Выбрать главу

Ohne ein weiteres Wort fing sie an, sich auszuziehen.

»Was machst du da?«, fragte er.

»Captain Hunter hat gesagt, ich soll meine Kleidung ablegen.«

»Na, und ich sage dir, du lässt alles schön an«, knurrte Sanson. »Von nun an tust du, was ich sage.« Er suchte den Horizont in alle Richtungen ab. Es war nichts zu sehen außer dem schon weit entfernten Ruderboot.

Es muss ein Trick sein, dachte er. Es muss einfach ein Trick sein.

Er drehte sich wieder zu der Frau um. Sie leckte sich die Lippen, ein reizendes Geschöpf. Wo konnte er sie sich gönnen? Wo wäre er sicher? Dann hatte er eine Idee: Wenn er mit ihr aufs Heckkastell ging, konnte er in alle Richtungen blicken und sich gleichzeitig mit dieser englischen Hure verlustieren.

»Ich werde es Captain Hunter zeigen«, sagte er, »und dir ebenfalls.«

Er führte sie zum Heckkastell. Wenige Minuten später erlebte er eine weitere Überraschung – dieses kleine, kokette Geschöpf war ein leidenschaftliches Teufelsweib, das schrie und keuchte und krallte, sehr zu Sansons seliger Befriedigung.

»Du bist so groß!«, keuchte sie. »Ich wusste nicht, dass Franzosen so groß sind!«

Ihre Finger kratzten ihm schmerzhaft über den Rücken. Er war glücklich.

Er wäre weniger glücklich gewesen, wenn er gewusst hätte, dass ihre wollüstigen Schreie, für die sie großzügig bezahlt wurde, ein Signal für Hunter waren, der knapp über der Wasseroberfläche hing und sich an der Strickleiter festhielt, während unter ihm die bleichen Umrisse der Haie durchs Wasser glitten.

Hunter hing dort, seit das Ruderboot abgelegt hatte. Im Bug des Bootes saß eine Strohpuppe, die sie unter einer Plane versteckt und dann aufgerichtet hatten, als Hunter an Bord des Schiffes war.

Es war alles genauso gekommen, wie Hunter geplant hatte. Sanson hatte sich nicht getraut, zu lange in das Boot hinabzuschauen, und sobald es abgelegt hatte, musste er erst die Frau durchsuchen, was ihn einige Augenblicke gekostet hatte. Als er schließlich dazu kam, dem Ruderboot hinterherzuschauen, war es schon zu weit entfernt, um zu erkennen, dass nicht Hunter, sondern eine Puppe im Bug saß. Hätte er in diesem Moment an der Bordwand hinuntergeschaut, hätte er Hunter dort hängen sehen. Aber es bestand ja keine Veranlassung, an der Bordwand hinunterzuschauen – und außerdem war die junge Frau vorsichtshalber angewiesen worden, ihn so bald wie möglich abzulenken.

Hunter hatte eine ganze Weile auf der Strickleiter ausharren müssen, ehe die Lustschreie ertönten. Sie kamen vom Heckkastell, wie er sich gedacht hatte. Vorsichtig kletterte er zu den Geschützluken hoch und schlüpfte aufs Kanonendeck der El Trinidad.

Hunter war nicht bewaffnet und musste sich als Erstes irgendwo Waffen besorgen. Er schlich zur Waffenkammer, wo er einen kurzen Dolch und zwei Pistolen fand, die er behutsam schussbereit machte. Zu guter Letzt nahm er eine Armbrust und spannte sie. Erst dann kroch er den Niedergang hoch aufs Hauptdeck. Dort hielt er inne.

Er blickte zum Heckkastell, wo er Sanson und die Frau stehen sah. Sie ordnete gerade ihre Kleidung, Sanson suchte den Horizont ab. Er hatte sich nur einige Minuten lustvolle Ablenkung gegönnt, aber es waren verhängnisvolle Minuten gewesen. Er sah, wie Sanson hinunter aufs Mittelschiff stieg und das Deck abschritt. Er blickte auf einer Seite über die Reling nach unten, dann auf der anderen.

Plötzlich stockte er.

Und schaute noch einmal hin.

Hunter wusste, was er sah: die nassen Spuren außen am Rumpf, die Hunters Kleidung in einem unsteten Muster hinterlassen hatte, als er an der Bordwand hinauf zur Geschützluke geklettert war.

Sanson wirbelte herum. »Du Miststück!«, brüllte er und schoss mit seiner Armbrust auf die Frau, die noch auf dem Heckkastell stand. In seiner Hast verfehlte er sie. Sie schrie auf und rannte nach unten. Sanson setzte ihr ein paar Schritte nach, schien es sich dann aber anders zu überlegen. Er blieb stehen und lud die Armbrust neu. Dann wartete er und lauschte.

Die laufenden Füße der Frau waren zu hören, dann schlug im Heck eine Tür zu. Hunter vermutete, dass sie sich in einer der Achterkajüten eingeschlossen hatte. Dort war sie vorläufig in Sicherheit.

Sanson ging zur Mitte des Decks und blieb am Großmast stehen.

»Hunter«, rief er. »Hunter, ich weiß, dass Ihr hier seid.« Und dann lachte er.

Im Augenblick war er im Vorteil. Er stand am Mast, außerhalb der Reichweite einer Pistole, ganz gleich aus welcher Richtung, und er wartete. Er umkreiste den Mast vorsichtig, drehte den Kopf in langsamen, gleichmäßigen Bewegungen. Er war hellwach, sämtliche Sinne geschärft, für alles bereit.

Hunter handelte unvernünftig: Er stürmte vor und feuerte beide Pistolen ab. Eine Kugel riss Splitter aus dem Großmast und die andere traf Sanson in die Schulter. Der Franzose knurrte, schien die Verletzung aber kaum zu bemerken. Er fuhr herum und schoss die Armbrust ab. Der Pfeil zischte an Hunter vorbei und bohrte sich hinter ihm ins Holz.

Hunter flüchtete zurück zu dem Niedergang, und als er die Stufen hinuntersprang, hörte er schon Sansons laufende Schritte. Er sah noch mit einem flüchtigen Blick, dass Sanson, beide Pistolen gezückt, hinter ihm her stürmte.

Hunter versteckte sich unter der Niedergangstreppe und hielt den Atem an. Er sah Sanson direkt vor sich, wie er hastig die Leiter heruntergeklettert kam.

Als Sanson schließlich auf dem Kanonendeck stand, mit dem Rücken zu Hunter, sagte Hunter mit kalter Stimme. »Keine Bewegung.«

Sanson war blitzschnell. Er schnellte herum und feuerte beide Pistolen ab.

Die Kugeln pfiffen Hunter, der sich tief geduckt hatte, über den Kopf hinweg. Jetzt richtete er sich auf, die Armbrust im Anschlag.

»Es ist nicht immer alles so, wie es scheint«, sagte er.

Sanson grinste, hob die Arme. »Hunter, mein Freund. Ich bin wehrlos.«

»Rauf an Deck«, sagte Hunter mit ausdrucksloser Stimme.

Sanson stieg die Stufen hoch, die Hände noch immer erhoben. Hunter sah, dass der Franzose einen Dolch im Gürtel hatte. Seine linke Hand senkte sich langsam.

»Lass das.«

Die linke Hand erstarrte.

»Rauf.«

Sanson stieg hoch, gefolgt von Hunter.

»Ich krieg Euch trotzdem, mein Freund«, sagte Sanson.

»Das Einzige, was du kriegst, ist ein Pfeil in den Arsch«, versprach Hunter.

Beide Männer waren jetzt auf dem Hauptdeck. Sanson wich rückwärts Richtung Mast.

»Wir müssen miteinander reden. Wir müssen vernünftig sein.«

»Warum?«, fragte Hunter.

»Weil ich den halben Schatz versteckt habe. Seht«, sagte Sanson und befingerte eine Goldmünze, die er um den Hals trug. »Hier habe ich die Stelle markiert, wo der Schatz zu finden ist. Der Schatz von der Cassandra. Das möchtet Ihr doch bestimmt gern wissen, oder etwa nicht?«

»Doch.«

»Na, dann haben wir einen Grund zu verhandeln.«

»Du hast versucht, mich zu töten«, sagte Hunter, die Armbrust ruhig auf Sanson gerichtet.

»Hättet Ihr das nicht auch versucht, an meiner Stelle?«

»Nein.«

»Natürlich hättet Ihr«, sagte Sanson. »Es ist blanker Unsinn, das abzustreiten.«

»Vielleicht hätte ich«, sagte Hunter.

»Wir mögen einander nicht.«

»Ich hätte dich nicht hintergangen.«

»Oh doch, wenn Ihr die Möglichkeit gehabt hättet.«

»Nein«, sagte Hunter, »ich habe so etwas wie Ehre –«

In diesem Augenblick ertönte hinter ihm eine helle Frauenstimme: »Oh, Charles, Ihr habt ihn –«

Hunter wandte nur ein klein wenig den Kopf, um zu Anne Sharpe zu schauen, und in dieser Sekunde sprang Sanson vor.

Hunter feuerte unwillkürlich. Mit einem Wusch! schnellte der Armbrustpfeil heraus. Er zischte über das Deck, traf Sanson in die Brust, hob ihn von den Füßen und nagelte ihn an den Großmast, wo er mit hilflos zuckenden Armen hängen blieb.