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»Lady Sarah Almont!«

Einen Augenblick später betrat eine blass und mitgenommen wirkende Lady Sarah den Saal, leistete den Eid und wartete auf die Fragen. Hacklett blickte sie überaus besorgt an.

»Lady Sarah, zunächst möchte ich Euch in der Kolonie Jamaika willkommen heißen und mich für die schauderhaften Umstände entschuldigen, unter denen Eure gewiss erste gesellschaftliche Begegnung in diesen Breitengraden erfolgt.«

»Danke, Mr Hacklett«, sagte sie mit einer leichten Verbeugung. Sie blickte Hunter nicht an, kein einziges Mal. Das beunruhigte ihn.

»Lady Sarah«, sagte Hacklett, »dieses Tribunal bedarf dringend der Antwort auf die Frage, ob Ihr von Spaniern gefangen genommen und dann von Captain Hunter befreit wurdet oder ob Ihr gleich von Captain Hunter gefangen genommen wurdet. Könnt Ihr uns aufklären?«

»Das kann ich.«

»Dann seid bitte so freundlich.«

»Ich befand mich an Bord des Handelsschiffes Entrepid«, sagte sie, »auf dem Weg von Bristol nach Port Royal, als …«

Ihre Stimme verklang. Langes Schweigen trat ein. Sie blickte Hunter an. Er starrte in ihre Augen, die so verängstigt waren, wie er es nie gesehen hatte.

»Fahrt fort, bitte.«

»… als wir am Horizont ein spanisches Schiff sichteten. Es eröffnete das Feuer auf uns, und wir wurden gekapert. Zu meiner Überraschung musste ich feststellen, dass der Captain dieses spanischen Schiffes ein Engländer war.«

»Meint Ihr Charles Hunter, den Gefangenen, der hier vor uns steht?«

»Ja.«

»Bitte fahrt fort.«

Hunter hörte kaum den Rest ihrer Darstellung: wie er sie auf die Galeone geholt, dann die englische Besatzung getötet und das Schiff in Brand gesteckt hatte. Wie er Lady Sarah erzählt hatte, er würde behaupten, sie vor den Spaniern gerettet zu haben, um seinen Überfall auf Matanceros zu rechtfertigen. Sie erzählte ihre Geschichte mit hoher, dünner Stimme, sprach schnell, als wollte sie die Sache möglichst rasch hinter sich bringen.

»Danke, Lady Sarah. Ihr seid entlassen.«

Sie verließ den Raum.

Das Tribunal blickte Hunter an, sieben Männer mit leeren, ausdruckslosen Gesichtern, die Hunter musterten wie ein Geschöpf, das bereits tot war. Ein langer Augenblick verging.

»Wir haben von der Zeugin nichts über Eure bunten Abenteuer in der Boca del Dragon oder mit dem Seeungeheuer gehört. Habt Ihr irgendeinen Beweis?«, fragte Hacklett freundlich.

»Nur den hier«, sagte Hunter und entblößte rasch seinen Oberkörper. Auf seiner Brust waren die Schwellungen und Blutergüsse von gewaltigen, untertassengroßen Saugern zu sehen, ein schauerlicher Anblick. Die Angehörigen des Tribunals schnappten nach Luft. Sie murmelten untereinander.

Hacklett ließ seinen Hammer knallen, um die anderen wieder zur Ordnung zu rufen.

»Ein interessantes Amüsement, Mr Hunter, aber nicht überzeugend für die hier anwesenden gebildeten Gentlemen. Wir können uns alle lebhaft vorstellen, mit welchen Mitteln Ihr in Eurer verzweifelten Lage die Folgen eines Angriffs von so einem Ungetüm nachgestellt habt. Das Gericht ist nicht überzeugt.«

Hunter blickte in die Gesichter der sieben Männer und sah, dass sie sehr wohl überzeugt waren. Aber Hackletts Hammer knallte erneut.

»Charles Hunter«, sagte Hacklett, »dieses Gericht befindet Euch der Piraterie und Räuberei auf hoher See im Sinne der Anklage für schuldig. Möchtet Ihr irgendeinen Grund nennen, warum keine Strafe gegen Euch verhängt werden soll?«

Hunter zögerte. Ihm fielen zahllose Flüche und Kraftausdrücke ein, aber keiner davon würde irgendeinen Zweck erfüllen. »Nein«, sagte er leise.

»Ich habe Euch nicht verstanden, Mr Hunter.«

»Ich sagte, nein.«

»Dann lautet das Urteil gegen Euch, Charles Hunter, und Eure gesamten Besatzung wie folgt: Ihr werdet dorthin zurück verbracht, wo Ihr herkamt, und dann, am kommenden Montag, zum Exekutionsplatz, dem High Street Square in der Stadt Port Royal, überführt, wo Ihr am Halse aufgehängt werdet, bis der Tod eintritt. Danach werden Eure Körper vom Galgen genommen und an den Rahen Eures Schiffes aufgehängt werden. Möge Gott Eurer Seele gnädig sein. Bringt ihn weg, Aufseher.«

Hunter wurde aus dem Saal geführt. Als er durch die Tür trat, hörte er Hacklett lachen: ein eigenartiges, dünnes, meckerndes Lachen. Dann fiel die Tür hinter ihm zu, und er wurde zurück ins Gefängnis gebracht.

KAPITEL 35

Er wurde in eine andere Zelle gesteckt. Offenbar war den Wärtern von Marshallsea einerlei, in welcher er hockte. Er setzte sich in das Stroh auf dem Boden und dachte gründlich über seine missliche Lage nach. Er konnte das Geschehene kaum fassen, und er war maßlos wütend.

Die Nacht brach herein, und im Gefängnis wurde es still bis auf das Schnarchen und die Seufzer von Häftlingen. Hunter selbst fielen die Augen zu, als er eine vertraute zischende Stimme hörte: »Hunter!«

Er setzte sich auf.

»Hunter!«

Er kannte die Stimme. »Whisper«, sagte er. »Wo seid Ihr?«

»In der Zelle nebenan.«

Die Zellen öffneten sich alle nach vorn; er konnte die Nachbarzelle nicht einsehen, doch er konnte einigermaßen gut hören, wenn er die Wange an die Steinwand presste.

»Whisper, wie lange seid Ihr hier?«

»Eine Woche, Hunter. War Euer Prozess schon?«

»Aye.«

»Und wurdet Ihr verurteilt?«

»Aye.«

»Ich auch«, zischte Whisper. »Wegen Diebstahl. Zu Unrecht.«

Diebstahl wurde wie Piraterie mit dem Tode bestraft.

»Whisper«, sagte, »was ist mit Sir James geschehen?«

»Es heißt, er ist krank«, zischte Whisper, »aber das stimmt nicht. Er ist gesund und steht unter Bewachung in der Gouverneursresidenz. Er ist in Lebensgefahr. Hacklett und Scott haben die Macht an sich gerissen. Sie erzählen in der Stadt herum, er würde im Sterben liegen.«

Hacklett hatte Lady Sarah bedroht, dachte Hunter, bestimmt hatte er sie gezwungen, eine falsche Aussage zu machen.

»Es gibt noch mehr Gerüchte«, zischte Whisper. »Madam Emily Hacklett ist angeblich in Hoffnung.«

»Und?«

»Nun ja, wie es scheint, erfüllt der Stellvertretende Gouverneur niemals seine ehelichen Pflichten. Es soll ihm an der Fähigkeit mangeln. Deshalb ist ihr Zustand ein Ärgernis für ihn.«

»Verstehe«, sagte Hunter.

»Ihr habt einem Tyrannen Hörner aufgesetzt, und das kommt Euch teuer zu stehen.«

»Und Sanson?«

»Der ist allein zurückgekommen, in einem Beiboot. Von einer Besatzung keine Spur. Er hat erzählt, seine Leute wären alle in einem Hurrikan ertrunken, nur er hätte sich retten können.«

Hunter hatte die Wange an die Wand gepresst, und ihre feuchte Kühle gab ihm ein wenig Halt und Trost.

»Was ist heute für ein Tag?«

»Samstag, glaube ich.«

Hunter hatte noch zwei Tage bis zu seiner Hinrichtung. Er seufzt, lehnte sich zurück und starrte durch das vergitterte Fenster auf die Wolken vor einem blassen dünnen Mond.

Die Gouverneursresidenz am Nordrand von Port Royal hatte so dicke Backsteinmauern wie eine Festung. In einem schwer bewachten Kellerraum lag Sir James Almont fieberkrank auf einem Bett. Lady Sarah Almont legte ihm ein kühles Handtuch auf die heiße Stirn und bat ihn, tief durchzuatmen.

In diesem Moment kamen Mr Hacklett und seine Gattin herein.

»Sir James!«

Almont blickte seinen Stellvertreter mit fieberglasigen Augen an. »Was ist denn nun wieder?«

»Wir haben Captain Hunter den Prozess gemacht. Er wird übermorgen gehängt, als gemeiner Pirat.«