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«Wir müssen vorne dabei sein«, sagte Nobs,»sonst kriegen wir nachher bei der Abschlussversammlung keinen guten Platz.«

«Wir dürfen sowieso nicht bei den Gesellschaften stehen.«

«Ich steh, wo ich will. Die können mich mal.«

«Kannst es ja versuchen.«

«Stell dir vor, kann ich auch.«

«Was ist, wenn sie sich schlagen? Ist es dann bald vorbei?«

Nobs wusste immer sofort, wenn er davon sprach.

«Schlagen ist natürlich schlecht. Dann sagt deine Mutter: Ich lass mir doch nicht alles gefallen, du Dreckskerl, und dann ist es bald vorbei. Dann müssen sie zum Richter.«

«Und umgekehrt? Wenn meine Mutter schlägt?«

Aber das wusste Nobs auch nicht, er machte nur große Augen und sagte:

«Wow.«

Halt den Mund, Hans, hatte sie gesagt. So leise, dass er’s kaum verstehen konnte oben hinter dem Treppengeländer.

Manche Leute umarmten sich, bevor sie sich einreihten in den Zug. Er hatte den Stock in der Hand, und der fühlte sich kühl und feucht an, wo die Rinde ab war. Wie immer nach dem Frühstücksplatz mussten die Besoffenen im Wald verschwinden, um zu pinkeln oder zu kotzen. Eigentlich war das jetzt schon der Rückweg, und es dauerte nicht mehr lange, bis alles vorbei sein würde. Und immer noch hatte er Linda nicht gefunden und ihr gesagt … irgendwas eben. So dass sie wusste, dass er noch verknallt war. Obwohl sie sich das auch selbst denken konnte, warum sollte er gestern verknallt sein und heute plötzlich nicht mehr? Aber andererseits: Dass sie noch verknallt war, darauf würde er auch nicht sein ganzes Taschengeld wetten. Über eine Stunde hatte er am Frühstücksplatz am Rand gesessen, und sie war nicht vorbeigekommen, sondern mit Carla über den Frühstücksplatz gelaufen, um Abzeichen zu sammeln und sich in die Luft werfen zu lassen. Aber genau genommen war er selbst auch nicht mehr so verknallt wie gestern, sondern etwas weniger.

Nobs zog ihn am Arm und sagte:

«Weiberalarm.«

Sie kamen zu zweit, Linda und Carla, und überholten alle Leute im Zug, bis sie fast genau hinter ihnen waren. Er wusste gar nicht, bei welcher Gesellschaft sie gerade mitgingen, das hatte sich kurz nach dem Frühstücksplatz gleich wieder vermischt.

«Ich geh weiter nach vorne«, sagte Nobs,»sonst sehen wir nichts nachher.«

«Wir sind doch gerade erst losgelaufen.«

«Hat dir schon mal einer gesagt, dass die Strecke am dritten Tag die kürzeste ist?«Nobs schüttelte den Kopf und ging schneller, an zwei Männern vorbei, und erst wollte er auch einen Schritt schneller gehen, aber dann tat er’s doch nicht. Und schon war Nobs weg. Er überlegte, das Messer aus der Tasche zu nehmen und weiter am Stock zu schnitzen, aber sein Vater hatte ihm verboten, es im Gehen zu benutzen. Erst stagnieren, dann Messer aufklappen, aber nicht jetzt, sonst lief der ganze Zug ihm weg.

«Ach, schau mal«, sagte Linda hinter ihm,»da haben wir ja einen, der war heute unter gar keiner Fahne.«

«Deshalb hat er wahrscheinlich auch kein Abzeichen«, sagte Carla. Die kannte er kaum, die ging mit Linda zum Ballett oder so.

Jetzt gingen die zwei hinter ihm, und er ging vorne alleine, guckte sich den Stock an und überlegte schon mal, wo er noch überall die Rinde abmachen sollte.

«Übrigens ist das mein Cousin Jan aus Hamburg.«

«Spricht der auch so komisch wie die aus Hamburg?«

«Nein, der spricht eigentlich gar nicht.«

«Sag doch mal was, Jan.«

«Ja, sag doch mal was, Jan.«

Er ging weiter und biss die Zähne zusammen und drehte sich nicht um. Ging nur an den zwei Männern vorbei, aber er hörte hinter sich ein» Tüt-tüüt «und wusste, dass Linda und Carla auch überholt hatten. Und er wusste, dass Linda nicht mehr verknallt war, sonst hätte sie ihr Geheimnis nicht verraten.

«Vielleicht kann er nicht sprechen.«

«Doch, er ist bloß schüchtern. Alle Krabben-Schubser sind so. «Dann flüsterten sie und kicherten, weil Carla nicht wusste, was ein Krabben-Schubser ist und Linda es ihr erklären musste. Ihr Onkel sagte das immer. Gestern hatte sie es in sein Ohr geflüstert.

Er ging schneller, aber es half nicht. Die Hand in seiner Hosentasche hielt das Taschenmesser umklammert und die andere den Stock. Als es bergab ging, sah er weit unter sich Nobs im Zug laufen, und durch die Bäume schimmerten schon die Lahnwiesen. Das war das allerletzte Stück, danach war der Grenzgang vorbei, jedenfalls für ihn. Onkel Hans fuhr am Abend zurück nach Hause, und seine Mutter würde bestimmt nicht mit zum Festplatz kommen. Er hatte dieses Scheißgefühl im Hals und in den Augen und presste die Lippen noch fester aufeinander. Jetzt stiegen sie alle da runter in die Wiesen, und dann war Schluss. Seine Eltern würden zum Richter gehen und anschließend in getrennten Häusern wohnen.

«Jan, wenn du Männergesellschaft Heringssalat sagst, kriegst du ein Abzeichen von mir«, sagte Carla, und die beiden lachten.

«Oder Burschenschaft Krabbengemüse. «Und noch mehr Lachen.

«Oder Mädchenschaft Hackbraten-Dünnpfiff«, sagte er über die Schulter, an dem Kloß in seiner Kehle vorbei, aber da hörten die beiden auf zu lachen und machten» Igitt«, und er ging alleine weiter. Es war sowieso alles ein großer Betrug. Er spürte die Tränen aus seinen Augen laufen, aber er heulte nicht. Wischte sich mit dem Ärmel übers Gesicht. Der Zug senkte sich einen Hang hinab, und die ersten Reiter kamen bereits von Bergenstadt die Lahnwiesen herauf. Sogar das Schloss konnte er sehen. Er war also alle drei Tage mitgelaufen, und dafür würde ihm sein Vater die Peitsche geben müssen, aber das war ihm jetzt auch egal. Er hatte sich auf das Fest gefreut, und es war nichts draus geworden. Und sieben Jahre, das klang wie ein Witz für Erwachsene. Er nahm den Stock und köpfte ein paar Gräser am Wegrand. Die Zugspitze erreichte unten das Feld. Vielleicht würde Nobs ihm einen Platz frei halten. Und wenn nicht — es gab sowieso nicht viel zu sehen, nur Pferde und Fahnen, und irgendwer sagte was, was niemand hören wollte.

* * *

In Gladenbach ist Karin Preiss Richtung Marburg abgebogen. Bis zur Kreuzung am Baggersee von Niederweimar und dann weiter über die Schnellstraße, die kurz vor Gießen zur Autobahn wird. Man merkt es nur an den blauen Schildern. Die schnellste Strecke ist das nicht, aber Kerstin hat nichts gesagt, sondern auf ihr Sodbrennen geachtet und die Dörfer entlang der Strecke, die alle gleich langweilig aussehen: Kneipen, Metzgereien, Bäckereien, in der Mitte eine Kirche, manchmal eine Quelle-Filiale, manchmal Mode für Sie & Ihn. Ihr liegt sowieso nicht daran, schnell anzukommen. Eine bedrückende, an die Langeweile ihrer Jugend erinnernde Samstagabendnormalität hängt über diesen Dörfern und den verwaisten Sportplätzen dazwischen. Dicke Menschen unterhalten sich über Gartenzäune hinweg. Autos stehen wie gewienerte Pokale in Hofeinfahrten. Wenn ich die Wahl hätte zwischen dem Kummer und dem Nichts …, hat sie unlängst bei Faulkner gelesen, aber das kommt Kerstin in diesem Augenblick wie eine Alternative vor, die es nur in Romanen gibt. In Wirklichkeit hat man sich zu entscheiden zwischen zwei Arten von Kummer, und das Nichts, lernt man früh genug, ist bloß der Unterschied zwischen beiden.