»Nicht besser, nicht schlechter«, rief Enders zurück. »Wir halten uns, und wir halten auch noch eine Weile länger durch, aber nur noch einige Stunden. Ich kann spüren, wie sie langsam aufgibt.«
»Wie viele Stunden noch?«
Enders’ Erwiderung ertrank in dem Wellenberg, der über sie hinwegbrandete und donnernd aufs Deck schlug.
Wie auch immer die Antwort gelautet hatte, dachte Hunter: Kein Schiff konnte eine solche Tortur lange überstehen, erst recht kein so angeschlagenes Schiff wie die El Trinidad.
In ihrer Kajüte betrachtete Lady Sarah Almont die Zerstörung, die sowohl der Sturm als auch die Seemänner angerichtet hatten, die sie mitten in ihren Vorbereitungen überrumpelt hatten. Obwohl das Schiff heftig schwankte, stellte sie vorsichtig ihre roten Kerzen wieder auf den Plankenboden und zündete sie an, bis alle fünf brannten. Dann kratzte sie ein Pentagramm in das Holz und stellte sich hinein.
Sie hatte große Angst. Als die Französin, Madame de Rochambeau, ihr und anderen Ladys die neusten Moden am Hofe von Louis XIV. vorgeführt hatte, war sie amüsiert gewesen, hatte sogar ein wenig gespöttelt. Aber in Frankreich, so hieß es, töteten Frauen ihre Neugeborenen, um sich ewige Jugend zu verschaffen. Wenn das stimmte, vielleicht nur ein wenig, dann könnte ein Engländer, um ihr Leben zu retten, doch …
Was konnte es schaden? Sie schloss die Augen, hörte den Sturm ringsherum heulen. »Greedigut. Greedigut, komm zu mir–«
Das Deck schwankte wie verrückt, die Kerzen rutschten mal hierhin, mal dorthin. Sie musste immer wieder abbrechen, um sie aufzufangen. Das war alles sehr störend. Wie schwierig es doch war, eine Hexe zu sein! Madame de Rochambeau hatte nichts von Beschwörungen an Bord eines Schiffes gesagt. Vielleicht zeigten sie ja gar keine Wirkung. Vielleicht war das alles ja bloß französischer Humbug.
»Greedigut …«, stöhnte sie. Sie streichelte sich.
Und dann meinte sie zu hören, dass der Sturm nachließ.
Oder war das bloß Einbildung?
»Greedigut, komm zu mir, nimm mich, fahr in mich …«
Sie stellte sich Krallen vor, sie fühlte den Wind, der ihr Nachtgewand flattern ließ, sie spürte etwas im Raum …
Und der Wind flaute ab.
TEIL V
DAS MAUL DES DRACHEN
KAPITEL 32
Mit dem seltsamen Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte, erwachte Hunter aus einem unruhigen Schlaf. Er setzte sich im Bett auf und merkte, dass um ihn alles viel leiser war: Das Schiff schwankte nicht mehr so wild, und der Wind war nur noch ein Flüstern.
Er hastete an Deck, wo leichter Regen fiel. Das Meer war ruhiger geworden und die Sicht hatte sich verbessert. Enders, noch immer am Ruder, sah halb tot aus, hatte aber ein Grinsen aufgesetzt.
»Wir haben’s geschafft, Captain«, sagte er. »Vom Schiff ist zwar nicht mehr viel übrig, aber wir haben’s geschafft.«
Enders deutete nach steuerbord. Es war Land in Sicht – die niedrigen grauen Umrisse einer Insel.
»Was ist das da?«, fragte Hunter.
»Weiß nicht«, sagte Enders. »Aber wir schaffens gerade noch bis dahin.«
Ihr Schiff war zwei Tage und Nächte hin und her geworfen worden, und sie hatten keine Ahnung von ihrer Position. Sie näherten sich der kleinen Insel, die geduckt und zerzaust und nicht besonders einladend aussah. Schon aus der Ferne konnten sie sehen, dass am Strand dicht an dicht Kakteen wuchsen.
»Ich schätze, das sind die Inseln unter dem Wind«, sagte Enders und blinzelte wissend. »Vermutlich in der Nähe der Boca del Dragon, und in diesen Gewässern finden wir keine Ruhe.« Er seufzte. »Ich wünschte, wir könnten die Sonne sehen, zur Orientierung.«
Die Boca del Dragon – das Drachenmaul – war der Meeresstreifen zwischen den karibischen Inseln unter dem Wind und der Küste Südamerikas. Die Gewässer dort waren berüchtigt und gefürchtet, obwohl sie im Augenblick einigermaßen friedlich wirkten.
Trotz der ruhigen See schlingerte und schwankte die El Trinidad wie ein Betrunkener. Dennoch gelang es ihnen mit zerfetzten Segeln, die Südspitze der Inseln zu umrunden und am westlichen Ufer eine recht gute Bucht anzusteuern. Sie lag geschützt und hatte einen sandigen Grund, der zum Kielholen geeignet war. Hunter ließ das Schiff festmachen, und seine erschöpfte Besatzung ging an Land, um sich auszuruhen.
Von Sanson und der Cassandra fehlte jede Spur. Ob sie den Sturm überstanden hatten, war Hunters zu Tode erschöpften Männern im Augenblick gleichgültig. Sie lagen lang ausgestreckt in ihren nassen Sachen am Strand und schliefen, die Gesichter im Sand, die Körper reglos wie Leichen. Die Sonne lugte kurz hinter dünnen Wolken hervor. Hunter spürte, wie auch ihn die Müdigkeit überwältigte, und schlief ebenfalls ein.
Die nächsten drei Tage waren sonnig. Die El Trinidad wurde kielgeholt, und die Besatzung reparierte die Schäden unterhalb der Wasserlinie sowie die Spieren der zerstörten Aufbauten. Eine Durchsuchung des Schiffs ergab, dass kein Holz an Bord war. Für gewöhnlich führte eine Galeone von dieser Größe zusätzliche Spieren und Masten im Frachtraum mit, doch die Spanier hatten offenbar darauf verzichtet, um mehr Platz für die Ladung zu haben. Hunters Männer mussten sich also so irgendwie behelfen.
Enders richtete sein Astrolabium auf die Sonne und ortete ihre Breite bei vierzig Grad – sehr weit südlich. Sie waren nicht weit von den spanischen Stützpunkten Cartagena und Maracaibo an der südamerikanischen Küste entfernt. Doch davon abgesehen wussten sie absolut nichts über ihre Insel, die sie No Name Cay tauften.
Hunter spürte die besondere Verwundbarkeit eines Captains, als die El Trinidad seeuntüchtig auf der Seite lag. Würden sie jetzt angegriffen, wären sie praktisch hilflos. Doch er hatte keinen Grund, irgendetwas zu befürchten; die Insel war offenbar unbewohnt, und das Gleiche galt für die zwei kleinen Nachbarinseln im Süden.
Dennoch lag auf No Name etwas Ungastliches, geradezu Feindseliges in der Luft. Der Boden war dürr und von Kakteen überwuchert, die stellenweise dicht wie ein Wald standen. Leuchtend bunte Vögel krakeelten im Gestrüpp, ihre Schreie vom Wind getragen. Der Wind wehte unaufhörlich; es war ein heißer, unangenehmer Wind, der mit fast zehn Knoten tagaus, tagein blies und nur in der Morgendämmerung kurz abflaute. Die Männer gewöhnten sich daran, mit dem Heulen des Windes in den Ohren zu arbeiten und zu schlafen.
Irgendetwas an der Insel veranlasste Hunter, rings um das Schiff und die verstreuten Lagerfeuer seiner Leute Wachen zu postieren. Er redete sich ein, die Maßnahme wäre erforderlich, um unter den Männern wieder Disziplin herzustellen, doch der eigentliche Grund war eine böse Vorahnung. Am vierten Abend, beim Essen, teilte er die Nachtwachen ein. Enders sollte die erste Wache übernehmen; er selbst die zweite ab Mitternacht, um sich dann von Bellows ablösen zu lassen. Er schickte einen Mann los, um Enders und Bellows zu verständigen. Eine Stunde später kam der Mann zurück.
»Tut mir leid, Captain«, sagte er. »Ich kann Bellows nicht finden.«
»Was soll das heißen, nicht finden?«
»Er ist nirgends zu finden, Captain.«
Hunter ließ den Blick über das Unterholz am Ufer schweifen. »Der hat sich irgendwo zum Schlafen hingelegt«, sagte er. »Sucht die Bucht ab und bringt ihn her. Der kann was erleben.«
»Aye, Captain«, sagte der Mann.
Doch Bellows blieb spurlos verschwunden. Als die Dunkelheit zunahm, blies Hunter die Suche ab und versammelte alle seine Leute um die Feuer. Er zählte vierunddreißig, einschließlich der spanischen Gefangenen und Lady Sarah. Er wies sie an, nah bei den Feuern zu bleiben, und bestimmte einen anderen Mann, der Bellows’ Wache übernehmen würde.