Выбрать главу

»So manche edle Frau am Hofe von König Charles hat das wissen wollen und mir mehr dafür geboten als Ihr.«

»Ich biete Euch«, sagte Hunter, »Euer Leben.« Und mit diesen Worten drückte er ihm eine geladene Pistole ins Gesicht.

»Ihr könnt mich nicht einschüchtern«, sagte der Gaukler.

»Ich glaube doch.«

Kurz darauf war er im Zelt des Gauklers und ließ sich das Kunststück erklären.

»Es ist nicht so, wie es scheint«, sagte der Gaukler.

»Lasst hören«, sagte Hunter.

Der Gaukler erklärte, dass er vor einem Auftritt eine Pille schluckte, die er aus der Galle eines Kuhkalbs und gebackenem Weizenmehl herstellte. »Sie reinigt meinen Magen, versteht Ihr.«

»Ja. Fahrt fort.«

»Als Nächstes koche ich Paranüsse, bis sich das Wasser dunkelrot verfärbt hat. Das trinke ich dann vor der Arbeit.«

»Weiter.«

»Dann wasche ich die Gläser mit weißem Essig aus.«

»Weiter.«

»Und einige Gläser werden nicht ausgewaschen.«

»Weiter.«

Dann, so erklärte der Wasserspucker, trank er Wasser aus sauberen Gläsern und würgte den Inhalt seines Magens hoch, wodurch er Gläser mit leuchtend rotem ›Wein‹ füllen konnte. In anderen Gläsern, an denen noch Essig haftete, wurde aus derselben Flüssigkeit ›Bier‹ mit einer dunkelbraunen Farbe.

Das Trinken und Hochwürgen von noch mehr Wasser brachte ein helleres Rot zustande, das ›Sherry‹ genannt wurde.

»Das ist der ganze Trick bei der Sache«, sagte der Gaukler. »Es ist alles nicht so, wie es scheint, und damit basta.« Er seufzte. »Wichtig ist nur, die Aufmerksamkeit in die falsche Richtung zu lenken.«

Hunter dankte dem Mann und machte sich auf die Suche nach Enders.

»Kennst du die Frau, die uns zur Flucht aus Marshallsea verholfen hat?«

»Anne Sharpe heißt sie.«

»Hol sie her«, sagte Hunter. »Und besorge mir für die Bootsbesatzung sechs der besten Männer, die du auftreiben kannst.«

»Warum, Captain?«

»Wir statten Sanson einen Besuch ab.«

KAPITEL 38

André Sanson, der auf den Tod gefährliche, starke Franzose, kannte keine Furcht, und so sah er seelenruhig zu, wie das Boot vom Ufer ablegte. Er beobachtete das Boot genau; aus der Ferne sah er sechs Ruderer und zwei Leute im Bug, konnte jedoch nicht erkennen, wer sie waren.

Er rechnete mit einer List. Der Engländer Hunter war gerissen und würde sich seine Gerissenheit zunutze machen, wenn er konnte. Sanson wusste, dass er nicht so schlau war wie Hunter. Seine Begabungen waren eher animalischer, körperlicher Natur. Und dennoch war er zuversichtlich, dass Hunter ihn nicht hinters Licht führen konnte. Das hielt er für schlichtweg unmöglich. Er war allein auf diesem Schiff und er würde allein bleiben, in Sicherheit, bis es dunkel wurde. Wenn Hunter bis dahin nicht auf seine Bedingungen eingegangen war, würde er das Schiff versenken.

Und er wusste, dass Hunter das niemals zulassen würde. Er hatte für diesen Schatz zu hart gekämpft und zu sehr gelitten. Er würde alles dafür tun, ihn zu behalten – er würde sogar Sanson freilassen. Der Franzose war zuversichtlich.

Er spähte auf das näher kommende Ruderboot. Als es nicht mehr weit entfernt war, erkannte er Hunter, der am Bug stand, zusammen mit einer Frau. Was konnte das bedeuten? Er zerbrach sich den Kopf, was Hunter geplant haben mochte.

Doch schließlich beschwichtigte er sich mit der Gewissheit, dass kein Trick möglich war. Hunter war schlau, aber auch Schlauheit hatte ihre Grenzen. Und Hunter musste wissen, dass er ihn selbst von Weitem so rasch und einfach erledigen könnte, wie er sich eine Fliege vom Ärmel wischte. Sanson könnte ihn jetzt töten, wenn er wollte. Aber dazu bestand kein Grund. Er wollte lediglich seine Freiheit und eine Begnadigung. Dafür brauchte er Hunter lebend.

Das Ruderboot kam näher, und Hunter winkte fröhlich. »Sanson, Ihr französischer Sauhund!«, rief er.

Sanson grinste und winkte zurück. »Hunter, Ihr englischer Dreckskerl!«, rief er mit einer Heiterkeit, die er nicht empfand. Seine Anspannung war groß und wuchs weiter, als er merkte, wie zwanglos Hunter sich verhielt.

Das Ruderboot kam längsseits der El Trinidad. Sanson beugte sich leicht über die Reling und zeigte ihnen die Armbrust. Aber er wollte sich nicht zu weit vorbeugen, sosehr er auch darauf brannte, einen Blick ins Boot zu werfen.

»Warum seid Ihr gekommen, Hunter?«

»Ich hab Euch ein Geschenk mitgebracht. Dürfen wir an Bord kommen?«

»Nur Ihr zwei«, sagte Sanson und trat von der Reling zurück. Er lief rasch zur anderen Seite des Schiffes, um nachzusehen, ob ein anderes Boot aus der anderen Richtung kam. Er sah nur ruhiges Wasser, das lediglich von den Flossen kreisender Haie gekräuselt wurde.

Als er sich umdrehte, hörte er, wie zwei Leute an der Bordwand hochkletterten. Er hob seine Armbrust, als die Frau auftauchte. Sie war jung und verdammt hübsch. Sie lächelte ihn fast schüchtern an und trat beiseite, als Hunter an Deck kam. Hunter blieb stehen und blickte Sanson an, der zwanzig Schritte entfernt war, die Armbrust schussbereit.

»Keine sehr gastfreundliche Begrüßung«, sagte Hunter.

»Ihr müsst mir verzeihen«, sagte Sanson. Er sah die junge Frau an, dann wieder Hunter. »Habt Ihr alles Nötige in die Wege geleitet, um meine Forderungen zu erfüllen?«

»Ja. Während wir uns unterhalten, ist Sir James dabei, die Papiere aufzusetzen. Sie werden in wenigen Stunden überbracht.«

»Und die Bedeutung Eures Besuchs?«

Hunter lachte auf. »Sanson«, sagte er, »Ihr kennt mich als einen Mann der Vernunft. Ihr wisst, Ihr habt alle Trümpfe in der Hand. Ich muss allem zustimmen, was Ihr sagt. Diesmal wart Ihr zu schlau, selbst für mich.«

»Ich weiß«, sagte Sanson.

»Eines Tages«, sagte Hunter und seine Augen wurden schmaler, »werde ich Euch aufspüren und töten. Das schwöre ich Euch. Aber fürs Erste habt Ihr gewonnen.«

»Das ist ein Trick«, sagte Sanson, dem plötzlich klar wurde, dass hier irgendetwas faul war.

»Kein Trick«, sagte Hunter. »Folter.«

»Folter?«

»In der Tat«, sagte Hunter. »Es ist nicht immer alles, wie es scheint. Damit Ihr den Nachmittag angenehm verbringen könnt, habe ich Euch diese Frau mitgebracht. Ich bin sicher, wir sind uns einig, dass sie äußerst bezaubernd ist – für eine Engländerin. Ich lasse sie Euch hier.« Hunter lachte. »Falls Ihr Euch traut.«

Jetzt musste Sanson lachen. »Hunter, Ihr seid des Teufels Diener. Wenn ich mich der Frau widme, kann ich nicht mehr Wache halten, ja?«

»Möge ihre englische Schönheit Euch foltern«, sagte Hunter, verbeugte sich kurz und kletterte wieder an der Bordwand herunter. Sanson lauschte auf die dumpfen Geräusche von Hunters Füßen am Rumpf des Schiffes und dann auf das abschließende Poltern, als Hunter ins Boot sprang. Er hörte, wie Hunter den Befehl zum Ablegen gab, und hörte die Schläge der Ruder.

Es war ein Trick, dachte er. Irgendein Trick. Er sah die Frau an: Sie musste irgendwie bewaffnet sein.

»Hinlegen«, knurrte er schroff.

Sie wirkte verwirrt.

»Hinlegen!«, wiederholte er und stampfte mit dem Fuß aufs Deck.

Sie legte sich auf die Planken, und er näherte sich ihr vorsichtig, tastete dann ihre Kleidung ab. Sie hatte keine Waffen. Trotzdem war er sicher, dass es ein Trick war.

Er ging zur Reling und spähte hinaus zu dem Boot, das jetzt mit kräftigen Schlägen aufs Ufer zusteuerte. Hunter saß am Bug und blickte landwärts, ohne sich umzusehen. Es waren sechs Ruderer. Keiner fehlte.

»Darf ich aufstehen?«, fragte die Frau kichernd.

Er drehte sich wieder zu ihr um. »Ja, steh auf«, sagte er.

Sie erhob sich und ordnete ihre Kleidung. »Gefall ich Euch?«

»Für ein englisches Flittchen«, sagte er barsch.