Mit dem, was sie als Nächstes sagt, überrascht Kerstin sich selbst:
«Die 170 Euro für Frau Kolbe würden jedenfalls von der Pflegekasse übernommen, auch schon bei Pflegestufe 1. Steht ja hier: ›Wenn Pflegebedürftige ihre Pflege von Mitarbeitern ambulanter Pflegedienste durchführen lassen, erstattet die Pflegekasse die Aufwendungen als Sachleistungen.‹ Und da stünden uns 384 Euro zur Verfügung.«
«Onkel Hans würde sagen: Vergebliche Liebesmüh’. «Immer noch tasten Daniels Finger die Unebenheiten seiner Kinnpartie ab, ansonsten sitzt er reglos im Sessel, breitbeinig wie sein Vater. In Dortmund ist Halbzeit. Mit ratlosen Mienen trotten die Mannschaften Richtung Kabinen.
«Onkel Hans will bloß nicht einsehen, wie krank seine Mutter ist.«
«Er ist Arzt. Und als solcher will er das Beste für alle.«
«Doktor Petermann hat gesagt, Stufe I kriegen wir auf jeden Fall, egal was bei diesem CT rauskommt. Wir stellen den Antrag, und die Kasse schickt jemanden vorbei, der sich Oma anguckt. Schlimmstenfalls bleibt alles beim Alten, jedenfalls bis ich nächstes Jahr unter die Lahnbrücke ziehe, aber du hast es selbst gesagt: Sie ist pflegebedürftig. «Sie faltet das Infoblatt zusammen und fächelt sich Luft zu. Wie üblich reagiert Daniel nicht auf ihre Anspielungen. Der Abend ist immer noch warm und die von draußen hereinwehende Brise schwanger mit irgendwas, das Kerstin nicht in Worte fassen kann, nur in die Ahnung, dass sich ohne Zypiklon kein Schlaf einstellen wird in dieser Nacht.
Was hätte sie Karin Preiss sagen sollen?
Im Bad geht noch einmal die Klospülung, und kurz darauf kommt ihre erheblich bis schwer pflegebedürftige Mutter durch die Diele geschlurft. Fast die komplette erste Halbzeit hat sie im Bad verbracht. Ist das nur ihre altersbedingte Langsamkeit, oder hat sie wieder heimlich ihre Unterwäsche gewaschen, weil die nächtliche Inkontinenz so stark geworden ist, dass auch Slipeinlagen nicht mehr helfen? Hat sie sich wieder übergeben müssen? Das passiert in letzter Zeit immer häufiger, aber vielleicht hat es damit zu tun, dass ihre Mutter eigenmächtig im Bad nach Tabletten sucht, wenn ihre Kopfschmerzen zu stark werden. Die zwölf Aspirin, die Kerstin ihr auf den Nachttisch gelegt hat, waren binnen dreier Tage weg. Mit geschlossenen Augen verfolgt sie das Geräusch der Schuhe in der Diele und öffnet sie erst wieder, als das Quietschen in der offenen Wohnzimmertür verstummt. Sie ist nicht mal sicher, ob ihre Mutter nicht heimlich ihre Corega-Tabs kaut, jedenfalls geht der Vorrat auch schon wieder zur Neige.
Wie eine Empfangsdame knipst sie ihr Lächeln an, bevor sie den Kopf wendet.
Ihre Mutter trägt den alten, bis auf die Füße fallenden Bademantel, hält ihren Zahnputzbecher in der Hand und spricht mit der vernuschelten Stimme der Gebisslosen:
«So, dann will ich mal, ja.«
«Gute Nacht, Mutter. Schlaf gut.«
«Nacht«, sagt Daniel und hebt eine Hand, dreht sich aber nicht um, sondern folgt Günther Netzers pantomimischen Spielanalysen.
Ihre Mutter steht in der Tür.
«Ja. Und der Daniel will wohl nicht ins Bett?«
Daniel verzieht keine Miene. Kerstin liest den Satz ›Anders verhält es sich, wenn beispielsweise Familienmitglieder oder Bekannte die Pflege ausüben. Sie erhalten ein entsprechendes Pflegegeld.‹
«Hast du noch Wasser in deinem Zimmer?«, fragt sie.»Soll ich dir eine Flasche bringen?«
«Sind die Fenster alle zu?«
«Ja. Gute Nacht.«
«Und der Daniel …«Verzieht jetzt doch eine Miene. Kerstin steht auf und macht einen Schritt Richtung Wohnzimmertür.
«Dann will ich mal«, sagt ihre Mutter.»Bloß die Kopfschmerzen immer, ja.«
«Schlaf gut. Brauchst du eine Aspirin?«Aber ihre Mutter trägt kein Hörgerät mehr, und Kerstin sieht ihr nach, wie sie beim Öffnen ihrer Zimmertür Wasser aus dem Zahnputzbecher verschüttet und beim Schließen noch einmal. Vor zwei Tagen hat sie mit dem Krankenhaus telefoniert, und die haben ihr nach Rücksprache mit der Praxis Petermann einen Termin gegeben für das CT und weitere Untersuchungen, von denen Kerstin nicht genau weiß, worum es sich handelt. Ein Verdacht sagt ihr, dass nicht alleine medizinische Gründe hinter dem Vorhaben stehen, sondern Doktor Petermann ihr vor allem eine Auszeit von der häuslichen Pflege verschaffen will. So oder so, am übernächsten Wochenende wird sie zum ersten Mal seit Monaten alleine zu Hause sein, und natürlich war sie so ungeschickt, das Karin Preiss am Telefon auch gleich mitzuteilen. Passt doch, hat die nur gesagt.
Da sie schon einmal aufgestanden ist, geht sie weiter ins Bad und ist erleichtert, keine Anzeichen von Unregelmäßigkeiten zu finden. Weder liegt Uringeruch in der Luft noch der von Erbrochenem, und soweit sie sich erinnern kann, haben auch keine dunklen Flecken im Taschenbereich darauf hingedeutet, dass ihre Mutter verborgene Fracht im Bademantel transportiert. Beruhigt kann sie ihr Gesicht im Spiegelschränkchen über dem Waschbecken betrachten und feststellen, dass sie ausgesprochen beunruhigt aussieht.
«Es ist alles meine Schuld. «Das meint sie nicht wörtlich, aber fast.
Es ist seine Schuld. Warum ruft er nicht an?
Mit einem Seufzer wischt sie ihr Gesicht beiseite durch das Öffnen der Schranktür und greift nach der Packung Zypiklon. Dann wird sie das Spielende zwar nur noch durch halb geschlossene Augen mitbekommen, aber sie hat ein unwiderstehliches Bedürfnis, ihr hyperaktives Gehirn einfach auszuknipsen. Erst jetzt, hinter der verschlossenen Badezimmertür, durch eine Wand und die Diele von ihrem Sohn getrennt, wendet sie sich dem eigentlichen Grund ihres inneren Aufruhrs zu, der nämlich nicht in Karin Preiss’ Anruf und nur teilweise in der Sorge um ihre Mutter liegt, sondern: Diesmal hat sie ihn gesehen. Am Wochenende ist sie nach dem Abend bei Karin Preiss mit der Sonne aufgewacht, und gar nicht lange darauf hat sie am Wohnzimmerfenster gestanden und hinausgeblickt auf die morgenstille Straße. Und da war er. Kam den Kornacker herab, und statt ihm immer weiter zu folgen zu sich nach Hause, blieb er kurz stehen an der Kreuzung und bog nach links ab in den Rehsteig. Er hielt etwas in der Hand, was sie im Näherkommen — geduckt hinter ihre Fensterbank — als Blumen erkannte. Wechselte auf ihre Straßenseite. Sie stand im Wohnzimmer und hörte ihr Herz schlagen wie das Klopfen des Schicksals an ihrer Tür. Er verschwand aus ihrem Blickfeld, aber sie sah ihn trotzdem. Hockte vor dem Fenster und zählte die Sekunden, und sie hatte noch nicht bis zwanzig gezählt, da kam er in entgegengesetzter Richtung und mit leeren Händen zurück und bog wiederum links ab, den Kornacker hinab.
Nie hat der Rehsteig stiller, sonniger und schöner ausgesehen als an diesem Morgen.
Fünf oder zehn Minuten ist sie am Fenster stehen geblieben, ohne sich zu rühren, ohne etwas zu denken, und hat erst gar nicht verstanden, dass der Name für das Gefühl in ihrer Brust ›Glück‹ lautet.
Auf ihrer Fußmatte lagen zehn Veilchen.
Eins, zwei, drei Tage ist das jetzt her.
Sie nimmt eine Tablette aus der Packung, legt sie sich auf die Zunge und trinkt einen Schluck Wasser aus der hohlen Hand. Ihr Gesicht kommt ihr eingefallen vor, vielleicht hat sie abgenommen. Was soll sie jetzt tun?
Demnächst steht der Elternsprechtag an, und am Nachmittag hat sie ihren Kleiderschrank inspiziert und festgestellt, dass ein vor Jahren gekauftes Kleid nur ein wenig am Saum gekürzt werden muss, um wieder tragbar zu werden. Hat vor dem Spiegel gestanden und den neuen Verlauf mit Nadeln abgesteckt und sich ausgerechnet, wann sie das Kleid bei der Schneiderei Yilmaz abgeben muss, damit es rechtzeitig fertig wird.
Aber warum hat er nichts gesagt? Er hat ja angerufen, gleich am Sonntagabend. Ihre Mutter lag bereits im Bett, und sie saß in der Diele, direkt neben dem duftenden Veilchenstrauß, und interessierte sich nicht die Bohne für sein Gespräch mit Lars Benner, dem er wegen dieser Bemerkung im Artikel über das neue Biologiezentrum die Leviten gelesen habe. Interessierte sich nicht dafür, wusste auch nicht, welche Bemerkung gemeint war, atmete nur Veilchenduft und hörte seiner Stimme zu. Jedenfalls gehe er nun davon aus, dass der Bote keine Schulinterna zu drucken beabsichtige. Der alte Ludwig Benner habe das auf Nachfrage ganz ähnlich gesehen.