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»Ihr macht mich fertig«, knurrte Enders, »noch ehe der Heißsporn von Spanier dazu kommt.«

Hunter ging nach vorn zu Lazue.

»Entfernung knapp unter zweitausend Yards«, sagte Lazue, die mit zusammengekniffenen Augen auf das feindliche Schiff spähte.

»Wie schnell kommen sie näher?«

»Schnell. Sie sind ungeduldig.«

»Umso besser für uns«, sagte Hunter.

»Entfernung noch achtzehnhundert Yards«, sagte Lazue.

»Macht euch auf eine Salve gefasst«, sagte Hunter.

Sekunden später explodierte die erste Breitseite von dem Kriegsschiff, und die Kugeln landeten platschend im Wasser vor der Backbordseite.

Der Jude zählte. »Eins Madonna, zwei Madonna, drei Madonna, vier Madonna …«

»Unter siebzehnhundert«, sagte Lazue.

Der Jude hatte bis fünfundsiebzig gezählt, als die zweite Breitseite abgefeuert wurde. Eisenkugeln zischten rings um sie herum durch die Luft, doch keine traf das Schiff.

Sogleich fing der Jude wieder an zu zählen. »Eins Madonna, zwei Madonna …«

»Nicht so flott, wie sie sein könnten«, sagte Hunter. »Das hätten sie in sechzig Sekunden schaffen können.«

»Fünfzehnhundert Yards«, murmelte Lazue.

Eine weitere Minute verstrich, dann kam die dritte Breitseite. Und die traf mit Wucht ins Ziel. Um Hunter herum brach plötzlich heilloses Chaos aus – Männer brüllten, Splitter sausten durch die Luft, Spieren und Takelage krachten aufs Deck.

»Schäden!«, rief er. »Schäden melden!« Er spähte durch den Qualm zum feindlichen Schiff hinüber, das unaufhaltsam näher kam. Er bemerkte nicht einmal den Seemann, der sich vor Schmerzen schreiend zu seinen Füßen wand, die Hände aufs Gesicht gedrückt, während Blut zwischen seinen Fingern hervorquoll.

Der Jude blickte nach unten und sah einen riesigen Splitter, der sich dem Seemann durch die Wange in den Gaumen gebohrt hatte. Im nächsten Augenblick beugte Lazue sich ruhig über den Mann und schoss ihm mit ihrer Pistole in den Kopf. Eine blassrosa glitschige Masse spritzte über die Holzplanken. Seltsam gleichgültig erkannte der Jude, dass es das Gehirn des Mannes war. Er sah Hunter an, der gebannt auf den Feind starrte.

»Schäden melden!«, rief Hunter wieder, als die nächste Salve einschlug.

»Bugspriet weg!«

»Focksegel weg!«

»Kanone zwei beschädigt!«

»Kanone sechs beschädigt!«

»Besantoppsegel zerfetzt!«

»Weg da unten!«, schrie eine Stimme, als auch schon die oberen Spieren des Besanmastes krachend in einem Regen aus Holz und Tauen herabfielen.

Hunter warf sich hin, als alles rings um ihn herum aufs Deck schlug. Ein Segel bedeckte ihn, und als er sich aufrappelte, stach ein Messer durch den Stoff, dicht neben seinem Gesicht. Er wich zurück und sah Tageslicht; Lazue schnitt ihn frei.

»Du hättest fast meine Nase erwischt«, sagte er.

»Die würdest du nicht vermissen«, sagte Lazue.

Eine weitere Salve vom spanischen Kriegsschiff pfiff über ihre Köpfe hinweg.

»Sie sind zu hoch«, schrie Enders außer sich vor Freude. »Kreuzdonnerwetter, sie sind zu hoch!«

Hunter blickte nach vorne, und im selben Augenblick krachte eine Kugel in die Geschützbesatzung Nummer fünf. Die Bronzekanone wurde in die Luft katapultiert, dicke Holzsplitter flogen in alle Richtungen. Ein Mann wurde von einem rasiermesserscharfen Stück in den Hals getroffen. Er fasste sich an die Kehle, fiel aufs Deck und krümmte sich vor Schmerz.

Gleich daneben wurde ein anderer voll von einer Kugel erwischt. Sie halbierte seinen Körper, riss die Beine unter ihm weg. Der Rumpf rollte schreiend einige Augenblicke lang über die Planken, bis der Blutverlust den Tod brachte.

»Schäden melden!«, rief Hunter. Einem Mann, der neben ihm stand, zertrümmerte ein Flaschenzug den Schädel, und er starb in einer roten, klebrigen Blutlache.

Die Spiere des Focktoppsegels stürzte herab und zerschmetterte zwei Männern die Beine; sie heulten und brüllten zum Erbarmen.

Schon kam die nächste Breitseite von den Spaniern.

Inmitten dieses Chaos aus Verletzten, Toten und Zerstörung zu stehen und einen kühlen Kopf zu bewahren, war fast unmöglich, und doch tat Hunter sein Bestes, während eine Salve nach der anderen in sein Schiff krachte. Zwanzig Minuten waren vergangen, seit die Spanier das Feuer eröffnet hatten. Das Deck war übersät mit Tauwerk und Spieren und gesplittertem Holz. Die Schreie der Verwundeten verschmolzen mit dem Heulen der Kanonenkugeln in der Luft. Für Hunter war das ganze Tohuwabohu um ihn herum längst zu einer ständigen Geräuschkulisse geworden, die er gar nicht mehr richtig wahrnahm. Obwohl er wusste, dass seine Galeone langsam und unerbittlich zerstört wurde, hielt er die Augen starr auf das feindliche Schiff gerichtet, das näher und näher kam.

Er hatte schwere Verluste erlitten. Sieben Männer waren tot und zwölf verletzt; zwei Geschützstände waren zerstört. Er hatte den Bugspriet mit allem Segel verloren; er hatte das Besantoppsegel und die Großsegeltakelung auf der Leeseite verloren; er hatte zwei Treffer unter die Wasserlinie bekommen, und die El Trinidad nahm rasch Wasser auf. Schon jetzt spürte er, wie sie tiefer im Wasser lag und nicht mehr so schnell war, sondern irgendwie schleppend und tranig vorankam.

Er konnte nicht versuchen, die Lecks abdichten zu lassen. Seine Leute hatten schon alle Hände voll damit zu tun, das Schiff einigermaßen auf Kurs zu halten. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis es unmöglich zu steuern war oder glattweg sank.

Er blinzelte durch den Qualm auf das spanische Schiff. Es war nur noch schwer zu sehen. Trotz des starken Windes waren die beiden Schiffe von beißendem Rauch umhüllt.

Das Kriegsschiff schloss rasch auf.

»Siebenhundert Yards«, sagte Lazue tonlos. Sie war verletzt. Ein scharfkantiges Holzstück hatte ihr schon bei der fünften Salve den Unterarm aufgerissen. Sie hatte sich rasch eine Aderpresse unterhalb der Schulter angelegt und widmete sich weiter ihrer Aufgabe, ohne auf das Blut zu achten, das zu ihren Füßen aufs Deck tropfte.

Eine weitere Salve kam kreischend angeflogen und brachte die Galeone mit mehreren Treffern ins Schaukeln.

»Sechshundert Yards.«

»Klar zum Feuern!«, rief Hunter und beugte sich vor, um das Ziel ins Fadenkreuz zu nehmen. Er visierte die Mitte des spanischen Kriegsschiffs an, das jedoch unvermutet ein wenig vorrückte. Jetzt hatte er das Heckkastell im Visier.

Auch gut, dachte er, während er das Schwanken der El Trinidad durch das Fadenkreuz abschätzte. Langsam bekam er ein Gefühl für den Rhythmus, auf und ab, auf und ab, sah mal den grauen Himmel, dann nur Wasser, dann wieder das Kriegsschiff. Dann grauen Himmel, als die El Trinidad weiter nach oben schaukelte.

Er zählte vor sich hin, wieder und wieder, bewegte dabei lautlos die Lippen.

»Fünfhundert Yards«, sagte Lazue.

Hunter wartete noch einen Augenblick länger. Dann zählte er.

»Eins«, rief er, als das Fadenkreuz gen Himmel zeigte. Dann sank die Galeone nach unten, und die Umrisse des Kriegsschiffs glitten rasch vorbei.

»Zwei«, rief er, als das Fadenkreuz in die schäumende See zeigte.

Es folgte ein kurzes Zögern in der Bewegung. Er wartete.

»Drei!« Er rief, als die Aufwärtsbewegung begann.

»Feuer!«

Die Galeone erbebte und bockte ruckartig nach oben, als alle dreißig Kanonen gleichzeitig feuerten. Hunter wurde so heftig nach hinten gegen den Hauptmast gerissen, dass ihm die Luft wegblieb. Er merkte es kaum – er wartete auf die Abwärtsbewegung, um zu sehen, was mit dem Feind passiert war.

»Du hast getroffen«, sagte Lazue.

Und tatsächlich. Die Wucht des Einschlags hatte das spanische Schiff zur Seite geschleudert, sodass das Heck nach außen schwenkte. Die Umrisse des Heckkastells waren jetzt eine gezackte Linie, und der gesamte Besanmast stürzte in einer seltsam langsamen Bewegung mit Segeln und allem ins Wasser.