»Bring es zu Ende«, flüsterte er.
Sie schüttelte den Kopf. Die Kammern waren leer. Sie wusste nicht, wie man nachlud, selbst wenn sie irgendwo Kugeln und Pulver gehabt hätte.
»Bring es zu Ende«, sagte er wieder.
In ihr tobte ein Sturm von einander widerstreitenden Gefühlen. Als sie erkannte, dass er nicht schnell sterben würde, ging sie zu einem Beistelltisch, füllte ein Glas mit Rotwein und brachte es ihm. Sie hob seinen Kopf an und half ihm zu trinken. Er nahm einen kleinen Schluck, dann packte ihn die Wut und er stieß sie mit einer blutigen Hand weg. Seine Kraft erstaunte sie. Sie fiel nach hinten, auf ihrem Nachtgewand den roten Abdruck seiner Hand.
»Du verdammtes Königsflittchen«, flüsterte er und verfiel wieder in die wiegende Bewegung. Er war jetzt ganz in seinen Schmerz versunken und schien sie gar nicht mehr wahrzunehmen. Sie stand auf, goss sich selbst ein Glas Wein ein, nippte daran und beobachtete ihn.
So stand sie da, als Hunter eine halbe Stunde später in den Raum kam. Hacklett lebte noch, war aber aschfahl, seine Bewegungen nur noch ein gelegentliches krampfhaftes Zucken. Er lag in einer riesigen Blutlache.
Hunter zog seine Pistole und schritt auf Hacklett zu.
»Nein«, sagte sie.
Er zögerte, trat dann zurück.
»Danke für Eure Güte«, sagte Mrs Hacklett.
KAPITEL 37
Am 21. Oktober 1665 wurde das gegen Charles Hunter und seine Besatzung wegen Piraterie und Räuberei verhängte Urteil von Lewisham, dem Richter der Admiralität, aufgehoben, nachdem er sich in einer geschlossenen Sitzung mit Sir James Almont, dem wieder eingesetzten Gouverneur der Kolonie Jamaika, beraten hatte.
In derselben Sitzung wurde Commander Edwin Scott, Befehlshaber der Garnison von Fort Charles, wegen Hochverrats zum Tod durch den Strick verurteilt. Die Strafe sollte am folgenden Tag vollstreckt werden. Mit der Zusage auf Strafmilderung erklärte er sich zu einem handschriftlichen Geständnis bereit. Kaum hatte er es zu Papier gebracht, wurde Scott in seiner Zelle in Fort Charles von einem unbekannten Offizier erschossen. Der Offizier wurde nie gefasst.
Captain Hunter, der jetzt in der Stadt eine Berühmtheit war, hatte noch eine Sache aus der Welt zu schaffen: André Sanson. Der Franzose war wie vom Erdboden verschluckt, und es hieß, er sei in die Berge geflohen. Hunter ließ verbreiten, dass er für Hinweise auf den Aufenthaltsort von Sanson gut bezahlen würde, und schon wenige Stunden später erfuhr er erstaunliche Neuigkeiten.
Er hatte im Black Boar Posten bezogen, wo ihn eine alte unfeine Frau aufsuchte. Hunter kannte sie; sie betrieb ein Hurenhaus und hieß Simmons. Sie näherte sich ängstlich seinem Tisch.
»Sprecht, Frau«, sagte er und bestellte für sie ein Glas Teufelstöter, um ihr die Angst zu nehmen.
»Nun, Sir«, sagte sie nach dem ersten Schluck, »vor einer Woche kommt ein Mann namens Carter nach Port Royal, sterbenskrank.«
»John Carter, der Seemann?«
»Genau der.«
»Weiter«, sagte Hunter.
»Er sagt, ein englisches Paketschiff hat ihn aus St. Kitts mitgenommen. Die Besatzung hatte auf einem kleinen unbewohnten Eiland ein Feuer gesehen und war der Sache auf den Grund gegangen. Carter war dort gestrandet, und sie nahmen ihn hierher mit.«
»Wo ist er jetzt?«
»Oh, geflohen ist er, jawohl. Er hatte Angst, Sanson über den Weg zu laufen, diesem französischen Schurken. Er ist jetzt in den Bergen, aber vorher hat er mir noch seine Geschichte erzählt.«
Hunter sagte: »Und die wäre?«
Die Alte erzählte rasch die Geschichte. Carter war unter Sansons Kommando an Bord der Schaluppe Cassandra gewesen, die mit einem Teil des Galeonenschatzes beladen war. Sie gerieten in einen schrecklichen Hurrikan, und ihr Schiff zerschellte am inneren Riff einer Insel. Die meisten Männer an Bord kamen ums Leben. Sanson konnte mit den übrigen Überlebenden den Schatz bergen, den er auf der Insel vergraben ließ. Dann bauten sie aus den Trümmern des Schiffswracks ein Boot.
Und dann, so hatte Carter erzählt, hatte Sanson sie alle getötet – zwölf Männer – und war allein in See gestochen. Carter war schwer verletzt worden, doch irgendwie hatte er überlebt und war nach Hause zurückgekehrt. Außerdem hatte er noch gesagt, dass er weder den Namen der Insel kenne noch wisse, wo genau der Schatz vergraben war, aber dass Sanson eine Karte in eine Münze gekratzt habe, die er sich anschließend um den Hals hängte.
Hunter lauschte der Geschichte schweigend, dankte der Frau und bezahlte sie für ihre Mühe. Mehr denn je wollte er Sanson nun aufspüren. Er blieb weiter im Black Boar und hörte sich geduldig an, was an Gerüchten über den Aufenthaltsort des Franzosen an ihn herangetragen wurde. Es waren eine ganze Reihe von Geschichten. Sanson sei in Port Morant. Sanson sei nach Inagua geflohen. Sanson halte sich in den Bergen versteckt.
Doch die Wahrheit traf ihn schließlich wie ein Schlag. Enders kam in die Schenke gestürzt:
»Captain, er ist an Bord der Galeone!«
»Was?«
»Aye, Sir. Sechs von uns haben Wache geschoben. Zwei hat er getötet und die Übrigen mit dem Beiboot losgeschickt, um Euch eine Nachricht zu überbringen.«
»Welche?«
»Entweder Ihr erreicht seine Begnadigung und erklärt öffentlich Eure Fehde gegen ihn für beendet oder er versenkt das Schiff, Captain. Versenkt es vor Anker. Bis Sonnenuntergang will er Eure Antwort, Captain.«
Hunter fluchte. Er trat ans Fenster der Schenke und blickte hinaus auf den Hafen. Die El Trinidad dümpelte vor Anker, lag aber ein gutes Stück vor der Küste, wo das Wasser tief war – zu tief, um irgendetwas von dem Schatz zu bergen, sollte sie versenkt werden.
»Er ist verflucht schlau«, sagte Enders.
»Fürwahr«, erwiderte Hunter.
»Gebt Ihr ihm eine Antwort?«
»Noch nicht«, sagte Hunter. Er wandte sich vom Fenster ab. »Ist er allein an Bord?«
»Aye, aber das macht nicht viel aus.«
Sanson allein war so viel wert wie ein Dutzend Mann oder mehr im offenen Kampf.
Die Schatzgaleone lag nicht in der Nähe anderer Schiffe im Hafen verankert, sondern war auf allen Seiten von fast einer Viertelmeile offenem Wasser umgeben. Sie lag in herrlicher, unangreifbarer Abgeschiedenheit.
»Ich muss nachdenken«, sagte Hunter und setzte sich wieder hin.
Ein Schiff, das in offenem, friedlichem Wasser ankerte, war so sicher wie eine von einem Wassergraben umgebene Festung. Und das, was Sanson als Nächstes tat, machte ihn noch sicherer: Er kippte Proviant und Abfälle rings um das Schiff ins Meer, um Haie anzulocken. Es gab ohnehin schon viele Haie im Hafen, doch nun kam der Versuch, zur El Trinidad hinüberzuschwimmen, glattem Selbstmord gleich.
Und kein Boot konnte sich dem Schiff nähern, ohne gesehen zu werden.
Es kam also nur eine offene und scheinbar harmlose Annäherung infrage. Doch auf einem offenen Boot konnte man sich nirgends verstecken. Hunter kratzte sich am Kopf. Er tigerte im Black Boar auf und ab, um dann, noch immer ruhelos, nach draußen auf die Straße zu treten.
Dort sah er einen Wasserspucker, einen von diesen Gauklern, wie sie tagtäglich anzutreffen waren, der Fontänen buntes Wasser in die Luft spie. Solche Kunststückchen waren in der Kolonie Massachusetts verboten, weil sie als Teufelswerk galten; auf Hunter übten sie einen seltsamen Zauber aus.
Er sah eine Weile zu, wie der Wasserspucker nacheinander verschiedene Sorten Wasser trank und ausspie. Schließlich ging er zu dem Mann hinüber.
»Ich möchte Euer Geheimnis erfahren.«