»Hunter!«, sagte er und grinste übers ganze Gesicht. »Ich fass es nicht, aber Ihr habt ja nur getan, was wir alle erwartet haben. Eine Runde für alle, sage ich, um auf Eure neue Freiheit zu trinken.«
Im Black Boar wurde es totenstill. Niemand sagte etwas. Niemand rührte sich.
»Na los«, sagte Phips lauter. »Ich spendiere eine Runde zu Ehren von Captain Hunter! Eine Runde!«
Hunter näherte sich Phips’ Tisch. Seine leisen Schritte auf dem Sandboden der Schenke waren das einzige Geräusch im Raum.
Phips beäugte Hunter unsicher. »Charles«, sagte er. »Charles, diese ernste Miene steht Euch nicht gut zu Gesicht. Wir sollten feiern.«
»Ach ja?«
»Charles, mein Freund«, sagte Phips, »Euch ist doch sicherlich klar, dass ich Euch nicht übel gesonnen bin. Hacklett und Scott haben mich gezwungen, bei dem Tribunal mitzumachen. Ich hatte keine andere Wahl. Ich steche in einer Woche mit einem Schiff in See, und sie haben gedroht, mir die Einschiffungspapiere zu verweigern. Außerdem war mir klar, dass Euch die Flucht gelingen würde. Erst vor einer Stunde habe ich zu Timothy Flint gesagt, wie fest ich damit rechne. Timothy: Sag die Wahrheit, hab ich dir nicht prophezeit, dass Hunter freikommt? Timothy?«
Hunter zückte seine Pistole und richtete sie auf Phips.
»Na na, Charles«, sagte Phips. »Ich bitte Euch, seid doch vernünftig. Ein Mann muss praktisch sein. Glaubt Ihr, ich hätte Euch verurteilt, wenn ich auch nur im Geringsten geglaubt hätte, die Strafe würde vollstreckt? Glaubt Ihr das etwa? Ja?«
Hunter sagte nichts. Er spannte den Hahn der Pistole, ein lautes metallisches Klicken in der Stille des Raumes.
»Charles«, sagte Phips, »ich bin von Herzen froh, Euch wiederzusehen. Kommt, trinkt mit mir, vergessen wir –«
Hunter schoss ihm mitten in die Brust. Alle duckten sich, als Knochensplitter spritzten und eine Blutfontäne aus Phips’ Herz schoss. Phips ließ den Becher fallen, den er mit einer Hand erhoben hatte. Der Becher schlug auf den Tisch und rollte zu Boden.
Phips’ Augen verfolgten ihn. Er griff danach und sagte: »Trinken wir, Charles …« Dann sackte er auf dem Tisch zusammen. Blut rann über das grobe Holz.
Hunter drehte sich um und ging.
Als er wieder auf die Straße trat, hörte er die Kirchenglocken von St. Annes. Sie läuteten unaufhörlich, das Signal für einen Angriff auf Port Royal oder irgendeinen anderen Notfall.
Hunter wusste, was es bedeutete – seine Flucht aus dem Gefängnis Marshallsea war entdeckt worden.
Es kümmerte ihn ganz und gar nicht.
Lewisham, Richter der Admiralität, hatte sein Quartier hinter dem Gerichtsgebäude. Die Kirchenlocken schreckten ihn aus dem Schlaf, und er schickte einen Diener los, nach dem Rechten zu sehen. Der Mann kam einige Minuten später zurück.
»Was ist denn geschehen?«, sagte Lewisham. »Sprecht, Mann.«
Der Mann sah auf. Es war Hunter.
»Wie ist das möglich?«, fragte Lewisham.
Hunter spannte den Hahn. »Ganz einfach«, sagte er.
»Sagt, was Ihr wollt.«
»Das werde ich«, erwiderte Hunter. Und er sagte es ihm.
Commander Scott schlief ausgestreckt auf der Ottomane in der Bibliothek der Gouverneursresidenz seinen Rausch aus. Mr Hacklett und seine Gattin hatten sich längst zur Ruhe begeben. Er wurde vom Glockengeläut wach und wusste augenblicklich, was passiert war. Eine Panik erfasste ihn, wie er sie noch nie empfunden hatte. Gleich darauf stürmte eine seiner Wachen herein und machte Meldung: Hunter war ausgebrochen, alle Piraten waren verschwunden, und Poorman, Foster, Phips und Dodson waren alle tot.
»Sattel mein Pferd!«, befahl Scott und ordnete hastig seine zerwühlte Kleidung. Er verließ die Residenz durch den Vordereingang, schaute sich vorsichtig um und sprang auf seinen Hengst.
Wenige Augenblicke später, keine hundert Yards von der Residenz entfernt, wurde er aus dem Sattel gerissen und unsanft aufs Pflaster geschleudert. Eine Gruppe von Strolchen, an ihrer Spitze Richards, der Diener des Gouverneurs – angestiftet von Hunter, dem Halunken –, legten ihn in Eisen und brachten ihn ins Marshallsea, wo er seinen Prozess abwarten sollte: Was für eine Impertinenz!
Auch Hacklett wurde von den Kirchenglocken geweckt und erriet, was das Läuten zu bedeuten hatte. Er sprang aus dem Bett, ohne auf seine Frau zu achten, die die ganze Nacht wach gelegen und nur an die Decke gestarrt hatte, sein betrunkenes Schnarchen in den Ohren. Sie hatte Schmerzen und war furchtbar gedemütigt worden.
Hacklett eilte zur Tür des Schlafgemachs und rief Richards.
»Was ist geschehen?«
»Hunter ist geflohen«, sagte Richards rundheraus. »Dodson und Poorman und Phips sind tot, vielleicht noch mehr.«
»Und der Mann ist noch auf freiem Fuß?«
»Das weiß ich nicht«, sagte Richards und ließ betont das Eure Exzellenz weg.
»Allmächtiger«, sagte Hacklett. »Verriegelt die Türen. Ruft die Wachen. Verständigt Commander Scott.«
»Commander Scott hat das Haus vor einigen Minuten verlassen.«
»Verlassen? Allmächtiger«, sagte Hacklett, knallte die Tür zu und schloss sie ab. Er drehte sich zum Bett um. »Allmächtiger«, sagte er. »Allmächtiger, dieser Pirat wird uns alle ermorden.«
»Nicht alle«, sagte seine Frau, die noch immer im Bett saß, und richtete erst eine, dann eine zweite Pistole auf ihn. Ihr Mann hatte immer ein Paar geladene Pistolen neben dem Bett liegen, und mit denen zielte sie nun auf ihn, eine in jeder Hand.
»Emily«, sagte Hacklett, »sei nicht albern. Wir haben jetzt keine Zeit für deine Späße, der Mann ist ein gefährlicher Verbrecher.«
»Keinen Schritt näher«, sagte sie.
Er zögerte. »Du beliebst zu scherzen.«
»Ganz und gar nicht.«
Hacklett starrte auf seine Frau und die Pistolen in ihren Händen. Er konnte selbst nicht gut mit Waffen umgehen, aber er wusste aus seiner begrenzten Erfahrung, wie schwierig es war, mit einer Pistole genau zu zielen. Er spürte weniger Angst als Zorn.
»Emily, du benimmst dich wie eine verdammte Närrin.«
»Bleib, wo du bist«, befahl sie.
»Emily, du bist ein Luder und eine Hure, aber ich wette, du bist keine Mörderin, und ich –«
Sie feuerte eine Waffe ab. Der Raum füllte sich mit Rauch. Hacklett schrie entsetzt auf, und es vergingen einige Augenblicke, ehe sowohl er als auch seine Gattin begriffen, dass er nicht getroffen worden war.
Hacklett lachte, überwiegend vor Erleichterung.
»Du siehst«, sagte er, »so einfach ist das nicht. Jetzt gib mir die Pistole, Emily.«
Er ging auf das Bett zu und war schon fast bei ihr, als sie erneut feuerte. Diesmal traf sie ihn in die Leiste. Die Wucht der Kugel war nicht besonders stark, und Hacklett blieb stehen. Er machte noch einen Schritt auf sie zu, war ihr so nah, dass er sie fast berühren konnte.
»Ich habe dich immer verabscheut«, sagte er im Plauderton. »Vom ersten Tag an, als wir uns begegnet sind. Weißt du noch? Ich habe zu dir gesagt: ›Einen guten Tag, Madam‹, und du hast gesagt –«
Er bekam einen Hustenkrampf und sank auf die Knie, krümmte sich vor Schmerzen.
Inzwischen quoll Blut aus seiner Leiste.
»Du hast zu mir gesagt«, sagte er. »Du hast gesagt … Ah, zur Hölle mit deinen schwarzen Augen, Frau … tut das weh … du hast zu mir gesagt …«
Er wiegte sich auf dem Boden vor und zurück, die Hände in die Leiste gepresst, das Gesicht schmerzverzerrt, die Augen fest geschlossen. Er stöhnte im Takt mit seinen Wiegebewegungen: »Aaah … aaah … aaah …«
Sie ließ die Pistole fallen. Der Lauf war so heiß, dass er einen Abdruck in den Stoff der Bettdecke brannte. Rasch hob sie die Pistole wieder hoch und warf sie auf den Boden. Dann beobachtete sie ihren Mann. Er wiegte sich unverändert, stöhnte noch immer, und dann hörte er auf, blickte zu ihr hoch und sprach durch zusammengebissene Zähne.