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Mit der Fußspitze tritt sie ein paar wilde Margeriten platt, rafft ihr Kleid hoch und hockt sich hin. Ein Fast-Vollmond lugt über eine langgezogene, wie ein fernes Bergpanorama aussehende Wolkenkette. Vor dem türkischen Gemüseladen hat sie schließlich einen Parkplatz gefunden und ist mit ihrem Elternsprechtagskleid unter dem Arm in die Schneiderei gegangen. Ein vertäfelter Raum, kahl wie ein leergeräumter Keller. In einer Ecke deutet ein Vorhang die Möglichkeit zur Anprobe an, gegenüber steht ein Tisch, hinter dem der alte Herr Yilmaz sitzt und ihr zunickt. Ein Mann im blauen Kittel, mit grauweißen Haaren unter einer bestickten Kopfbedeckung. Es gibt ein Schaufenster, aber nichts als graue Gardinen darin. Sie hat ihr Kleid auf den Tisch gelegt, in dessen Saum eine Reihe Nadeln die gewünschte Länge markierte, Herr Yilmaz hat genickt und ihr einen Quittungsblock zugeschoben, auf den sie ihren Namen schrieb und fragte: Nächsten Mittwoch? Woraufhin er noch einmal nickte. Erst draußen auf dem Bürgersteig ist ihr aufgefallen, dass der Schneider kein Wort mit ihr gesprochen hat, keine einzige Silbe.

Es stört sie sehr, kein Taschentuch zur Hand zu haben.

Karin steht bereits wieder und wartet, so als verlangte die Situation nach einem gemeinsamen Aufbruch.

«Sag mal, der alte Schneider Yilmaz«, sagt Kerstin im Aufstehen,»ist der eigentlich stumm oder kann er bloß kein Deutsch?«

«Bitte?«

«Fällt mir gerade ein, weil ich am Nachmittag in der Rheinstraße war. Ich hab ihm ein Kleid zum Ändern gegeben, und er hat kein Wort mit mir gesprochen.«

«Der alte Wer?«

«Yilmaz, der türkische Schneider in der Rheinstraße. «Der Mond hat sich ein Stück weiter über die Wolkenberge geschoben und schickt einen fahlen Schimmer auf die Senke. Ein einzelner Gummistiefel liegt im kniehohen Gebüsch. Karin Preiss schüttelt den Kopf.

«Kenn ich nicht.«

«Du bringst keine Sachen zum Ändern, oder?«

«… Nein.«

Einen Moment lang stehen sie einander wie zum Duell gegenüber, Kleid ohne Arme gegen Kleid mit freiem Rücken, während ein Lastwagen die Landstraße entlangdonnert und mit seinen Scheinwerfern die Böschung erhellt. Eine plötzliche Bereitschaft zur Feindseligkeit liegt in ihrem Schweigen. Karin Preiss’ Handbewegung bedeutet: Mach nur weiter so. Irgendwo am Rand einer Bundesstraße, wo sie nichts verloren haben und trotzdem den Eindruck erwecken, auf der Suche zu sein.

«Es gibt dort also einen Schneider«, sagt Karin leise.»Und?«

«Er spricht nicht.«

Darauf bekommt sie keine Antwort.

«Vergiss es, war nur ein flüchtiger Gedanke. Du kaufst dir einfach neue Sachen, nehm ich an.«

Wie brennendes Papier rollt sich die Stille zusammen.

«Was willst du damit sagen?«

«Nein! Nichts, es kam mir einfach gerade in den Sinn. Ich hab …«

«Was soll das?«Karin spricht plötzlich mit veränderter Stimme.

«Du verstehst mich völlig falsch. «Ihre eigene Stimme klingt jetzt auch anders. Als spräche sie gegen den Wind.

«Sag es doch, sag es einfach, statt mir mit diesem Quatsch mit stummen Schneidern zu kommen!«Karin zittert vor Wut und scheint tatsächlich im nächsten Augenblick mit gesenktem Kopf auf sie losgehen zu wollen.»Wenn du findest, dass ich eine verwöhnte und obendrein verdorbene Person bin, sprich es wenigstens aus. Glaubst du, ich merke nicht, wie du mich ständig anguckst? Denkst du, ich bin zu blöd, in deinen Blicken zu lesen? Wie kann sie nur, wie kann sie nur? Warum setzt du dich mit mir ins Auto, wenn du jede Gelegenheit nutzt, mich spüren zu lassen, dass mit mir was nicht in Ordnung ist?«

«Ich weiß nicht, was du meinst.«

«Ja, ich lebe in einem von meinem Mann erarbeiteten Wohlstand, und ja, ich bin dabei, meinen Mann zu betrügen! Ich weiß nicht, ob’s dazu kommen wird, aber ich fahre hinter seinem Rücken in dieses … dieses … Und ich weiß verdammt genau, dass ich das nicht tun sollte und dass ganz Bergenstadt mit dem Finger auf mich zeigen würde. Ich weiß das alles, und ich brauche es von dir nicht ins Gesicht geschmissen zu bekommen auf diese hinterfotzige Art!«

«Hör bitte auf zu schreien.«

«Ich bringe keine Sachen zum Ändern, nein, tue ich nicht! Wenn in der Rheinstraße ein Laden aufmacht, in dem man sein Leben ändern lassen kann, dann sag mir Bescheid. Für stumme türkische Schneider hab ich keine Verwendung. «Karin atmet heftig und sieht auf ihre Hände wie damals im Auto, auf die Innenseite ihrer Handflächen, als stünde dort etwas, das sie nicht entziffern kann.

Sie selbst ist überhaupt nicht wütend, aber trotzdem hat sie Lust, auf Karin Preiss’ Ausbruch mit gleicher Lautstärke zu antworten. Sie fühlt diesen Druck auf der Brust, sie müsste nur den Mund aufmachen und alle Muskeln anspannen, aber sie hat nichts zu sagen. Karin tut ihr leid, zum ersten Mal. Wahrscheinlich hat sie sogar Recht.

«Dann lass uns gehen«, sagt sie. Sorgfältig auf die Unebenheiten im Boden achtend, steigt sie die Böschung wieder hinauf. Neben ihr raschelt ein Tier im Gebüsch.

«Gehen, wohin?«

«In den Club.«

«Du bist wie mein Mann. «Karin Preiss rührt sich nicht, jedenfalls hört Kerstin kein Geräusch hinter sich.»Wie mein Mann. Ist dir aufgefallen, dass ich wütend auf dich bin?«

«Es ist ein Missverständnis.«

«Du verachtest mich für das, was ich tue.«

«Nein. «Der Lichtstrahl eines Scheinwerfers erfasst ihr Gesicht, sie dreht sich um und sieht in die Dunkelheit unter sich. Ein Hupen fliegt heran, ein Schrei aus einem Autofenster, dann ist auch das vorbei.»Tue ich nicht.«

«Sondern?«

«Lass uns fahren, bitte, bevor ein Auto anhält. «Sie erreicht den Wagen und setzt sich auf den Beifahrersitz. Ein Echo ihres Herzschlages pulst in den Schläfen. Ganz leicht schaukelt ein kleines Duftbäumchen am Rückspiegel hin und her. Sie nimmt eine der Sektflaschen aus der Kühltasche und hält sie sich gegen die Stirn. Sieht nicht auf, als Karin schließlich auf der anderen Seite einsteigt und keine Anstalten macht, loszufahren.

«Tut mir leid. «Wie eine Träne perlt ein Tropfen Kondenswasser über ihre Nasenwurzel und hinterlässt eine kühle, schnell trocknende Spur.

«Ich könnte es verstehen, weißt du, aber nicht aushalten.«

«Ich wollte dir nicht weh tun. Ich wollte gar nichts, es ging mir durch den Kopf, und wenn ich dich verachten würde, müsste ich mich selbst schließlich genauso verachten.«

«Schon gut.«

«Noch drei Kilometer, laut dem Schild da hinten.«

Karin setzt zurück, und sie folgen der Straße, die ohne erkennbare Gründe s-förmig durch die Ebene läuft. Ein eingezäunter Weiher ist die einzige Unterbrechung in der Abfolge von Feldern und Weiden. Das Schweigen wird so dicht, dass Kerstin am liebsten das Fenster geöffnet hätte, dann macht die Straße einen weiteren Bogen und führt in einer langen Geraden auf den Ortseingang zu. Vor der letzten Pappel steckt ein kleines Holzkreuz neben dem Randstreifen. Das Ortsschild leuchtet auf.

* * *

Langsam füllte sich die Wiese, und noch immer kamen Wanderer aus dem Wald. Ein nicht abreißender Strom ergoss sich den letzten Abhang hinab und staute sich in der Ebene, aber trotz der gewaltigen Menge zwischen Perlenmühle und Lahn glich der Aufmarsch einer schweigenden Versammlung. Es war die letzte Etappe, der offizielle Abschluss, bevor am Abend im Festzelt endgültig alle Dämme brechen würden. Der Glanz eines noch frühen Nachmittags, ein von Süden her lachender Himmel spannte sich über das Tal. Grüne Hügel wölbten sich hinein. Am Rand der nahen Bundesstraße hielten Autos, und die Insassen stiegen aus, um die Prozession zu beobachten mit über die Augen gelegten Handflächen. Wie die Wäscheleine einer anderen, übermenschlichen Spezies zog sich eine Hochspannungsleitung durch das weite Tal, fast von Horizont zu Horizont. Unbeteiligt hockte das Schloss auf seinem Berg, flimmerte in der Sonne. Weit weg.