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Einen Augenblick lang flog er durch die Luft, hin und her geworfen von dem Tentakel, der sein Bein gepackt hielt, wie eine Puppe in den Händen eines Kindes. Dann krachte er gegen das Heck der El Trinidad. Er packte die Reling der Achterkajüte und hielt sich mit einer schmerzenden Hand daran fest. In der anderen hielt er noch immer die Axt, und er begann erneut, auf den Tentakel einzuhacken, der ihn endlich losließ.

Einen Augenblick lang war er frei und dem Ungetüm ganz nah, das unter ihm das Wasser aufwühlte. Er war verblüfft, wie groß es war. Es sah aus, als würde es das Schiff auffressen, wie es sich mit seinen vielen Tentakeln am Heck festklammerte. Sogar die Luft schimmerte von dem grünlichen Licht, das es ausstrahlte.

Unmittelbar unter sich sah er ein riesiges Auge, fünf Fuß im Durchmesser, größer als eine Tischplatte. Das Auge blinzelte nicht, es lag kein Ausdruck darin. Die schwarze Pupille, umringt von leuchtend grüner Haut, schien Hunter leidenschaftslos zu mustern. Weiter hinten war der Körper des Tiers geformt wie ein Spaten mit zwei flachen Flossen. Doch Hunters Aufmerksamkeit war allein auf die Tentakel gerichtet.

Wieder schlängelte sich einer auf ihn zu. Er sah horngeränderte Sauger so groß wie Teller. Sie rissen an seiner Haut, und er wand sich, um ihnen auszuweichen, während er sich weiter an der Kajütenreling festklammerte.

Über ihm feuerten die Männer auf das Tier. Enders brüllte: »Feuer einstellen! Da hängt der Captain!«

Und dann fegte ihn einer der dicken Fangarme mit einem einzigen Schwung von der Reling, und er stürzte ins Wasser, genau auf das Monstrum.

Einen Augenblick lang strampelte und wirbelte er in dem grün schimmernden Wasser herum, bis seine Füße auf einmal Halt fanden. Er stand wahrhaftig auf dem Tier! Es war rutschig und wabbelig, als würde er auf einem mit Wasser gefüllten Sack stehen. Die Haut des Tieres – er spürte sie jedes Mal, wenn er auf alle viere fiel – fühlte sich rau und kalt an. Der ungeheure Körper pulsierte und wogte unter ihm.

Hunter kroch vorwärts, platschte im flachen Wasser zwischen dem Ungetüm und der Oberfläche herum, bis er das Auge erreichte. Aus nächster Nähe gesehen, wirkte es noch riesiger, ein gewaltiges Loch in dem leuchtenden Grün.

Hunter zögerte nicht. Er holte mit der Axt aus und schlug die Klinge in die gewölbte Kugel des Auges. Die Axt prallte ab; er holte erneut aus und dann noch einmal. Schließlich drang das Metall tief hinein. Ein Schwall klares Wasser schoss hoch wie ein Geysir. Das wulstige Fleisch rings um das Auge schien sich zusammenzuziehen.

Und dann auf einmal wurde das Meer milchig weiß. Er verlor den Halt unter den Füßen, als das Ungetüm tauchte, und schwamm um Hilfe rufend im Ozean. Ein Seil wurde ihm zugeworfen, und er packte es genau in dem Augenblick, als das Monster wieder hochkam. Von der Wucht wurde er in die Luft katapultiert, hoch über das wolkig weiße Wasser. Gleich darauf schlug er wieder auf der sackartigen Haut des Monsters auf.

Plötzlich kamen Enders und der Maure über Bord gesprungen, mit Lanzen in der Hand. Sie landeten neben Hunter auf dem Ungetüm und stießen ihm ihre Lanzen tief in den Leib. Grüne Blutfontänen schossen in die Luft. Ein Wasserschwall wogte auf – dann erschlaffte das Tier und glitt hinab in die Tiefen des Ozeans.

Hunter, Enders und der Maure schwammen im aufgewühlten Wasser.

»Danke«, keuchte Hunter.

»Bedankt Euch nicht bei mir«, sagte Enders und deutete mit einem Nicken auf den Mauren. »Der schwarze Mistkerl hat mich geschubst.«

Bassa grinste stumm.

Hoch über ihnen sahen sie, wie die El Trinidad ein Wendemanöver begann, um sie zurück an Bord zu holen.

»Wisst ihr«, sagte Enders, während die drei Männer auf der Stelle paddelten, »wenn wir wieder in Port Royal sind, glaubt uns das hier kein Mensch.«

Sie packten die Leinen, die ihnen zugeworfen wurden, und ließen sich triefend und hustend und erschöpft an Deck ziehen.

TEIL VI

PORT ROYAL

KAPITEL 34

In den frühen Morgenstunden des 17. Oktober 1665 erreichte die spanische Galeone El Trinidad vor der karg bewachsenen Landzunge von South Cay die östliche Fahrrinne nach Port Royal, und Captain Hunter ließ den Anker werfen.

Bis Port Royal selbst waren es zwei Meilen, und Hunter und seine Besatzung standen an der Reling und blickten über das Wasser auf die Stadt. Im Hafen war es ruhig. Ihr Schiff war noch nicht gesichtet worden, doch binnen Kurzem, so wussten sie, würden Kanonenschüsse ertönen und ein ausgelassener Jubel herrschen, wie immer, wenn ein gekapertes Schiff eintraf. Die Feierlichkeiten dauerten häufig zwei Tage oder länger.

Doch die Stunden vergingen, und von Jubel keine Spur. Im Gegenteil, die Stadt schien mit jeder Minute stiller zu werden. Es fielen weder Kanonenschüsse, noch wurden Freudenfeuer entzündet, und über das stille Wasser drangen keine Begrüßungsrufe.

Enders’ Miene verfinsterte sich. »Haben die Spanier angegriffen?«

Hunter schüttelte den Kopf. »Unmöglich.« Port Royal war die stärkste englische Siedlung in der Neuen Welt. Die Spanier könnten vielleicht St. Kitt angreifen oder einen von den anderen Außenposten. Aber nicht Port Royal.

»Irgendwas ist da jedenfalls faul.«

»Wir werden es bald wissen«, sagte Hunter, denn jetzt sahen sie ein Boot von Fort Charles ablegen, unter dessen Kanonen sie ankerten.

Das Boot machte längsseits der El Trinidad fest, und ein Hauptmann der königlichen Milizarmee kletterte an Bord. Hunter kannte ihn; es war Emerson, ein aufstrebender junger Offizier. Emerson war angespannt. Er sprach zu laut, als er sagte: »Wer ist Captain auf diesem Schiff?«

»Ich«, erwiderte Hunter und trat vor. Er lächelte. »Wie geht es Euch, Peter?«

Emerson stand stocksteif da. Er ließ sich nicht anmerken, dass er sein Gegenüber kannte. »Nennt Euren Namen, Sir, wenn ich bitten darf.«

»Peter, Ihr wisst genau, wer ich bin. Was hat das zu bedeu-«

»Nennt Euren Namen, Sir, wenn Ihr einer Bestrafung entgehen wollt.«

Hunter runzelte die Stirn. »Was soll das Theater?«

Emerson, in starrer Hab-Acht-Stellung, sagte: »Seid Ihr Charles Hunter, Bürger der Massachusetts Bay Colony und zuletzt wohnhaft in Seiner Majestät Kolonie Jamaika?«

Hunter sagte: »Der bin ich.« Ihm fiel auf, dass Emerson trotz der kühlen Brise schwitzte.

»Nennt Namen und Herkunft Eures Schiffes, wenn ich bitten darf.«

»Es ist die spanische Galeone El Trinidad.«

»Ein spanisches Schiff?«

Hunter wurde ungehalten. »Allerdings, wie nicht zu übersehen ist.«

»Dann«, sagte Emerson und holte tief Luft, »ist es meine Pflicht, Euch unter Arrest zu stellen, und zwar wegen des Verdachts der Piraterie –«

»Piraterie!«

»– und Eure ganze Besatzung ebenfalls. Ihr werdet mich jetzt bitte in dem Beiboot begleiten.«

Hunter war fassungslos. »Auf wessen Befehl?«

»Auf Befehl von Mr Robert Hacklett, dem Stellvertretenden Gouverneur von Jamaika.«

»Aber Sir James –«

»Sir James liegt im Sterben«, sagte Emerson. »Und nun kommt bitte mit mir.«

Wie betäubt oder in Trance stieg Hunter über die Bordwand und hinunter ins Boot. Die Soldaten ruderten an Land. Hunter blickte nach hinten auf die schwindende Silhouette seines Schiffes. Er wusste, dass seine Mannschaft genauso ratlos war wie er.

Er wandte sich an Emerson. »Was zum Teufel geht hier vor?«

Jetzt, wo Emerson im Boot saß, wirkte er entspannter. »Es hat sich vieles verändert«, sagte er. »Vor vierzehn Tagen ist Sir James am Fieber erkrankt –«