»Allerdings, ja, denn ich verdanke ihm mein Leben.«
»Nun gut denn«, sagte Hacklett. Er drehte sich auf seinem Stuhl um. »Ruft den ersten Zeugen, Mr André Sanson!«
»André Sanson!«
Hunter wandte sich zur Tür, erneut fassungslos, als Sanson in den Saal trat. Der Franzose bewegte sich rasch, mit geschmeidigen fließenden Schritten, und nahm seinen Platz im Zeugenstand ein. Er hob die rechte Hand.
»André Sanson, schwört Ihr auf die Heiligen Evangelisten, wahrheitsgetreu Zeugnis abzulegen zwischen dem König und dem Gefangenen, dem Piraterie und Räuberei zur Last gelegt wird, so wahr Euch Gott helfe?«
»Ich schwöre es.«
Sanson senkte die rechte Hand und sah Hunter in die Augen. Der Blick war ausdruckslos und mitleidig zugleich. Er hielt den Blick etliche Sekunden, bis Hacklett wieder das Wort ergriff.
»Mr Sanson.«
»Sir.«
»Mr Sanson, Mr Hunter hat die Ereignisse der fraglichen Seeexpedition aus seiner Sicht geschildert. Wir möchten nun die Geschichte aus Eurer Sicht hören, als Zeuge, dessen Mut von dem Angeklagten bereits gewürdigt wurde. Würdet Ihr uns bitte sagen, mit welchem Ziel die Cassandra in See stach – ursprünglich, so wie Ihr es verstanden habt?«
»Um Blutholz zu fällen.«
»Und wurdet Ihr irgendwann eines Besseren belehrt?«
»Das wurde ich.«
»Bitte erläutert das dem Gericht.«
»Nachdem wir am zwölften September losgesegelt waren«, sagte Sanson, »steuerte Mr Hunter die Monkey Bay an. Dort verkündete er der Besatzung, dass sein Ziel Matanceros sei, um das dort vor Anker liegende Schatzschiff zu kapern.«
»Und wie war Eure Reaktion?«
»Ich war schockiert«, sagte Sanson. »Ich erinnerte Mr Hunter daran, dass ein solcher Überfall Piraterie sei und mit dem Tode bestraft würde.«
»Und seine Antwort?«
»Flüche und unflätige Beschimpfungen«, sagte Sanson, »sowie die Warnung, dass er mich, sollte ich nicht vorbehaltlos mitmachen, wie einen Hund töten und mich in Stücken an die Haie verfüttern würde.«
»Dann erfolgte Eure Beteiligung also unter Zwang und nicht freiwillig.«
»So ist es.«
Hunter starrte Sanson an. Der Franzose wirkte ruhig und gelassen, während er sprach. Nichts ließ erkennen, dass er log. Er warf Hunter wiederholt einen Blick zu, einen trotzigen Blick, als wollte er sagen: Streitet meine Geschichte ruhig ab, es glaubt Euch doch keiner.
»Was geschah dann?«
»Wir nahmen Kurs auf Matanceros in der Hoffnung, dass uns dort ein Überraschungsangriff gelingen würde.«
»Verzeiht, meint Ihr damit einen Angriff ohne vorausgegangene Provokation?«
»Ganz recht.«
»Bitte fahrt fort.«
»Auf dem Weg nach Matanceros trafen wir auf das spanische Kriegsschiff. Da wir deutlich unterlegen waren, wurden wir von den Spaniern gekapert, als Piraten.«
»Und was habt Ihr getan?«
»Ich wollte auf keinen Fall in Havanna als Pirat sterben«, sagte Sanson, »zumal ich bis dahin gezwungen worden war, Mr Hunters Befehl zu folgen. Daher versteckte ich mich und konnte anschließend meinen Kameraden zur Flucht verhelfen. Ich vertraute darauf, dass sie nun die Rückkehr nach Port Royal beschließen würden.«
»Und das taten sie nicht.«
»Allerdings nicht. Sobald Mr Hunter auf seinem Schiff wieder das Kommando übernommen hatte, zwang er uns, Kurs auf Matanceros zu nehmen, um seinen ursprünglichen Plan in die Tat umzusetzen.«
Hunter konnte sich nicht mehr beherrschen. »Ich habe euch gezwungen? Wie hätte ich denn sechzig Mann zwingen können?«
»Schweigt!«, brüllte Hacklett. »Der Gefangene wird sich still verhalten oder er wird aus dem Gerichtssaal entfernt.« Hacklett wandte sich wieder Sanson zu. »Wie seid Ihr zu dem Zeitpunkt mit dem Angeklagten ausgekommen?«
»Schlecht«, sagte Sanson. »Er legte mich für die Dauer der Fahrt nach Matanceros in Eisen.«
»Und dann wurde Matanceros überfallen und die Galeone gekapert?«
»Aye, Gentlemen«, sagte Sanson. »Und ich wurde auf die Cassandra verbracht: Mr Hunter hatte sich das Schiff angesehen und für seeuntüchtig befunden, nach dem Angriff auf Matanceros. Er ließ alles von Wert von diesem Schiff auf die gekaperte Schatzgaleone schaffen. Dann übertrug er mir das Kommando über die angeschlagene Cassandra. Im Grunde überließ er mich und die paar Mann, die er mir als Besatzung mitgab, unserem Schicksal, denn er konnte davon ausgehen, dass die Cassandra die offene See nicht überstehen würde. Meine Männer sahen das ebenso. Wir hatten Kurs auf Port Royal genommen, als ein Hurrikan uns überraschte. Unser Schiff wurde zerstört und alle meine Leute kamen ums Leben. Nur ich allein konnte mich mit dem Beiboot nach Tortuga retten und von dort hierher.«
»Was wisst Ihr über Lady Sarah Almont?«
»Nichts.«
»Gar nichts?«
»Ich höre den Namen zum ersten Mal«, sagte Sanson. »Wer soll das sein?«
»Interessant«, sagte Hacklett mit einem raschen Blick zu Hunter. »Es ist eine junge Frau, von der Mr Hunter behauptet, sie aus Matanceros befreit und sicher hierhergebracht zu haben.«
»Als er Matanceros verließ, war sie nicht bei ihm«, sagte Sanson. »Wenn ich Mutmaßungen anstellen darf, würde ich sagen, Mr Hunter hat ein englisches Handelsschiff angegriffen und die junge Lady als Prise genommen, um seine Verfehlungen zu rechtfertigen.«
»Ein überaus zweckdienliches Ereignis«, sagte Hacklett. »Aber wieso haben wir nichts von einem solchen Handelsschiff gehört?«
»Wahrscheinlich hat er alle an Bord getötet und das Schiff versenkt«, erklärte Sanson. »Auf seiner Heimfahrt von Matanceros.«
»Eine letzte Frage«, sagte Hacklett. »Erinnert Ihr Euch an einen Sturm auf See am zwölften und dreizehnten September?«
»Ein Sturm? Nein, Gentlemen. Da hatten wir keinen Sturm.«
Hacklett nickte. »Danke, Mr Sanson. Ihr seid entlassen.«
»Wie es das hohe Gericht wünscht«, sagte Sanson und verließ den Raum.
Nachdem die Tür mit einem hohlen hallenden Klang ins Schloss gefallen war, trat für einen Moment Stille ein. Das Gericht wandte sich Hunter zu, der vor Wut zitterte und kalkweiß geworden war, aber dennoch um Fassung rang.
»Mr Hunter«, sagte Hacklett, »könntet Ihr Euer Gedächtnis dahin gehend befragen, wie sich die Widersprüche erklären lassen zwischen Eurer Darstellung der Ereignisse und der von Mr Sanson, den Ihr, wie Ihr sagtet, so hoch achtet?«
»Er ist ein Lügner, Sir. Ein dreckiger und gemeiner Lügner.«
»Das Gericht ist gewillt, eine solche Bezichtigung zu berücksichtigen, falls Ihr dafür irgendwelche Beweise vorbringen könnt, Mr Hunter.«
»Ich habe nur mein Wort«, sagte Hunter, »aber ich bin sicher, Lady Sarah Almont wird der Aussage des Franzosen in jeder Hinsicht widersprechen, was als Beweis genügen wird.«
»Wir werden uns selbstverständlich ihre Aussage anhören«, sagte Hacklett. »Aber ehe wir sie als Zeugin aufrufen, bleibt eine verwirrende Frage zu klären. Der Überfall auf Matanceros – ob gerechtfertigt oder nicht – ereignete sich am achtzehnten September. Ihr seid am siebzehnten Oktober nach Port Royal zurückgekehrt. Bei Piraten bedeutet eine so lange Verzögerung, dass eine unbekannte Insel angesteuert wurde, um die erbeuteten Schätze zu verbergen und somit den König zu hintergehen. Wie lautet Eure Erklärung?«
»Wir waren in ein Seegefecht verstrickt«, sagte Hunter. »Dann kämpften wir drei Tage lang gegen einen Hurrikan an. Anschließend mussten wir das Schiff am Ufer einer Insel außerhalb der Boca del Dragon kielholen, was uns vier Tage kostete. Als es endlich wieder weiterging, griff uns ein Krake an –«
»Wie bitte? Meint Ihr ein Ungeheuer der Tiefe?«
»Ganz richtig.«
»Wie amüsant.« Hacklett lachte, und die anderen im Tribunal fielen mit ein. »Eure einfallsreiche Erklärung für diese einmonatige Verzögerung findet durchaus unsere Bewunderung, auch wenn sie uns nicht glaubhaft erscheint.« Hacklett wandte sich auf seinem Stuhl um. »Ruft Lady Sarah Almont in den Zeugenstand.«