ich steche in zwei Tagen in See. Nach Matanceros.«

Sanson lachte nicht mehr. »Ich soll mit Euch nach Matanceros kommen?«

»Ja.«

Sanson schenkte Wein nach. »Ich will nicht dahin«, sagte er. »Kein Mensch, der halbwegs bei Trost ist, will nach Matanceros. Warum wollt Ihr nach Matanceros?«

Hunter antwortete nicht.

Sanson blickte finster auf seine Füße am Ende des Bettes. Er wackelte mit den Zehen, runzelte die Stirn. »Ihr wollt wegen der Galeonen dort hin«, sagte er schließlich. »Die Galeonen, die im Sturm von der Flotte abgetrieben wurden, haben es nach Matanceros geschafft. Hab ich recht?«

Hunter zuckte die Achseln.

»Vorsichtig, vorsichtig«, sagte Sanson. »Nun denn, was bietet Ihr für diese wahnsinnige Unternehmung?«

»Ich gebe Euch vier Anteile.«

»Vier Anteile? Ihr seid ein knauseriger Mann, Captain Hunter. Mein Stolz ist verletzt, wenn Ihr denkt, ich bin nur vier Anteile wert –«

»Fünf Anteile«, sagte Hunter mit der Miene eines Mannes, der schweren Herzens nachgibt.

»Fünf? Sagen wir acht, und die Sache ist abgemacht.«

»Sagen wir fünf, und die Sache ist abgemacht.«

»Hunter. Es ist spät, und ich bin kein geduldiger Mensch. Sagen wir sieben?«

»Sechs.«

»Meine Güte, Ihr seid wirklich knauserig.«

»Sechs«, wiederholte Hunter.

»Sieben. Trinkt noch ein Glas Wein.«

Hunter blickte ihn an und befand, dass diese Verhandlung nicht wichtig war. Sanson wäre leichter zu lenken, wenn er das Gefühl hatte, ein gutes Geschäft gemacht zu haben. Er wäre schwierig und übellaunig, wenn er glaubte, ungerecht behandelt worden zu sein.

»Also gut, sieben«, sagte Hunter.

»Mein Freund, Ihr seid mit großer Vernunft gesegnet.« Sanson streckte seine Hand aus. »So, jetzt erzählt mir, wie Ihr angreifen wollt.«

Sanson lauschte dem Plan, ohne ein Wort zu sagen, und als Hunter fertig war, schlug er sich klatschend auf den Oberschenkel. »Es stimmt, was man so sagt«, stellte er fest, »über die trägen Spanier, die eleganten Franzosen – und die listigen Engländer.«

»Ich glaube, es wird gelingen«, sagte Hunter.

»Ich habe nicht den geringsten Zweifel«, sagte Sanson.

Als Hunter den kleinen Raum verließ, brach über den Straßen von Port Royal der Morgen an.

KAPITEL 8

Natürlich ließ sich das Vorhaben unmöglich geheim halten. Es waren einfach zu viele Seeleute versessen darauf, auf einem Freibeuterschiff anzuheuern, und zu viele Händler und Bauern nötig, um Hunters Schaluppe Cassandra auszurüsten. Schon am frühen Morgen war Hunters bevorstehender Beutezug in aller Munde.

Es hieß, Hunter plane einen Angriff auf Campeche. Es hieß, er wolle Maracaibo plündern. Es wurde sogar gemunkelt, er wage einen Angriff auf Panama wie Drake gut siebzig Jahre zuvor. Doch für eine so lange Seereise waren enorme Mengen Vorräte erforderlich, und da Hunter erstaunlich wenig Proviant lud, vermuteten die meisten Klatschmäuler, Havanna sei Ziel des Raubzugs. Havanna war nie zuvor von Freibeutern angegriffen worden. Schon allein der Gedanke war in den Augen der meisten Leute reiner Wahnsinn.

Weitere verwirrende Informationen kamen ans Licht. Black Eye, der Jude, kaufte Kindern und Stromern im Hafen Ratten ab. Was der Jude mit Ratten wollte, überstieg die Vorstellungskraft eines jeden Seemanns. Außerdem hatte Black Eye angeblich die Gedärme eines Schweins erworben – die für Wahrsagerei benutzt werden könnten, aber doch nicht von einem Juden.

Unterdessen wurde der Goldladen des Juden geschlossen und mit Brettern vernagelt.

Der Jude war irgendwo in den Hügeln der Insel unterwegs. Er war vor dem Morgengrauen aufgebrochen, mit Schwefel, Salpeter und Holzkohle im Gepäck.

Die Ladung Vorräte für die Cassandra war gleichermaßen rätselhaft. Pökelfleisch wurde nur begrenzt bestellt, aber dafür eine erhebliche Menge Wasser – so auch etliche kleine Fässer, die der Fassbinder, Mr Longley, extra anfertigen sollte. Im Hanfladen von Mr Whitstall war eine Bestellung für über tausend Fuß dickes Seil eingegangen – zu dick für die Takelage einer Schaluppe. Der Segelmacher, Mr Nedley, war beauftragt worden, etliche große Segeltuchbeutel zu nähen, die mit Seilschlingenverschlüssen versehen waren. Und Carver, der Schmied, fertigte ganz spezielle Enterhaken – sie ließen sich klein und flach zusammenklappen, weil die Zacken Scharniere hatten.

Überdies gab es ein Omen: Am Morgen fingen Fischer einen riesigen Hammerhai und zogen ihn unweit von Chocolata Hole, wo die Wasserschildkröten ihre Nester hatten, auf den Kai. Der Hai maß über zwölf Fuß und war mit seiner breiten Schnauze und den weit auseinanderstehenden Augen ein Ausbund an Hässlichkeit. Fischer und Passanten feuerten ihre Pistolen auf das Tier ab, ohne erkennbare Wirkung. Der Hai zappelte und wand sich bis zum Mittag auf den Planken.

Dann wurde dem Hai der Bauch aufgeschlitzt, und die schleimig gewundenen Eingeweide quollen heraus. Etwas Metallisches blitzte auf, und als man die Innereien zerteilte, entpuppte sich das Metall als die vollständige Rüstung eines spanischen Soldaten – Brustpanzer, Sturmhaube, Knieschützer. Daraus wurde geschlossen, dass der Hammerhai den bedauernswerten Soldaten mit Haut und Haar verschlungen hatte. Die einen sahen darin das Omen eines drohenden spanischen Angriffs auf Port Royal, andere den Beweis dafür, dass Hunter selbst die Spanier angreifen wollte.

Sir James Almont hatte keine Zeit für Omen. An dem Vormittag befragte er einen französischen Gauner namens L’Olonnais, der am Morgen mit einem spanischen Zweimaster als Prise in den Hafen eingelaufen war. L’Olonnais hatte keinen Kaperbrief, und außerdem herrschte offiziell Frieden zwischen England und Spanien. Noch schlimmer war die Tatsache, dass der Zweimaster, als er im Hafen ankam, nichts barg, was von besonderem Wert gewesen wäre. Ein paar Felle und Tabak, das war alles, was in seinem Frachtraum gefunden wurde.

L’Olonnais war zwar ein bekannter Korsar, aber er war ein dummer, brutaler Mann. Viel Intelligenz brauchte man als Freibeuter freilich nicht. Man musste lediglich in den richtigen Breiten abwarten, bis zufällig ein geeignetes Schiff vorbeikam, und es dann angreifen. Jetzt stand L’Olonnais mit seiner Mütze in den Händen im Büro des Gouverneurs und erzählte seine unwahrscheinliche Geschichte mit kindlicher Unschuld. Er sei zufällig auf den Zweimaster gestoßen, sagte er, und habe ihn verlassen vorgefunden. Es sei niemand an Bord gewesen, und das Schiff sei steuerlos herumgetrieben.

»Wahrhaftig, es muss von einer Seuche oder einem anderen Unheil befallen worden sein«, sagte L’Olonnais. »Aber es war ein stattliches Schiff, und ich hielt es für meine Pflicht der Krone gegenüber, es hierher in den Hafen zu bringen, Sire.«

»Es war überhaupt niemand an Bord?«

»Nicht eine Menschenseele.«

»Auch keine Toten?«

»Nein, Sire.«

»Und Ihr habt keinen Hinweis darauf entdeckt, welches Unglück dem Schiff widerfahren ist?«