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Enders jammerte kläglich und bat Hunter dann, für einen Augenblick das Ruder zu übernehmen. Hunter sah zu, wie der Meereskünstler zu einer Stelle am Bug ging, wo keine Segel über ihm waren.

Enders stellte sich mit dem Rücken zum Wind und breitete die Arme aus. So blieb er einen Augenblick stehen, drehte sich dann ein wenig, die Arme noch immer ausgebreitet.

Hunter erkannte den alten Seemannstrick, um das Auge eines Hurrikans zu orten. Wenn man sich mit ausgebreiteten Armen und mit dem Rücken zum Wind stellte, lag das Auge des Sturms stets zwei Kompassstriche vor der Richtung, in die die linke Hand zeigte.

Enders kam grummelnd und fluchend zurück zum Ruder. »Er ist süd-südwest«, sagte er, »und ich will verflucht sein, wenn wir ihn nicht noch vor Einbruch der Dunkelheit zu spüren bekommen.«

Und tatsächlich, der Himmel bezog sich bereits dunkelgrau, und der Wind schien mit jeder Minute stärker zu werden. Die El Trinidad krängte bedenklich, als sie Cat Island hinter sich ließ und die Rauheit der offenen See voll zu spüren bekam.

»Verdammt«, sagte Enders. »Ich trau diesen vielen Kanonen nicht, Captain. Können wir nicht wenigstens zwei oder drei wieder nach steuerbord schaffen?«

»Nein«, sagte Hunter.

»Dann wird sie flinker«, sagte Enders. »Das würde Euch gefallen, Captain.«

»Bosquet auch«, sagte Hunter.

»Zeigt mir Bosquet«, sagte Enders, »und ich sag kein Wort mehr über Eure Kanonen.«

»Da ist er«, sagte Hunter und deutete nach achtern. Enders blickte in die Richtung und sah, wie das spanische Kriegsschiff am Nordufer von Cat Island auftauchte und ihnen dicht auf den Fersen war.

»Der küsst uns ja schon fast den Hintern«, sagte Enders. »Schockschwerenot, er ist gut auf Kurs.«

Das Kriegsschiff hielt auf den verwundbarsten Teil der Galeone zu, das Achterdeck. Achtern war jedes Schiff schwach – weshalb Schätze stets im Bug verstaut wurden und die geräumigsten Kajüten immer achtern lagen. Der Kapitän eines Schiffes mochte zwar eine große Kajüte haben, aber man ging auch davon aus, dass er während einer Schlacht nicht darin sein würde.

Hunter hatte achtern keine einzige Kanone; sie zeigten alle nach backbord. Und die Schlagseite des Schiffes machte es Enders unmöglich, die traditionelle Verteidigungstaktik bei einem Angriff von hinten anzuwenden, nämlich einen Zickzackkurs zu fahren, um ein schlechtes Ziel abzugeben. Enders hatte schon Mühe genug, das Schiff halbwegs gerade zu halten, damit kein Wasser über Bord schwappte, was ihn todunglücklich machte.

»Immer mit der Ruhe«, sagte Hunter, »und Land auf steuerbord halten.«

Er ging nach vorne zur Seitenreling, wo Don Diego durch ein seltsames Instrument spähte, das er gebaut hatte. Es war eine Holzvorrichtung, knapp drei Fuß lang und am Hauptmast befestigt. An beiden Enden befand sich ein kleiner viereckiger Holzrahmen mit einem x-förmigen Fadenkreuz darin.

»Es ist ganz einfach«, sagte der Jude. »Das Ziel wird von hier anvisiert«, sagte er und stellte sich an ein Ende. »Wenn die beiden Fadenkreuze sich decken, ist die Position richtig. Genau der Teil des Ziels, der sich im Schnittpunkt der Fäden befindet, wird getroffen.«

»Was ist mit der Reichweite?«

»Dafür braucht Ihr Lazue.«

Hunter nickte. Mit ihren scharfen Augen konnte Lazue Entfernungen erstaunlich präzise einschätzen.

»Die Reichweite ist nicht das Problem«, sagte der Jude. »Das Problem ist die zeitliche Berücksichtigung der Dünung. Hier, seht selbst.«

Hunter trat hinter die Vorrichtung.

Er schloss ein Auge und spähte so lange, bis die zwei X sich deckten. Und dann sah er, wie stark das Schiff schaukelte.

Zeigte das Fadenkreuz eben noch zum leeren Himmel, war es im nächsten Augenblick auf das wogende Meer gerichtet.

Er stellte sich vor, wie er eine Salve abfeuern ließ. Zwischen seinem Feuerbefehl und dem Augenblick, an dem die Kanonen gezündet wurden, gäbe es eine Verzögerung, das wusste er. Er musste das mit einberechnen. Und die Kugeln selbst flogen langsam: Eine weitere halbe Sekunde würde vergehen, ehe sie das Ziel trafen. Alles zusammen über eine Sekunde zwischen Feuerbefehl und Einschlag.

In dieser Sekunde würde das Schiff wie verrückt auf dem Ozean tanzen. Kalte Angst erfasste ihn. Sein verzweifelter Plan war bei schwerem Seegang unmöglich durchzuführen. Sie würden es niemals schaffen, zwei zielsichere Salven abzufeuern.

»Wo es vor allen Dingen auf die zeitliche Abstimmung ankommt«, sagte der Jude, »könnte das Duell ein nützliches Beispiel sein.«

»Gut«, sagte Hunter. Der Gedanke war hilfreich. »Verständigt die Geschützbesatzungen. Die Signale lauten: klar zum Feuern, drei, zwei, eins, Feuer. Verstanden?«

»Ich werde es ihnen sagen«, nickte der Jude. »Aber beim Schlachtenlärm …«

Hunter nickte. Der Jude war heute sehr scharfsinnig und dachte um einiges klarer als Hunter selbst. Sobald die ersten Schüsse fielen, würden gerufene Kommandos übertönt oder missverstanden werden. »Ich gebe die Kommandos. Ihr steht neben mir und gebt Handzeichen.«

Der Jude nickte und ging, um die Männer zu unterrichten. Hunter rief Lazue und erklärte ihr, wie wichtig die präzise Einschätzung der Entfernung war. Die Kanonen waren auf fünfhundert Yards ausgerichtet. Lazue würde äußerst genaue Angaben machen müssen. Sie sagte, sie traue sich das zu.

Er ging zurück zu Enders, der unablässig vor sich hin schimpfte. »Dauert nicht mehr lang, und der Sauhund rammt uns den Arsch«, sagte er. »Ich kann ihn schon an der Rosette spüren.«

Im selben Augenblick eröffnete das spanische Kriegsschiff mit seinen Bugkanonen das Feuer. Kleine Kugeln sausten pfeifend durch die Luft.

»Ein echter Heißsporn«, sagte Enders und schüttelte die Faust in der Luft.

Eine zweite Salve ließ Holz am Heckkastell zersplittern, richtete aber keinen ernsthaften Schaden an.

»Ruhig bleiben«, sagte Hunter. »Lasst ihn aufholen.«

»Ihn aufholen lassen! Mir bleibt ja wohl kaum was anderes übrig.«

»Kühlen Kopf bewahren«, sagte Hunter.

»Um meinen Kopf mach ich mir keine Sorgen«, sagte Enders, »aber um meinen teuren Hintern.«

Eine dritte Salve zischte mittschiffs durch die Luft und landete harmlos im Wasser. Darauf hatte Hunter gewartet.

»Rauchtöpfe!«, rief er, und die Besatzung lief los, um die an Deck bereitstehenden Fässer mit Pech und Schwefel anzuzünden. Rauchschwaden stiegen auf und trieben nach achtern. Hunter wollte damit einen größeren Schaden vortäuschen. Er konnte sich gut vorstellen, welches Bild die El Trinidad den Spaniern bot: ein krängendes Schiff in Bedrängnis, das jetzt in dunklen Rauch gehüllt war.

»Er dreht nach Osten«, sagte Enders. »Jetzt bereitet er den Todesstoß vor.«

»Gut«, sagte Hunter.

»Gut«, wiederholte Enders kopfschüttelnd. »Beim Henker, unser Captain sagt gut.«

Hunter beobachtete, wie das spanische Kriegsschiff auf die Backbordseite der Galeone zog. Bosquet hatte den Angriff nach klassischer Manier begonnen und setzte ihn in gleicher Weise fort. Er ging auf Abstand zu seinem Ziel, um knapp außer Reichweite der Kanonen auf einen parallelen Kurs zu kommen.

Sobald er seine Breitseite zur Galeone hin ausgerichtet hatte, würde er den Abstand allmählich verringern. Und wenn er dann in Reichweite war – ab ungefähr zweitausend Yards –, würde Bosquet das Feuer eröffnen und immer weiter schießen, während er näher und näher kam. Diese Phase würde für Hunter und seine Besatzung am schwierigsten werden. Sie mussten diese Breitseiten über sich ergehen lassen, bis das spanische Schiff in ihrer Reichweite war.

Hunter sah, dass das feindliche Schiff jetzt genau parallel auf der Backbordseite der El Trinidad fuhr, gut eine Meile entfernt.

»Ruhig Blut«, sagte Hunter und legte Enders eine Hand auf die Schulter.