«… so eine Liebesschaukel haben wir gekauft, aber noch nicht installiert«, erzählt Gabi.»Wer weiß, ob der Putz an der Decke die Dübel hält. Und stell dir vor, das Ding kracht runter, wenn gerade jemand … Dann können wir den Laden dichtmachen.«
«Und das Gestell nimmt zu viel Platz weg. «Gerd Müller hat alle Möglichkeiten bedacht, aber es bleibt schwierig.»Wenn ich wüsste, dass die Decke ansonsten hält, würd ich einfach die unteren Platten rausnehmen. Da müssen ja noch Balken sein, und an die kannste’n Ochsen hängen.«
«Aber doch nicht in der Liebesschaukel. «Karin Preiss hält sich kichernd die Hand vor den Mund.»Das wär ja …«
«Wild«, sagt Kerstin, und alle lachen.
«Zumindest bei den Mitgliedern achten wir ja drauf, also: dass das ästhetisch einigermaßen hinkommt. «Gabi ist wieder ganz Geschäftsfrau und stellt ihr leeres Glas auf die Theke.»Aber Laufkundschaft? Ich kann doch am Telefon nicht sagen: Faxen Se erst mal’n Foto rüber. Aber bis jetzt hatten wir immer Glück, oder?«
«Ochsen waren noch keine da«, bestätigt ihr Mann.
«Toi, toi, toi, auf Holz geklopft. Sollen wir dann die Führung mal fortsetzen?«
Kerstin hat das Gefühl, dass Karin es vermeidet sie anzusehen, als sie mit einem wortlosen Nicken von ihrem Barhocker rutscht. Sie selbst schüttelt den Kopf.
«Ich bleib ein bisschen hier sitzen. «Da ist eine sehr klare Idee in ihrem Kopf, ihren Aufenthalt im Club auf diejenigen Bereiche zu beschränken, die sie bereits kennt oder von ihrem Platz an der Bar aus einsehen kann. Der Rest mag unsichtbar anwesend sein, als Möglichkeit, die sie nicht zu ergreifen gedenkt. Der Rest ist zu viel. Sie winkt den beiden, als wäre es ein Abschied für länger, aber Karin sieht sie immer noch nicht an.
Zum ersten Mal registriert sie die Gäste auf der anderen Seite der Theke: Zwei Männer und eine Frau, die mit dem Rücken gegen die Theke lehnt, so dass Kerstin nur nackte Schultern sieht, die kein Alter verraten, und einen Kurzhaarschnitt, für den das Gleiche gilt. Die Männer stehen rechts und links, mit jeweils einer Hand auf der Theke, in der Nähe ihrer Biergläser. Ein teigiges, eher profilloses Gesicht hat der eine, und was unter seinem schwarzen Netz-Shirt an Figur zu erkennen ist, deutet ebenfalls auf etwas schwammig Bleiches, ebenso Alterswie Formloses. Ein Reptil mit kurzen Haaren, das Kerstins Abneigung erregt und ihren Blick sofort weiterwandern lässt, als sein Kopf sich in ihre Richtung wendet. Am liebsten hätte sie Gerd gebeten, wieder seine alte Schutzschirm-Position einzunehmen. Der andere sieht nur unscheinbar aus, weder einnehmend noch abstoßend, mit Schnurrbart und Koteletten, und das Wässrige seiner Augen lässt an einen Fehlsichtigen denken, der seine Brille verloren hat. Mit einer übertriebenen Geste, die wohl Hingerissenheit bedeuten soll, beugt er sich nach vorne und küsst die Schulter der Frau in der Mitte, und kaum ist er damit fertig, tut es ihm sein Gegenüber auf der anderen Seite gleich.
«Noch einen?«Erst Gerds Bewegung mit dem Kinn macht sie darauf aufmerksam, dass sie bereits ausgetrunken hat.
«Vielleicht was anderes?«
«Ich kann nicht viel, aber ich geb mir Mühe«, sagt er mit einer Geste in Richtung der Phalanx von Flaschen.»Pina Colada, Weißer Russe, Long-Island-Eistee. Oder die reine Lehre: Whisky, Wodka auf Eis. Weißwein, Rotwein, Bier. Ich hab auch’n Shaker irgendwo …«Mit beiden Händen auf der Theke beugt er sich hinab und begibt sich auf die Suche.
«Du willst doch nicht anfangen, mit deinen Gästen zu schäkern. «Das Reptil nutzt die erste Gelegenheit, um mit ihr Kontakt aufzunehmen. Eine Hand bleibt auf dem Körper der Frau, in Brusthöhe, und mit Blicken versucht er, Kerstin zu einer Reaktion zu animieren. Etwas Kaltes liegt in seiner Stimme. Kerstin konzentriert sich auf die Maserung der Theke und ist Gerd dankbar, als er sich wieder zu voller Größe aufrichtet und sie von der anderen Seite der Bar abschneidet. Mit fragender Geste hält er einen silbernen Mixbecher in der Hand.
«Wodka auf Eis klingt gut«, sagt sie. Mit dem lauernden Reptil auf der anderen Seite wird Gerd noch mehr zu einem gutmütigen Bären, von dessen Kraft eine beruhigende Wirkung ausgeht. Sie hat nichts dagegen, dass er zwei Gläser auf die Theke stellt und mit Eis zu füllen beginnt.
«Klingt nicht nur gut, schmeckt auch.«
«Wie lange betreibt ihr den Club schon, Gabi und du?«
«Drei Jahre. Das war eine ausgesprochene Schnapsidee. Ein Silvestergedanke, hier an diesem Ort geboren, der damals unser Partykeller war. Hätte nicht gedacht, dass man damit Geld verdienen kann.«
«Kann man aber, oder?«
«So viel auch wieder nicht. «Er scheint keine Lust zu haben, sich weiter darüber auszulassen. Ein Glas stellt er vor sie hin, das andere hält er ihr entgegen.»Prost.«
«Prost. «Ihren Blick erwidert er nicht. Sie beginnt zu argwöhnen, dass Gerd die hinteren Clubräume allenfalls vormittags und mit Staubsauger und Putzeimer betritt. Besagte Schnapsidee dürfte eher Eierlikör und dem Kopf von Gerds Frau entsprungen sein. Kerstin trinkt, und der Wodka fährt ihr scharf in die Kehle. Gabi und Karin sind schon vor einigen Minuten verschwunden. Ist ihre Nachbarin gerade dabei, genau die Linie zu überschreiten, die ihren gemeinsamen Ausflug vom Beginn einer Bergenstädter Dorftragödie trennt?
Wenn es rauskommt, denkt sie, sind wir geliefert. Die Vorstellung, zum Bergenstädter Ortsgespräch zu werden, hat ihr schon die ganze Woche Schauer über den Rücken gejagt. Sie malt sich die Blicke von Frau Meinrich aus, das Getuschel bei König’s, die plötzliche Stille beim Betreten der Metzgerei. Ihre Hand schließt sich fest um das Glas, und sie sieht Gerd Müller zu, wie er sich den nächsten Wodka auf das noch kaum angetaute Eis gießt. Eine Bemerkung über Karin und Gabi verkneift sie sich. Sie will nicht, dass sich zwischen ihr und Gerd die traurige Verbundenheit von Zurückgelassenen einstellt.
«Für mich noch’n Bier«, heißt es krokodilsmäßig kalt von der anderen Seite der Theke.
«Joh.«
«Und für unser Goldstück hier noch mal das Gleiche.«
«Auch das. «Gerds Augenrollen verrät einen Mangel an Sympathie gegenüber den Gästen in seinem Rücken.
Das jüngere Pärchen erhebt sich von seinen Plätzen und schlendert Hand in Hand in Richtung des Durchgangs, in dem vorher Karin und Gabi verschwunden sind. Die Frau sieht auf ihre Füße beim Gehen, und beide wirken eher ernst als vorfreudig. Aus der Reptilienecke folgen ihnen Blicke und lüsternes Zungenschnalzen.
Gerd konzentriert sich auf das Zapfen des Bieres, als wäre das ein Job für Ingenieure.
Kerstin hat das Gefühl, dass der Wodka sie nicht wärmt, sondern ihr kalt im Magen liegt und ihre Gesichtszüge gefrieren lässt. Ringsumher geraten die Dinge in Bewegung, und sie fühlt sich auf ihrem Platz wie auf einem Pfahl im Wasser, wenn die Flut zu steigen beginnt. Lange wird sie nicht mehr unbehelligt so sitzen können. Die Diskretion des Ortes ist trügerisch, bildet nur eine notdürftige Tarnung über dem Gewucher aus Blicken und Signalen, einem schlingpflanzenartigen Gewirr angedeuteter Kommunikation. Auch der Frührentner in seinem Hawaiihemd wirft einen Blick in ihre Richtung, während er sich erneut über die Hand seines dauergewellten Täubchens beugt, und die Frau gegenüber nutzt die Entgegennahme ihres Getränks, um sich herumzudrehen und Kerstin mit einer Miene anzusehen, als wolle sie sagen: Einen kannst du haben, wenn du willst. Sie trägt ein trägerloses Bikini-Oberteil und ist überraschend jung, kaum dreißig. Hat volle, runde Brüste und nach Kerstins Eindruck wenig Grund, sich mit Kerlen abzugeben wie den beiden rechts und links von ihr. Wortlos prostet sie Kerstin zu und dreht sich wieder um.
Wo bleiben die beiden? In den Blicken der Gastgeberin hat sie eine gewisse Empfänglichkeit für weibliche Reize zu erspüren geglaubt, und jetzt fragt sie sich, ob das für Karin vielleicht auch gilt. Die Art, wie sie manchmal ihre Hand auf Kerstins Arm oder Bein legt, lässt das möglich erscheinen und ist gleichzeitig zu unbestimmt, um die Möglichkeit zum Verdacht zu erhärten. Oder sehen sie dem jungen Pärchen zu? Oder anderen, die bereits seit längerem dort hinten zugange sind? Die Vorstellung ist absurd und gleichzeitig buchstäblich naheliegend, so greifbar hinter dem wenige Meter entfernten Durchgang, dass sie sich beherrschen muss, sie nicht durch einen raschen Blick zu bestätigen oder zu verwerfen.