Выбрать главу

Sie spähte voraus. Ein Stück weiter vorne sah sie die Korallen, die unter Wasser die Ränder der Fahrrinne begrenzten. Sie steuerten geradewegs auf diese Lücke zu. Aus dem Gedächtnis wusste sie, dass sie kurz vor der Lücke leicht nach steuerbord drehen mussten, um einem weiteren Korallenkopf auszuweichen. Sie hob die rechte Hand. Enders korrigierte.

Sie blickte nach unten. Der zweite Korallenkopf glitt vorbei, gefährlich nah am Rumpf. Das Schiff bebte, als es an der Riffkante entlangschabte, doch dann fuhr es wieder frei.

Sie streckte den linken Arm aus, und Enders änderte den Kurs erneut. Dann orientierte sie sich wieder an der abgestorbenen Palme und wartete.

Das Geräusch des Korallenkopfs am Rumpf war Enders durch Mark und Bein gegangen. Seine Nerven, die auf just dieses gefürchtete Geräusch gelauscht hatten, lagen blank. Er zuckte am Ruder zusammen, doch als das Knirschen anhielt, ein Schaben Richtung Heck, wurde ihm klar, dass sie nur an den Korallen entlangschabten, und er stieß einen tiefen Seufzer aus.

Am Heck spürte er, wie das Beben über die Länge des Schiffs auf ihn zukam. Im letzten Augenblick ließ er das Steuer los, weil er wusste, dass das Ruderblatt der empfindlichste Teil des Schiffes unter Wasser war. Selbst durch bloßes Streifen von Seepocken konnte ein hart eingeschlagenes Ruderblatt zerbrechen, daher nahm er den Druck heraus. Dann packte er das Ruder wieder mit beiden Händen und befolgte Lazues Anweisungen.

»Der reinste Schlingerkurs ist das«, knurrte er, als die El Trinidad sich drehend und wendend auf Monkey Bay zusteuerte.

»Unter vier!«, rief der Leinenmann.

Am Bug stand Hunter zwischen den Männern mit ihren Lotleinen und starrte auf das glitzernde Wasser vor sich. Er konnte vorn rein gar nichts erkennen. Wenn er seitlich hinabschaute, sah er Korallengebilde beängstigend dicht unter der Wasseroberfläche, aber irgendwie geriet die El Trinidad nicht mit ihnen in Berührung.

»Trois et demi!«

Er knirschte mit den Zähnen. Zwanzig Fuß Wasser. Viel weniger durfte es nicht werden. Noch während er das dachte, stieß das Schiff erneut gegen einen Korallenkopf, aber diesmal nur ganz kurz und laut, dann war es wieder ruhig. Das Schiff hatte den Kopf abgebrochen und fuhr weiter.

»Dreieinhalb!«

Sie hatten wieder einen Fuß Tiefe verloren. Das Schiff durchpflügte weiter das funkelnde Wasser.

»Merde!«, brüllte einer der Männer mit den Lotleinen und rannte ein paar Schritte Richtung Heck. Hunter wusste, was passiert war: Seine Leine hatte sich an einer Koralle verheddert und er versuchte, sie zu befreien.

»Volle drei!«

Hunter runzelte die Stirn – nach dem, was seine spanischen Gefangenen ihm erzählt hatten, müssten sie eigentlich jetzt schon auf Grund gelaufen sein. Sie hatten geschworen, dass die El Trinidad drei Faden Tiefgang hatte. Offenbar täuschten sie sich. Das Schiff glitt weiterhin sanft auf die Insel zu. Innerlich verfluchte er die gesamte spanische Seefahrt.

Doch er wusste, dass drei Faden Tiefgang nicht völlig falsch sein konnte. Für ein Schiff dieser Größe musste das ungefähr hinkommen.

»Volle drei!«

Sie waren noch immer in Bewegung. Und dann sah er plötzlich und unerwartet die Lücke im Riff, ein furchtbar schmaler Durchlass zwischen hohen Korallen auf beiden Seiten. Die El Trinidad fuhr genau in der Mitte hindurch, und das war ein verdammtes Glück, denn sie hatte auf beiden Seiten nur höchstens fünf Yards Platz.

Hunter blickte nach achtern zu Enders, der ebenfalls sah, wie nah die Korallen auf beiden Seiten waren. Enders bekreuzigte sich.

»Volle fünf!«, rief einer der Männer heiser, und die Besatzung brach in Jubelgeschrei aus. Sie waren nun innerhalb des Riffs in tieferem Wasser und hielten nach Norden auf die geschützte Bucht zwischen dem Inselstrand und der gekrümmten, leicht hügeligen Landzunge zu, die die Bucht zur Meerseite hin abschloss.

Monkey Bay lag jetzt offen vor Hunters Augen. Er sah mit einem Blick, dass sie kein idealer Ankerplatz für seine Schiffe war. Das Wasser an der Öffnung der Bucht war tief, flachte aber an geschützteren Stellen rasch ab. Die Galeone würde an einer Stelle ankern müssen, die vom offenen Ozean her einsehbar war, was ihm aus mehreren Gründen gar nicht behagte.

Hunter warf einen Blick nach hinten und sah, dass die Cassandra der El Trinidad so dicht im Kielwasser folgte, dass er sehen konnte, wie ängstlich der Mann mit der Lotleine am Bug der Schaluppe dreinblickte. Und hinter der Cassandra sah er das spanische Kriegsschiff, nur noch höchstens zwei Meilen entfernt.

Aber die Sonne sank. Das Kriegsschiff würde nicht mehr vor Einbruch der Dunkelheit in die Monkey Bay einlaufen können. Und falls Bosquet entschied, einen Vorstoß in der Morgendämmerung zu wagen, wäre Hunter auf ihn vorbereitet.

»Anker werfen!«, rief Enders. »Festmachen!«

Die El Trinidad kam bebend im Zwielicht zum Stehen. Die Cassandra glitt an ihr vorbei, tiefer in die Bucht hinein. Das kleinere Schiff konnte mit seinem geringeren Tiefgang in das flache Wasser näher am Ufer. Kurz darauf klatschte Sansons Anker ins Wasser, und beide Schiffe wurden festgemacht.

Sie waren in Sicherheit, wenigstens vorläufig.

KAPITEL 28

Nach der nervenaufreibenden Fahrt durch das Riff herrschte auf beiden Schiffen eine fröhlich ausgelassene Stimmung, und die Besatzungen riefen einander im Dämmerlicht Glückwünsche und scherzhafte Unverschämtheiten zu. Hunter war nicht nach Jubeln zumute. Er stand auf dem Heckkastell der Galeone und beobachtete das Kriegsschiff, das trotz der rasch zunehmenden Dunkelheit immer näher kam.

Die Spanier waren jetzt keine halbe Meile mehr von der Bucht entfernt, kurz vor der Lücke im Riff. Bosquet hatte großen Wagemut, dachte Hunter, sich so weit zu nähern, wo es fast dunkel war. Er ging damit ein großes und unnötiges Risiko ein.

Enders, der die Spanier ebenfalls beobachtete, stellte die unausgesprochene Frage: »Warum?«

Hunter schüttelte den Kopf. Er sah, wie das Kriegsschiff die Ankerleine auswarf, er sah das Aufspritzen, als der Anker ins Wasser fiel.

Das feindliche Schiff war so nahe, dass er die lauten spanischen Befehle hören konnte, die übers Wasser zu ihm trieben. Am Heck des Schiffes herrschte geschäftiges Treiben. Dann wurde ein zweiter Anker ausgeworfen.

»Das versteh ich nicht«, sagte Enders. »Er hat um sich meilenweit tiefes Wasser, um die Nacht abzuwarten, aber er geht bei vier Faden vor Anker.«

Hunter ließ das andere Schiff nicht aus den Augen. Ein weiterer Heckanker landete im Wasser, und viele Hände zogen an der Leine. Das Heck des Kriegsschiffes schwenkte herum Richtung Ufer.

»Verdammt«, sagte Enders. »Die werden doch wohl nicht …«

»Oh doch«, sagte Hunter. »Die gehen in Breitseitenstellung. Anker lichten.«

»Anker lichten!«, rief Enders seiner überraschten Besatzung zu. »Fock bereit machen, los! Alle Mann an die Leinen!« Er drehte sich wieder zu Hunter um. »Wir laufen ganz sicher auf Grund.«

»Wir haben keine andere Wahl«, sagte Hunter.

Bosquets Absicht war nur allzu klar. Er hatte vor der Mündung der Bucht so nah am Riff geankert, dass seine Breitseitkanonen die El Trinidad erreichen konnten. Er hatte vor, dort zu bleiben und die Galeone die Nacht hindurch zu beschießen. Hunter musste sich ins flache Wasser retten, um außer Reichweite zu kommen, sonst wären seine Schiffe am nächsten Morgen zerstört.

Und tatsächlich, schon öffneten sich am spanischen Kriegsschiff die Geschützluken und die Mündungen der Kanonen tauchten auf, um gleich darauf das Feuer zu eröffnen. Kugeln fetzten durch die Takelage der El Trinidad und platschten ringsherum ins Wasser.