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Enders kam zu Hunter herübergehuscht. »Sollen wir weiterarbeiten?«

»Wie viele haben wir verloren?«

»Peters, Sir.« Enders blickte nach unten. »Und Maxwell.«

Hunter schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht noch mehr verlieren.« Seine Besatzung war auf dreißig geschrumpft. »Wir warten bis zur Dämmerung.«

»Ich geb den Leuten Bescheid«, sagte Enders und kroch weg. Im selben Augenblick ertönte ein schrilles Heulen, und dann machte es Klatsch! Ein kleiner gefiederter Pfeil hatte sich neben Hunters Ohr ins Holz gebohrt. Er zog den Kopf ein und wartete.

Bis zum Anbruch der Dämmerung blieb alles ruhig, doch dann kamen die rot bemalten Männer mit einem schauerlichen Geheul aus den Büschen auf den Strand gestürmt. Hunters Leute empfingen sie mit einer Musketensalve. Ein Dutzend von den Wilden fielen um, die Übrigen suchten schleunigst wieder Deckung.

Hunter und seine Männer warteten, geduckt und ängstlich, bis zum Mittag. Als nichts passierte, gab Hunter zögerlich den Befehl, die Arbeit wieder aufzunehmen. Er erkundete mit einer Handvoll Männern die nähere Umgebung, aber die Wilden blieben spurlos verschwunden.

Er kehrte zum Schiff zurück. Seine Seeleute waren ausgezehrt, ermattet und bewegten sich langsam. Doch Enders war gut aufgelegt. »Drückt die Daumen und rühmt die Vorsehung«, sagte er, »dann sind wir morgen früh wieder auf See.«

Während das Hämmern und Klopfen wieder einsetzte, ging Hunter nach Lady Sarah sehen.

Sie lag im Bett und stierte auf die Tür, als Hunter eintrat.

»Madam«, sagte er. »Wie fühlt Ihr Euch?«

Sie starrte ihn an, ohne zu antworten. Ihre Augen waren geöffnet, aber sie sah ihn nicht.

»Madam?«

Keine Antwort.

»Madam.«

Er wedelte mit der Hand vor ihrem Gesicht. Sie blinzelte nicht mal, schien ihn gar nicht wahrzunehmen.

Er ließ sie kopfschüttelnd allein.

Sie brachten die El Trinidad mit der am Abend einsetzenden Flut wieder zu Wasser, konnten die Bucht aber nicht vor Tagesanbruch verlassen. Hunter schritt an Deck seines Schiffes auf und ab, ohne das Ufer aus den Augen zu lassen. Das Trommeln hatte wieder begonnen. Er war hundemüde, wollte sich aber nicht schlafen legen. Die ganze Nacht hindurch zischten immer wieder die tödlichen Pfeile durch die Luft. Es wurde niemand getroffen, und Enders, der über das Schiff kroch wie ein hellwacher Affe, erklärte, er sei mit den Instandsetzungen zufrieden, wenn auch nicht begeistert davon.

Bei Sonnenaufgang lichteten sie den Heckanker, und nachdem sie ein Stück vom Strand weggetrieben waren, füllten sich ihre Segel und sie nahmen Kurs aufs offene Meer. Hunter behielt das Ufer im Auge. Er rechnete jeden Augenblick damit, dass die roten Krieger mit einer Flotte Kanus angreifen würden. Aber jetzt konnte er ihnen eine Kostprobe von seinen Kanonen bieten und freute sich geradezu auf die Gelegenheit.

Doch die Indianer griffen nicht an, und als der Wind die Segel blähte und No Name Cay hinter ihnen verschwand, kam ihm der ganze Zwischenfall mehr und mehr wie ein böser Traum vor. Er war völlig erschöpft. Er schickte die meisten Männer in die Hängematten und überließ das Schiff nur Enders am Ruder und einer Notbesatzung.

Das erfüllte Enders mit Sorge.

»Herrgott noch mal«, sagte Hunter, »Ihr seid ja ewig besorgt. Wir sind eben erst den Wilden entkommen, wir haben unser Schiff unter den Füßen und klares Wasser vor uns. Wann seid Ihr endlich zufrieden?«

»Aye, das Wasser ist klar«, sagte Enders, »aber jetzt sind wir in der Boca del Dragon, so viel steht fest. Und hier sollte man nicht mit einer Notbesatzung unterwegs sein.«

»Die Männer müssen schlafen«, sagte Hunter und ging nach unten. Kaum hatte er sich in seiner heißen stickigen Kajüte hingelegt, fiel er auch schon in einen gequälten, unruhigen Schlaf. Er träumte, sein Schiff wäre in der Boca del Dragon gekentert, wo das Wasser tiefer war als irgendwo sonst im Westlichen Meer. Und er sank hinunter ins blaue Wasser, das schwarz wurde …

Der Schrei einer Frauenstimme schreckte ihn aus dem Schlaf. Er eilte an Deck. Der Abend dämmerte, und es wehte eine sehr leichte Brise. Die Segel der El Trinidad blähten sich und glühten rot in der untergehenden Sonne. Lazue hatte Enders am Ruder abgelöst. Sie deutete aufs Meer. »Sieh dir das an.«

Hunter blickte in die Richtung. Unter der Oberfläche sah er im aufgewühlten Wasser irgendetwas Schimmerndes, etwas blaugrün Leuchtendes, das auf sie zukam.

»Der Drache«, sagte Lazue. »Der Drache folgt uns schon seit einer Stunde.«

Hunter beobachtete das leuchtende Geschöpf, das näher kam und, als es neben dem Schiff war, langsamer wurde, um auf einer Höhe mit der El Trinidad zu schwimmen. Es war riesig, ein gewaltiger Berg leuchtendes Fleisch mit langen, nach hinten ausgestreckten Fangarmen.

»Nein!«, rief Lazue, und das Ruder wurde ihr aus den Händen gerissen. Das Schiff schaukelte wie verrückt. »Er greift an!«

Hunter packte das Steuer mit beiden Händen. Doch irgendeine gewaltige Kraft hatte sich seiner bemächtigt, und er konnte es nicht festhalten. Er wurde nach hinten gegen die Reling geschleudert, sodass ihm die Luft wegblieb und er nach Atem rang. Seeleute kamen an Deck gerannt, aufgeschreckt von Lazues Rufen. Überall wurde panisch »Krake! Krake!« geschrien.

Hunter kam gerade wieder auf die Beine, als sich ein schleimiger Fangarm auf Deck schob und sich ihm um die Hüfte schlang. Harte, hornartige Sauger rissen an seiner Kleidung und zerrten ihn zur Reling. Er spürte das kalte Fleisch des Ungetüms. Er überwand seinen Ekel und hackte mit seinem Dolch auf den Tentakel ein, der ihn umschloss. Der Arm hatte übermenschliche Kräfte und hob ihn hoch in die Luft. Wieder und wieder bohrte Hunter seinen Dolch in das Fleisch. Grünliches Blut strömte an seinen Beinen hinab.

Und dann auf einmal lockerte sich die Umklammerung des Fangarms, und Hunter fiel aufs Deck. Als er wieder hochkam, sah er überall Tentakel, die sich über das Heck und das ganze Achterdeck wanden. Ein Seemann wurde gepackt und, während er sich windend zu befreien versuchte, in die Luft gehoben. Das Ungeheuer schleuderte ihn fast verächtlich ins Meer.

Enders rief: »Versucht, ihn vom Kanonendeck aus zu erwischen! Vom Kanonendeck!« Hunter hörte Musketensalven von irgendwo mittschiffs. Männer beugten sich über die Bordwand und schossen auf das Ungetüm.

Hunter rannte zum Heck und blickte nach unten auf das grässliche, bauchige Ungeheuer, das seine zahllosen Fangarme, die das Schiff an etlichen Stellen gepackt hatten, mal hierhin peitschen, mal dorthin schlängeln ließ. Der ganze Körper des Monstrums schimmerte grün in der wachsenden Dunkelheit. Die grünen Tentakel krochen in die Fenster der Heckkajüten.

Plötzlich fiel ihm Lady Sarah ein und er hastete nach unten. Sie lag in ihrer Kajüte und starrte noch immer mit versteinertem Gesicht auf die Tür.

»Kommt, Madam –«

In dem Augenblick zerbarsten die Bleiglasfenster und ein gewaltiger Tentakel, dick wie ein Baumstamm, reckte sich in die Kajüte. Er schlang sich um eine Kanone und zerrte an ihr, sodass die Kanone sich aus ihrer Halterung löste und durch den Raum rollte. Dort, wo die verhornten Sauger das Metall gepackt hatten, waren tiefe, leuchtend gelbe Kratzer.

Lady Sarah schrie auf.

Hunter suchte sich eine Axt und hackte auf den zuckenden Fangarm ein. Ein Schwall widerlich grünes Blut spritzte ihm ins Gesicht. Die Sauger streiften seine Wange, rissen ihm die Haut auf. Der Fangarm wich zurück, stieß dann wieder vor und schlang sich wie ein leuchtend grüner Schlauch um Hunters Bein. Er wurde zu Boden gerissen und über die Planken zum Fenster geschleift. Er schlug die Axt tief in den Boden, um sich daran festzuhalten, doch sie löste sich, und dann schrie Lady Sarah erneut auf, als Hunter durch die zerbrochene Fensterscheibe nach draußen gezogen wurde, über das Heck des Schiffs.