»Tja«, sagte Enders. »Das war’s dann erst mal. Die Spanier können nicht rein und wir können nicht raus.«
Um die Mittagsstunde war es in der Monkey Bay brütend heiß und stickig geworden. Hunter schritt auf dem aufgeheizten Deck seiner Galeone hin und her und spürte das weich gewordene Pech klebrig unter den Füßen. Er war sich der Ironie seiner misslichen Lage durchaus bewusst. Er hatte die tollkühnste Kaperfahrt des Jahrhunderts mit vollem Erfolg durchgeführt – nur um sich von einem einzigen spanischen Kriegsschiff in die Falle einer drückend heißen, ungesunden Bucht jagen zu lassen.
Es war ein schwieriger Augenblick für ihn und noch schwieriger für seine Leute. Die Freibeuter erwarteten von ihrem Captain eine starke Führung und neue Pläne, und es war nur allzu offensichtlich, dass Hunter nicht weiterwusste. Irgendwer war an die Rumvorräte gekommen, und es gab etliche trunkene Schlägereien unter den Männern; ein Seemann forderte einen anderen nach einem Streit zum Duell. Enders konnte das Schlimmste gerade noch verhindern. Hunter ließ verlauten, dass er jeden, der einen anderen tötete, ebenfalls töten würde. Der Captain wollte seine Besatzung unversehrt, und persönliche Unstimmigkeiten konnten bis zu ihrer Rückkehr nach Port Royal warten.
»Ich weiß nicht, ob sie das hinnehmen«, sagte Enders düster wie eh und je.
»Sie werden«, sagte Hunter.
Er stand gerade mit Lady Sarah an Deck im Schatten des Hauptmastes, als irgendwo unter Deck ein Pistolenschuss fiel.
»Was war das?«, sagte Lady Sarah beunruhigt.
»Ein Unglückszeichen«, sagte Hunter.
Einige Augenblicke später brachte Bassa einen Mann nach oben, der verzweifelt versuchte, sich aus dem Griff des riesigen Mauren zu befreien. Enders folgte niedergeschlagen hinterdrein.
Hunter blickte den Seemann an. Er war ein angegrauter Mann von fünfunddreißig Jahren namens Lockwood. Hunter kannte ihn ein kaum.
»Hat Perkins hiermit ins Ohr geschossen«, sagte Enders und reichte Hunter eine Pistole.
Die Besatzung versammelte sich nach und nach auf dem Hauptdeck, mürrisch und finster in der heißen Sonne. Hunter zog seine eigene Pistole aus dem Gürtel und überprüfte das Pulver.
»Was habt Ihr vor?«, sagte Lady Sarah, die aufmerksam zuschaute.
»Das geht Euch nichts an«, sagte Hunter.
»Aber –«
»Seht weg«, sagte Hunter. Er hob die Pistole.
Der Maure ließ den Seemann los. Der betrunkene Mann stand mit hängendem Kopf da.
»Er hat mich wütend gemacht«, sagte er.
Hunter schoss ihn in den Kopf. Das Gehirn spritzte über die Planken.
»Oh Gott!«, sagte Lady Sarah Almont.
»Wirf ihn über Bord«, sagte Hunter. Bassa packte den Toten an den Armen, und als er ihn wegschleifte, schabten dessen Füße laut in der Mittagsstille übers Deck. Kurz darauf ertönte ein lautes Platschen und der Leichnam war verschwunden.
Hunter blickte seine Besatzung an. »Wollt Ihr einen neuen Captain wählen?«, sagte er laut.
Die Männer grummelten und wandten sich ab. Keiner sprach ein Wort.
Bald darauf war das Deck wieder leer. Die Männer hatten sich vor der Hitze nach unten geflüchtet.
Hunter sah Lady Sarah an. Sie schwieg, doch ihr Blick war anklagend.
»Das sind harte Männer«, sagte Hunter, »und sie leben nach den Regeln, die wir alle akzeptieren.«
Sie sagte nichts, sondern drehte sich auf dem Absatz um und ging. Hunter blickte Enders an. Der zuckte die Achseln.
Später am Nachmittag erfuhr Hunter von seinem Mann im Ausguck, dass sich an Bord des Kriegsschiffs wieder etwas tat. Alle Beiboote waren zu Wasser gelassen worden, auf der Ozeanseite, außer Sicht vom Land aus. Sie waren offenbar am Schiff festgemacht, denn es war noch keines aufgetaucht. Vom Deck des Kriegsschiffs stieg dichter Rauch auf. Es brannte irgendein Feuer, doch zu welchem Zweck, war unklar. So blieb die Lage bis zum Abend.
Der Einbruch der Dunkelheit war ein Segen. In der kühlen Abendluft schritt Hunter auf der El Trinidad auf und ab und sah sich die langen Reihen seiner Kanonen an. Er ging von einer zur anderen, blieb stehen, um sie zu berühren, fuhr mit den Fingern über die Bronze, die noch die Wärme des Tages gespeichert hatte. Er überprüfte das Zubehör, das bei jeder verstaut war: den Ladestock, die Pulverbeutel, die aufgehäuften Kugeln, die Federkiele zum Anstechen der Pulverbeutel und die Lunten in den Wassereimern.
Es war alles einsatzbereit – das viele Schießpulver, die vielen Geschütze. Er hatte alles, was er brauchte, nur keine Männer, um die Kanonen abzufeuern. Und ohne die Männer könnte er genauso gut keine Kanonen haben.
»Ihr seid in Gedanken versunken.«
Er drehte sich verblüfft um. Lady Sarah stand in einem weißen Nachtgewand vor ihm. In der Dunkelheit sah es aus wie ein Unterkleid.
»Ihr solltet Euch nicht so kleiden, bei den vielen Männern an Bord.«
»Es war zu heiß zum Schlafen«, sagte sie. »Außerdem war ich unruhig. Was ich heute mit angesehen habe …«
»Das hat Euch verstört?«
»So etwas Grausames hab ich noch nie gesehen, nicht einmal bei einem Monarchen. Charles selbst ist nicht so erbarmungslos, so willkürlich.«
»Charles hat den Kopf voll mit anderen Dingen. Seinen Vergnügungen.«
»Ihr wollt mich missverstehen.« Selbst im Dunkeln schimmerte so etwas wie Zorn in ihren Augen.
»Madam«, sagte Hunter. »In dieser Gesellschaft –«
»Gesellschaft? Ihr nennt das hier« – sie deutete mit einer ausladenden Handbewegung auf das Schiff und die Männer, die an Deck schliefen – »Ihr nennt das hier Gesellschaft?«
»Natürlich. Wo immer Menschen zusammen sind, gibt es Regeln, wie man sich zu verhalten hat. Die Regeln dieser Männer unterscheiden sich von denen am Hofe von Charles oder von Louis oder auch von denen in der Kolonie Massachusetts, wo ich geboren wurde. Und doch gibt es Regeln, die es zu achten gilt, und Strafen für die, die sie brechen.«
»Ihr seid ein Philosoph.« Ihre Stimme im Dunkeln klang sarkastisch.
»Ich sage nur, was ich weiß. Was würde Euch am Hof von Charles widerfahren, wenn Ihr Euch vor dem Monarchen nicht verbeugen würdet?«
Sie schnaubte, als ihr klar wurde, worauf er hinauswollte.
»Hier ist es genauso«, sagte Hunter. »Diese Männer sind wild und gewalttätig. Wenn ich über sie bestimmen soll, müssen sie mir gehorchen. Wenn sie mir gehorchen sollen, müssen sie mich achten. Wenn sie mich achten sollen, müssen sie meine Macht anerkennen, die absolut ist.«
»Ihr sprecht wie ein König.«
»Ein Captain ist ein König, er herrscht über seine Besatzung.«
Sie trat näher. »Und nehmt Ihr Euch auch Eure Vergnügungen, wie ein König das tut?«
Ihm blieb nur eine Sekunde Zeit zum Nachdenken, ehe sie ihre Arme um ihn schlang und ihn auf den Mund küsste, fest. Er erwiderte ihre Umarmung. Als sie sich voneinander lösten, sagte sie: »Ich habe solche Angst. Alles ist fremd hier.«
»Madam«, sagte er, »es ist meine Pflicht, Euch sicher zu Eurem Onkel und meinem Freund Gouverneur Sir James Almont zurückzubringen.«
»Redet nicht so gestelzt. Seid Ihr Puritaner?«
»Nur von Geburt«, sagte er und küsste sie erneut.
»Vielleicht sehe ich Euch später noch«, sagte sie.
»Vielleicht.«
Sie ging nach unten, nicht ohne ihm im Dunkeln noch einen letzten Blick zugeworfen zu haben. Hunter lehnte sich gegen eine Kanone und sah ihr nach.
»Appetitliches Weibsbild, was?«
Er drehte sich um. Es war Enders, der ihn angrinste.
»Kaum ist eine Hochwohlgeborene mal aus ihrem goldenen Käfig, schon wird sie ganz wild, was?«