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«Wir müssen entweder Taxi-Mohrherr anrufen oder den Krankenwagen holen. Auf seinen Füßen wird’s der alte Betonkopf nämlich nicht nach Bergenstadt schaffen. Hier. «Sie zeigte ihrem Sohn einen Zettel mit den entsprechenden Nummern.»Wusst’ ich doch die ganze Zeit schon, was das heute für ein Drama gibt.«

«Er hat’s bis hierher geschafft, vielleicht schafft er die letzten zwei Kilometer auch noch.«

«Sein Hüftgelenk ist hin, Thomas. Hin und futsch.«

«Wir müssen sowieso warten, bis die Veranstaltung hier vorbei ist. «Weidmann steckte den Zettel in seine Hemdtasche und blickte zu Anni Schuhmann, der die Worte ausgegangen waren, aber das Kopfschütteln noch lange nicht, und die nur widerstrebend die Fäuste von den Hüften nahm. Schweigend setzte sie sich neben ihren Mann, während die Aufmerksamkeit der Umstehenden sich wieder nach vorne orientierte, wo ein Mikrofon knackte und der Bürgeroberst auf seinem Pferd saß und die Hand hob zum Zeichen, dass er jetzt was sagen wollte.

«Läss gudd säi«, sagte Heinrich leise.»Mer wisse bäre, ’s wor ’s läzde Mol. In siwwe Joarn läije äich nedd uff, sonnern unner der Erde.«

«Du hälsd jetz die Lufd oh, Heinrich. Zum äschde Mol in däijem Lewe.«

Während der Bürgeroberst sprach, hörte Weidmann unterdrücktes Schluchzen, mal von rechts, von seiner Mutter, und mal von links, wo Anni Schuhmann nach der Hand ihres Mannes gegriffen hatte und sie sich vor den Mund hielt wie ihre eigene. Die Rede selbst kam in den hinteren Reihen wie ein vom Wind zerzauster Lückentext an und schien im Wesentlichen aus Gemeinplätzen zu bestehen: Viel Wald und Gemeinschaft, Heimat und Verbundenheit, Tradition und vernuschelte Satzenden, in denen der Oberst auf seinen Spickzettel sah und seinem Pferd in die Mähne sprach. Es war ein farbenprächtig tristes Panorama, das sich Weidmann darbot: Das weite Tal und die gleichförmigen Hügel, die sonnenglänzenden Autodächer entlang der Bundesstraße, das entrückte Schloss und davor die müde Kavallerie der Grenzgangsreiter und Fahnenträger, all die Uniformierten mit ihren federgeschmückten Hüten, Schärpen, Säbeln und Plaketten. Eine lungernde, in der Sonne bratende Menge, die der Ansprache ihres Generals lauschte oder vor sich hin döste.»… haben wir in unseren Herzen den Grenzgang … bewahrt … Mühen und Freuden …«Der Wind wehte all das Richtung Bergenstadt, das verlassen und sonnenflimmernd im Tal lag. Zu gewöhnlich, um wahr zu sein. Am Vortag, zu Hause auf der Terrasse, hatte Weidmann sich gefragt, wie es wäre, in diesem Kaff zu leben. Die Frage war natürlich ein Witz, aber er meinte sie ernst. Wieder hier leben nach all den Jahren. Den ganzen Tag hatte er überlegt, Konstanze anzurufen, und es nicht getan. Hatte sich gefragt, ob dieses schale Gefühl in ihm mit dem Ausdruck ›schlechtes Gewissen‹ angemessen bezeichnet oder ob er nur peinlich berührt war von seinem Versuch, die erstbeste Frau zu küssen, die er am Grenzgang getroffen hatte, am Rande der Festwiese, wie ein Teenager.

«… die vielen Stunden der Vorbereitung … tagein, tagaus … die vielen fleißigen Hände …«

Oder handelte es sich um Gleichgültigkeit? In diesem Moment schien es Weidmann, sich selbst so weit auszudünnen, dass die Anflüge von Verzweiflung, denen er seit Monaten ausgesetzt war, einfach durch ihn hindurch und weiterziehen würden, wie der Wind durch das Tal. Aus Mangel an Widerstand. Aus Mangel an Beweisen, dass es für ihn noch etwas zu verlieren gab. Jahrelang hatte er versucht, mehr zu sein, als er war — wie wäre es einmal mit dem umgekehrten Versuch?

«… weil wir wissen, dass … so wie’s der Bürgermeister gesagt hat … in dieser unserer Gemeinschaft …«

Was ihm abging, war der Wille, das Beste aus der Situation zu machen, denn warum ausgerechnet das Beste? Warum nicht das Viertbeste oder Siebtschlechteste? Gab es um ihn herum einen einzigen Menschen, der aus seinem Leben das Beste gemacht hatte?

«… in sieben Jahren beim nächsten Grenzgang … in Gesundheit und Dankbarkeit …«Der Oberst war fertig mit seiner Rede und darüber so erleichtert wie alle anderen. Kommandos gingen hin und her, dann erklang Musik.

Hier liefen erwachsene Männer in Uniformen herum und nannten ihre Säbel Gewehre. Und nannten das wiederum Tradition. In Bergenstadt machte man nicht das Beste aus seinem Leben, und er mochte das. Die Welt war voller Leute, die an ihrem aufgeblasenen Ego hingen wie an einem Heißluftballon ohne Gondeclass="underline" Zappelnd, grotesk, vom Absturz bedroht. Er hatte sie auf Tagungen beobachtet, und er hatte sich selbst auf Tagungen beobachtet! Wie oft hatte er durch die Nase gesprochen und an seinem Brillenbügel gekaut und, wenn ihm gar nichts mehr einfiel, ›Dialektik‹ gesagt. Wer brauchte das? Wer brauchte ihn? Konstanze weniger, als sie glaubte, und seine Mutter mehr, als sie zugab, und sonst? Um ihn herum erhoben sich alle von der Wiese. Heinrich öffnete kurz die Augen und schüttelte den Kopf.

«Äich krieje’n Arsch nedd mie hug.«

Dann sangen alle Drüben im Hinterland bin ich so gern, und Weidmann wunderte sich, dass er den Text zur Hälfte kannte. Für den Anfang nicht schlecht. Dünn und dumpf erhob sich Gesang in die Luft, ein Chor ohne Dirigent, halb in Moll gemurmelt aus durstigen Kehlen. Aber der Wind nahm’s gelassen, und das Schloss schaute weg.

* * *

Eine laue Sommernacht liegt über den üppigen Grundstücken. In der Nähe wird Obst angebaut. Immer noch ist die Autobahn zu hören als fernes Rauschen, das hinter einem bewaldeten Hügel aufsteigt. Kerstin greift nach ihrer Handtasche und steigt aus. Der Mond hat sich von seiner wolkigen Bergkette entfernt und steht hoch über der Landschaft. Der Wind trägt den Geruch von Torf und Blüten mit sich, das Zirpen von Grillen, ein Flüstern in den Bäumen. Kinder haben Kreidegesichter auf die Fahrbahn gemalt.

«Ich überlege gerade«, sagt Karin,»ob ich mich am Telefon mit falschem Namen gemeldet habe, aber ich glaube nicht. Meinst du, man kennt den Namen Preiss hier? Von wegen der Firma.«

«Bleiben wir bei den Vornamen.«

Sie haben den Eingang erreicht, ein stabiles Eisentor zwischen mannshohen Betonpfosten. Direkt dahinter macht ein mit Platten ausgelegter Weg einen Knick, so dass außer Tannen nichts zu sehen ist. ›Müller‹ steht neben der Klingel und einem verglasten Kameraobjektiv. Augenblicklich fühlt Kerstin sich beobachtet. Es ist, als würden alle ihre Bemühungen der letzten Jahre — um die Art von Freiheit, die damit einhergeht, bei niemandem Anstoß zu erregen — in dem Moment zunichtegemacht, da Karin Preiss den Klingelknopf drückt und gleich darauf neben der Kamera ein rotes Licht aufleuchtet. Der Rückweg ist abgeschnitten. Sie hätte gerne nach Karins Hand gegriffen, aber die tritt einen Schritt näher an den Eingang heran und beugt sich zu der Gegensprechanlage, aus der ein leises Knacken und dann eine Frauenstimme erklingt:

«Einen schönen guten Abend.«

«Ich hatte angerufen«, sagt Karin.

«Immer hereinspaziert. «Noch bevor Karin» Danke «sagt, ertönt ein leises Summen, und die Tür springt ein Stück auf. Das rote Licht erlischt.

Sie folgen dem Weg, dann erhebt sich vor ihnen ein zweistöckiges Familienhaus mit breitem Vorderbalkon. Eine Rasenfläche, frisch gemäht, steigt zur Terrasse hin an. Blumenkübel und eine Hollywoodschaukel stehen dort. Soweit es in der Dunkelheit zu erkennen ist, sind alle Rollläden geschlossen, das einzige Licht brennt über einem Eingang an der Seite, unterhalb der Terrasse. Zum eigentlichen Hauseingang führt eine Treppe, aber dort ist wiederum alles dunkel.

Kleine Laternen in Knöchelhöhe springen an, sobald sie die Tannen passiert haben und auf das Haus zugehen. Kerstin sieht auf ihre Füße und fragt sich, wann und in welcher Stimmung sie diesen Weg wieder zurückgehen wird. Nervosität hat von ihr Besitz ergriffen und lässt kein angstvolles Phantasieren mehr zu. Alles reduziert sich auf eine trockene Kehle und das Gefühl, nichts tun zu können.