»Welches Fieber?«
»Ich kann Euch nur erzählen, was ich weiß«, sagte Emerson. »Seitdem ist er ans Bett gefesselt, in der Gouverneursresidenz. In seiner Abwesenheit hat Mr Hacklett die Leitung der Kolonie übernommen. Mit Unterstützung von Commander Scott.«
»Ach ja?«
Hunter wusste, dass er langsam reagierte. Er konnte einfach nicht glauben, dass er nach den vielen Abenteuern in den letzten sechs Wochen zum krönenden Abschluss als gemeiner Pirat ins Gefängnis gesperrt – und zweifellos gehängt – werden sollte.
»Ja«, sagte Emerson. »Mr Hacklett führt ein strenges Regiment in der Stadt. Viele sitzen bereits im Gefängnis oder wurden gehängt, wie Pitts letzte Woche –«
»Pitts!«
»– und Morely erst gestern. Und gegen Euch wurde ein Haftbefehl erlassen.«
Zahllose Einwände drängten Hunter in den Sinn und zahllose Fragen. Aber er sagte nichts. Emerson war ein Befehlsempfänger, und als solcher war es seine Aufgabe, die Befehle seines Vorgesetzten auszuführen, dieses stutzerhaften Gecken, Commander Scott. Emerson würde tun, was man ihm befahl.
»In welches Gefängnis werde ich gebracht?«
»Ins Marshallsea.«
Hunter fand das aberwitzig und musste lachen. »Ich kenne den Oberaufseher vom Marshallsea.«
»Nicht mehr, leider. Der Oberaufseher ist neu. Einer von Hackletts Männern.«
»Verstehe.«
Hunter sagte nichts weiter. Er lauschte den Ruderschlägen im Wasser und sah Fort Charles näher kommen.
Sobald er in der Festung war, stellte er beeindruckt fest, welche Bereitschaft und Wachsamkeit die Soldaten an den Tag legten. Früher waren von den Wachposten auf den Zinnen von Fort Charles nicht selten etliche betrunken gewesen und hatten schmutzige Lieder gegrölt. Heute Morgen war niemand betrunken, und die Männer trugen alle ordentliche Uniformen.
Hunter wurde von einem Trupp bewaffneter und aufmerksamer Soldaten in die Stadt geführt, durch die Lime Street, in der es nun ungewöhnlich still war, und dann nach Norden die York Street hinunter, vorbei an dunklen Schenken, in denen um diese Zeit normalerweise warmes Licht brannte. Die Stille in der Stadt, die Leere auf den schlammigen Straßen, war auffällig.
Marshallsea, das Männergefängnis, lag am Ende der York Street. Es war ein wuchtiges Steingebäude mit fünfzig Zellen auf zwei Stockwerken. Im Innern stank es nach Urin und Kot. Ratten huschten durch die Binsen, mit denen der Boden bedeckt war. Die Männer in den Zellen starrten Hunter aus hohlen Augen an, als er im Fackellicht zu einer Zelle geführt und eingeschlossen wurde.
Er schaute sich in der Zelle um. Sie war völlig leer; weder Bett noch Pritsche, bloß Stroh auf dem Boden und ein hohes, vergittertes Fenster. Durch das Fenster konnte er eine Wolke sehen, die an der Mondsichel vorbeischwebte.
Als die Tür klirrend hinter ihm zufiel, drehte er sich um und sah Emerson an. »Wann wird mir wegen Piraterie der Prozess gemacht?«
»Morgen«, sagte Emerson und wandte sich ab.
Der Prozess gegen Charles Hunter fand am Samstag, dem 18. Oktober 1665 statt. Für gewöhnlich tagte das Gericht nicht an Samstagen, machte bei Hunter jedoch eine Ausnahme. Das erdbebengeschädigte Gebäude war nahezu leer, als Hunter hineingeführt wurde, allein, ohne den Rest seiner Besatzung, und sich einem Tribunal von sieben Männern gegenübersah, die an einem Holztisch saßen. Den Vorsitz hatte Robert Hacklett höchstpersönlich in seiner Eigenschaft als Stellvertretender Gouverneur der Kolonie Jamaika inne.
Hunter musste aufstehen, während die Anklage verlesen wurde.
»Hebt die rechte Hand.«
Er gehorchte.
»Ihr, Charles Hunter, Ihr und jedes Mitglied Eurer Besatzung werdet durch die Ermächtigung unseres gnädigen Herrschers, Charles, König von Großbritannien, wie folgt angeklagt.«
Eine Pause entstand. Hunter ließ den Blick über die Gesichter wandern: Hacklett, der ihn finster ansah, mit dem leisen Anflug eines süffisanten Lächelns; Lewisham, Richter der Admiralität, dem sichtlich unbehaglich zumute war; Commander Scott, der sich mit einem goldenen Zahnstocher in den Zähnen pulte; die Kaufleute Foster und Poorman, die Hunters Blick geflissentlich auswichen; Lieutenant Dodson, ein reicher Offizier in der Miliz, der an seiner Uniform herumzupfte; James Phips, Kapitän eines Handelsschiffes. Hunter kannte sie alle, und er sah ihnen an, wie unwohl sie sich fühlten.
»In offener Missachtung der Gesetze Eures Landes und der hoheitlichen Bündnisse Eures Königs habt Ihr Euch frevelhaft zusammengeschlossen mit dem Ziel, den Untertanen und Besitzungen Seiner Höchst Christlichen Majestät Philipp von Spanien zu Wasser wie zu Lande Schaden und Verdruss zu bereiten. Und Ihr habt Euch mit den bösesten und verderblichsten Absichten zu der spanischen Siedlung auf der Insel Leres begeben, um dortselbst jederlei Schiff, das zufällig Euren Kurs kreuzte, zu plündern und zu brandschatzen und zu berauben.
Des Weiteren seid Ihr angeklagt, einen gesetzwidrigen Angriff auf ein spanisches Schiff in den Gewässern südlich von Leres verübt und selbiges versenkt zu haben, mit der Folge des Verlustes aller Seelen und Besitztümer, die sich an Bord des Schiffes befanden.
Und schließlich seid Ihr angeklagt, dass Ihr und Eure Mannschaft bei der Ausführung Eurer frevelhaften Taten von dem Vorsatz geleitet wurdet, besagte spanische Schiffe und Hoheitsgebiete nach Kräften zu bedrängen und anzugreifen und die Untertanen Spaniens zu ermorden, was Ihr dann auch tatet. Wie bekennt Ihr Euch, Charles Hunter?«
Hunter zögerte kurz. Dann sagte er: »Nicht schuldig.«
Für Hunter war der Prozess schon jetzt eine Posse. Laut des vom Parlament 1612 erlassenen Gesetzes musste sich das Gericht aus Männern zusammensetzen, die kein mittel-oder unmittelbares Interesse an den Besonderheiten des verhandelten Falles hatten. Und doch könnte es für jeden Mann im Tribunal von Vorteil sein, wenn Hunter verurteilt und sein Schiff samt dem an Bord befindlichen Schatz anschließend beschlagnahmt wurde.
Allerdings konnte er sich die genauen Einzelheiten der Anklage nicht erklären. Niemand außer ihm und seinen Männern wusste, was bei dem Überfall auf Matanceros geschehen war. Und doch war seine erfolgreiche Verteidigung gegen das spanische Kriegsschiff in der Anklageschrift enthalten. Wie hatte das Gericht davon erfahren? Er musste wohl davon ausgehen, dass einer aus seiner Besatzung in der Nacht zuvor geredet hatte, wahrscheinlich unter Folter.
Das Gericht nahm seine Antwort teilnahmslos hin. Hacklett beugte sich vor. »Mr Hunter«, sagte er mit ruhiger Stimme, »dieses Tribunal weiß um das hohe Ansehen, das Ihr innerhalb der Kolonie Jamaika genießt. Es ist nicht unser Wunsch, in diesem Verfahren auf hohle Förmlichkeiten zu bestehen, die der Gerechtigkeit nicht dienen würden. Werdet Ihr nun zu Eurer Verteidigung sprechen?«
Das war eine Überraschung. Hunter zögerte einen Augenblick, ehe er antwortete. Hacklett verstieß gegen die Regeln eines herkömmlichen Gerichtsverfahrens. Er musste sich irgendeinen Vorteil davon versprechen. Gleichwohl, die Gelegenheit war einfach zu gut, um sie nicht zu ergreifen.
»Wenn es den vornehmen Mitgliedern dieses hohen Gerichts beliebt«, sagte Hunter ohne eine Spur von Ironie, »werde ich mich bemühen, dies zu tun.«
Die Köpfe der Männer am Richtertisch nickten nachdenklich, bedächtig, angemessen.
Hunter blickte von einem zum anderen, ehe er das Wort ergriff.
»Gentlemen, niemand von Euch ist genauer als ich über den Vertrag im Bilde, der unlängst zwischen Seiner Majestät König Charles und dem spanischen Hofe geschlossen wurde. Unter keinen Umständen hätte ich die zwischen unseren Nationen frisch geschmiedeten Bande ohne Provokation zerrissen. Doch so eine Provokation ist erfolgt, und das im Übermaß. Mein Schiff, die Cassandra, wurde von einem spanischen Kriegsschiff gekapert, und meine Besatzung und ich wurden widerrechtlich gefangen genommen. Fürder wurden zwei meiner Männer vom Kapitän des Schiffes, einem gewissen Cazalla, ermordet. Schließlich griff selbiger Cazalla ein englisches Handelsschiff an, das abgesehen von einer mir unbekannten Ladung auch Lady Sarah Almont an Bord hatte, die Nichte des Gouverneurs dieser Kolonie.