Das Knallen der Peitschen zitterte über den Köpfen. Sie sah die langen Schnüre durch die Luft fahren, erkannte etwas von den weißen Mützen der Wettläufer mit dem bunten Federbusch an der Seite, das Kostüm, in dem sie vor vierzehn Jahren zum ersten Mal ihren Mann gesehen und gedacht hatte: Gott, sieht das komisch aus. Die Kopfbedeckungen erinnerten an Funkenmariechen.
«Gehen wir jetzt endlich weiter?«
«Daniel, ich will, dass du aufhörst, mich ständig anzupflaumen, okay? Wir gehen jetzt da runter und suchen einen Platz, wo wir was sehen können. Und wir sehen später sowieso den ganzen Zug noch mal, wenn er eine Runde durch die Oberstadt dreht. Da sind dann auch nicht mehr so viele Leute.«
«Ich will jetzt was sehen.«
«Dann los. «Sie steckte ihre Regenjacke in den Rucksack und nahm ihn wieder auf die Schultern. Entlang der Ladenzeile an der linken Marktplatzseite, an der Spielhölle und dem Redaktionsgebäude des Boten vorbei gingen sie auf die Einmündung des Gartenbergs zu, da wo Daniel sich gestern noch einmal umgedreht und verabschiedet hatte, um den Rest des Abends mit Nobs um den Brunnen zu patrouillieren.
Sie sah den Mohr Hände schütteln und mit seinem Bart jungen Frauen schwarze Flecken auf die Backen malen. Lachen und Johlen folgten ihm wie der Lichtkegel eines Bühnenscheinwerfers.
Ihr Sohn sieht immer so ernsthaft aus beim Spielen, hatte Evi Endler gestern Abend gesagt, als ihre, Kerstins, Blicke wieder einmal zu lange Richtung Brunnen gerichtet waren. Eine dieser Bemerkungen, derentwegen sie ihre Nachbarin bei aller Sympathie für ein wenig einfältig hielt. Meistens konnte man ihr am Gesicht ablesen, was sie als Nächstes sagen würde. Jetzt sah er ernsthaft aus, aber jetzt spielte er auch nicht.
Sie erinnerte sich an seinen Blick, gestern Abend, als er schon im Bett lag. Die Augen offen gegen die Müdigkeit, ein Flackern der Aufgebrachtheit in den Pupillen, immer noch zu angespannt, um schlafen zu können. Einen Verdacht hatte sie schon die ganze Zeit über gehabt, aber nicht nachfragen wollen in Hans’ Gegenwart; sie würde es nicht nur früh genug, sondern viel früher erfahren, als ihr lieb war. Und sie hatte sich darauf vorbereiten wollen, innerlich, ohne zu wissen wie.
Den gesamten Sommer über hatte sie ein komisches Gefühl gehabt. Jürgens Besessenheit mit seinen Grenzgangsveranstaltungen, die Begeisterung, mit der er das Haus verließ, und die Schweigsamkeit, mit der er zurückkehrte, die Zunahme von Meinungsverschiedenheiten und die Abnahme von Zärtlichkeiten, kurz: diese schleichende Abwärtsbewegung irgendwann ab Mitte Mai. Aber über Monate hinweg hatte der konkrete Anhaltspunkt gefehlt; ein Name, eine Lüge, ein Zettel mit einer unbekannten Telefonnummer. Unter anderen Umständen ein Grund zur Beruhigung, aber einmal geweckt, wuchs ihr Misstrauen mit jedem Streit und leistete ihr Gesellschaft während der einsamen Abende im Wohnzimmer. Brachte sie dazu, an Hemdkragen zu schnuppern und nach Widersprüchen in seinen Erzählungen zu fahnden. Beruhigung, wenn auch eine der bitteren Art, stellte sich erst ein, als irgendwann dieser nie zuvor gehörte Name fiel, ein isolierter Vorname bloß, und als etwas sich einschlich in seine Stimme — der pure Ärger darüber, dass sie nachfragte:
— Wenn diese Andrea Führerin der Mädchenschaft Rheinstraße ist, warum muss dann jemand von der Männergesellschaft auf ihren Geburtstag?
— Was soll das denn heißen: ›Wir gehören eben alle zusammen‹?
— Und du bist sicher, dass die anderen Gäste das nicht seltsam finden? Immerhin bist du zehn bis zwanzig Jahre älter als der Durchschnitt da.
— Dann hat sie also den gesamten Vorstand der Männergesellschaft eingeladen?
— So, und warum nicht?
— Schon klar, aber warum ist ausgerechnet der zweite Führer so besonders befähigt, die Gesellschaft zu ›repräsentieren‹?
— Sympathisch, ach so.
— Ich bin nicht zickig, ich frage, warum es dir nicht möglich ist, einen Samstagabend zu Hause bei deiner Familie zu verbringen. Einen im Monat.
Und so weiter und so weiter. Natürlich war sie zickig, so zickig, wie man eben wird, wenn man versucht, seine Kränkung nicht zu zeigen (weil der Versuch, sie doch mal zu zeigen, alles andere als ein Erfolg gewesen ist). Und trotzdem: Unter der Führerin einer Mädchenschaft konnte sie sich nichts anderes als Spielzeug vorstellen, Phantasiefutter, dessen ein Mann vielleicht von Zeit zu Zeit bedurfte, aber Ehen gingen nicht an Spielzeug kaputt. Irgendwann war die Party vorbei, und das Spielzeug wurde in die Ecke gestellt oder von jemand anders übernommen, es war lediglich eine Frage der Zeit. Sie hatte auch hier und da die Ohren gespitzt und zum Beispiel erfahren, dass diese Andrea einen Freund namens Lars Benner hatte, also nach gängigem Verständnis gar nicht zu haben war. Um nicht nur die Rolle der Wartenden zu spielen, hatte sie den Namen Andrea ihrerseits dann und wann ins Spiel gebracht, hatte immer mal wieder mit ironischem Unterton kleine Bemerkungen gemacht und war mit geringfügiger Abstufung der Subtilität so vorgegangen wie vor zwei oder drei Jahren, als sie Daniel davon hatte überzeugen wollen, dass Schreckschusspistolen ein blödes Spielzeug sind, etwas für Kinder, denen nichts Besseres einfällt als Peng, Peng, Peng.
«Soll ich mich noch einen Moment zu dir legen?«Sie hörte Hans unten im Wohnzimmer rumoren und kurz darauf das Ploppen eines Korkens. Was der neuerdings vertrug, war geradezu unheimlich. Fünf oder sechs Bier und jetzt noch ein paar Gläser Wein drauf, und morgen um fünf würde er aufstehen, als sei nichts gewesen. Sie hatte keine Lust mehr, weder auf Alkohol noch auf ein Gespräch mit ihrem Bruder, auf seine Erklärungen, warum die Scheidung von Marianne unausweichlich war; alles in einem Tonfall, als ginge nicht gerade seine zweite Ehe in die Brüche, sondern als hätte er diesen neuen Wanderweg ausprobiert und festgestellt: Ganz hielt der die Versprechungen des Reiseführers nicht. Sie fühlte Daniels Nicken unter ihrer Hand auf seiner Stirn. Wärmer als sonst war die.
«Dann rutsch mal.«
Da war etwas an Hans, was sie auch an ihrem Mann nicht mochte: dieser Stolz auf die eigene Fähigkeit, in bestimmten schwierigen Situationen nüchtern zu analysieren und die notwendigen Schlüsse und Konsequenzen zu ziehen. Und nach zehn Jahren Ehe wusste sie auch, warum sie es nicht mochte: weil die Fähigkeit erstens eine Unfähigkeit und zweitens der eigentliche Grund war für die vermeintlichen Notwendigkeiten, die sich aus ihr ergaben. Diese Nüchternheit bestand aus nichts anderem als der Fähigkeit, das als unvermeidbar zu erkennen, was sehr wohl vermeidbar wäre, würde man die Nüchternheit für einen Moment durch Mitgefühl ersetzen. So einfach gestrickt waren Männer, und die ganze Schwierigkeit bestand darin, trotzdem mit ihnen zu leben.
«Leg dich endlich hin jetzt.«
Erst als sie den Rand seiner Bettdecke über sich schlug, merkte sie, wie kalt ihr war. Sie zog ihren Sohn zu sich heran, nahm klaglos sein in ihre Achsel gemurmeltes» Du riechst nach Rauch «hin und hörte von unten das Quietschen der Terrassentür. Sobald sie ins Wohnzimmer ging, würde Hans ihr auch noch den Rest seines Ehedramas auseinandersetzen, und sie konnte nur hoffen, dass wenigstens Jürgen bald nach Hause kam. Den ganzen Abend hatte sie kaum ein Wort mit ihm geredet, ihn nur dann und wann beobachtet vor dem Hotel Kronert, wie er auf Schultern und Tische klopfte, mit Hinz und Kunz anstieß, über dies und das lachte, wie er sich auf so banale Weise wohl fühlte, dass sie bald nicht mehr gewusst hatte, ob er ein oberflächlicher Mensch oder sie eine an ihrer eigenen Missgunst erstickende Kröte war. Warum ließ sie ihm nicht sein harmloses Vergnügen? Andere richteten ihre vom Familienleben angekratzte Männlichkeit durch die Anschaffung von Motorrädern auf, heizten am Wochenende durch die engen Kurven des Ederberglandes, brachen sich das Genick oder wurden lebenslänglich zu Pflegefällen. Jürgen zwängte sich lediglich alle sieben Jahre für drei Tage in eine Uniform — die ihm gar nicht schlecht stand —, band sich einen Säbel um und führte mit ein bisschen Rum-ta-ta seine Rheinstraßenmänner durch den Wald.