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«Geht aufs Haus«, sagt Gerd und schenkt ihr noch einen Schuss Wodka nach.

«Danke, ich …«Sie legt die Hand über ihr Glas und lächelt. Er hat dunkle Augen, leicht wässrig, das nimmt seinem Blick die Intensität, obwohl er ihr diesmal ziemlich lange begegnet.»Ich vertrag nicht so viel. «Leise sagt sie das, um nicht einen Kommentar von gegenüber zu provozieren. Über seine Schulter hinweg registriert sie eine Bewegung bei den Yucca-Palmen und sieht kurz darauf die stolze Viktoria in Richtung Bar kommen, mit der Andeutung eines Lächelns auf ihren harten Zügen, als hätte sie gerade etwas gehört, was sich für ihre Zwecke verwenden lässt.

«Zwei Bordeaux«, bestellt sie, noch bevor Gerd sie überhaupt wahrgenommen hat. Zwei Bordeaux ohne ›bitte‹. Die Art, wie sie ins Leere sieht, während Gerd die Weinflasche entkorkt, wie sie weder die Krokodilsblicke noch Kerstins scheue Musterung bemerkt, wirkt souverän und selbstgerecht. Irgendjemanden hat sie dort sitzen im Dunkelbereich hinter den Yucca-Palmen, und den wird sie nicht gehen lassen, bevor sie bekommen hat, was sie will — und ihrem Blick nach zu schließen, will sie alles. Wortlos schiebt sie einen Geldschein über die Theke, nimmt die Gläser und ist bereits wieder zwischen den Palmen verschwunden, als Gerd das Wechselgeld abgezählt hat und ihr geben will.

«Danke auch«, murmelt er und lässt es zurück in die Schublade fallen, die als Kasse dient.

Kerstin trinkt einen Schluck Wodka und kann sich, als Gerd erneut in ihre Richtung sieht, die Frage nicht länger verkneifen:

«Wo bleiben die beiden?«

Seine Antwort ist eher eine Feststellung als eine Frage:

«Dir gefällt’s hier nicht, oder?«

«Ungewohnt. «Hinter sich hört sie die Ankunft neuer Gäste, fragt sich, wie die hereingekommen sind, vermeidet es aber, sich nach ihnen umzudrehen.»Und dir, gefällt’s dir hier?«

«Ich war Fernfahrer«, sagt er,»aber nach dem zweiten Bandscheibenvorfall ging das nicht mehr. Und der Job im Büro, den sie mir stattdessen angeboten haben, ging auch nicht. Zuviel sitzen. Jetzt bin ich Frührentner und Pärchenclubbesitzer, worüber soll ich mich beklagen?«

Kerstin nickt. Vielleicht ist er etwas weniger sensibel, als sie aus dem Anflug von Traurigkeit in seinem Blick hat herauslesen wollen.

Die neuen Gäste werden von Gerd mit einem über die Schulter Richtung Durchgang zeigenden Daumen begrüßt. Ein Pärchen, erkennt Kerstin, als sie an der Theke vorbeikommen, das dunkelhaarige Gegenstück zu den beiden Blonden. Der Mann trägt die gleiche knielange Stretchhose, wie Radfahrer sie tragen, treibt viel Sport und liegt regelmäßig unter der Höhensonne. Und er kaut Kaugummi auf die Art, die sie früher versucht hat Daniel abzugewöhnen. Seine Partnerin ebenso. Leggins und eine Art Sport-BH. Unbeschwertheit und Stolz auf die eigene Figur. Hand in Hand gehen sie um die Theke, sagen» Hallo Gerd «und verschwinden Richtung Matratzen. Der Eindruck eines drachenförmigen Tattoos über einem aparten Frauenhintern ist alles, was von ihnen bleibt.

Hinter den Yucca-Palmen macht Kerstin erneut eine Bewegung aus und wendet den Blick ab. Sie hat keine Lust, Viktoria noch einmal zu sehen. Ein profundes Gefühl von Vergeblichkeit macht sich in ihr breit. Karin Preiss entdeckt offenbar gerade die Möglichkeiten des verpflichtungsfreien Partnertauschs, und sie hockt auf ihrem Barhocker, den eine schlammige Flut immer mehr zu einer Insel macht, von der es kein Entrinnen gibt. Der Wodka schmeckt furchtbar, wie destillierter Kunststoff. Gegenüber legt die Frau den Kopf in den Nacken und macht ein Geräusch, dem zufolge einer der beiden Kerle seine Hand dort hat, wo sie es am liebsten mag. Die Bewegung vor dem Dunkelbereich ist eingefroren. Vermutlich untersagt Viktoria ihrer Beute das Verlassen ihres Territoriums. Ihre Nase erinnert an einen Adler, aber ihr Verhalten gleicht dem einer Spinne, die mit sicheren, tödlichen Bewegungen in ihrem Netz agiert.

Wie lange wird sie jetzt auf Karin warten müssen?

Sie fühlt sich selbst wie in einem Spinnennetz gefangen und was in ihr aufwallt, ist weniger der Mut als die Wut der Verzweiflung. Warum nicht dem Blick begegnen, der dort von den Yucca-Palmen ihre Richtung eingeschlagen hat? Warum nicht mit einer entschlossenen Geste in die Richtung deuten, in die Gabi und Karin verschwunden sind? Hat sie noch was zu verlieren? Ja, aber es ist ihr egal. Aufstehen, den letzten Schluck Wodka kippen und sich dann dem Schicksal ausliefern. Wie auch immer der Kerl aussieht, der dort steht. Sie wird ihm bedeuten ihr zu folgen, noch bevor Viktoria ihn zurückhalten kann, wird ohne sich umzuschauen einen der hinteren Räume betreten, sich mit dem Rücken zur Tür ihres Kleides entledigen und einfach warten, dass er von hinten an sie herantritt und tut, was zu tun ist. Kalt und eckig, wie ein langsam tauender Eisklotz, liegt ihr der Wodka im Magen. Lust hat sie keine, aber sie will Hände auf ihren Brüsten, am besten fremde. Sie will diese Mischung aus Sieg und Erniedrigung. Im Aufstehen hebt sie den Blick.

Den spitzen Schrei, der ihr entfährt, hört sie selbst mit einer Sekunde Verspätung. Registriert ihre Hand auf dem Mund und die Blicke, die sie von überall treffen. Alle im Barraum sehen sie an. Alle bis auf Thomas Weidmann. Der steht wie erstarrt zwischen den Yucca-Palmen, in einem weißen offenen Hemd, das seine Brustbehaarung erkennen lässt. Wie ein Schlagersänger auf einer schäbigen Bühne steht er dort und sieht auf seine Füße, als hätte er mitten im Lied seinen Text vergessen. Sie will lachen und hat Angst, sich auf der Stelle zu übergeben. Sie will weinen und muss aufs Klo. Hinter ihm sieht sie Viktorias Gesicht aus der Dunkelheit auftauchen, bedrohliche Neugier in den schwarzen Augen.

Alles ist vorbei, liegt in Scherben und wird ewig so bleiben. Flüstern beginnt die Stille nach ihrem Schrei zu füllen. Gerd kommt auf sie zu, und sie spürt ein Zittern in den Beinen, hält sich am Rand der Theke fest und fragt sich, ob sie es überhaupt bis zum Auto schaffen wird.

Dritter Teil. … in Ewigkeit

10

Mit einem Handtuch um den Körper stand sie im Schlafzimmer und sah hinaus in die im Sinken begriffene Sonne. Spürte das Pulsieren der Müdigkeit in Schenkeln und Waden. Die Musik wehte so leise über den Ort, dass Kerstin einen Moment lang nicht wusste, ob das Geräusch vielleicht nur ihrer Erinnerung entsprang. Die Balkontür war angelehnt, im Garten wuchsen die Schatten, und unten auf der Terrasse hörte sie, wie ihre Mutter mit Daniel sprach, ihn offenbar auf dem Arm hielt und ihm die Blumen erklärte oder die Vögel oder was sonst seine Aufmerksamkeit erregte. Seit er begonnen hatte nachzuplappern, was man ihm vorsagte, wuchs die Konzentriertheit seines Blicks und griffen seine Hände nach allem, was in Reichweite war. Jeden Tag entdeckte er Neues in der Welt und sog es in sich auf, nicht mehr mit dem Mund, sondern dem sich aufrichtenden Verstand des Zweijährigen. Sie konnte sich nicht sattsehen daran.

«Habutten«, hörte sie ihn rufen und fragte sich, ob ihre Mutter verstand, was er wollte.

Vorne auf der Wiese sah sie die beiden auftauchen und auf die große Hagebuttenhecke zugehen, von der ihre Mutter mit der freien Hand eine Frucht abpflückte und sie ihrem Enkel reichte. Kerstin widerstand dem Impuls, auf den Balkon zu treten und den beiden etwas zuzurufen. Ein später Sommernachmittag glänzte über dem Ort, in der Stunde zwischen fünf und sechs. Sogar der Grenzgang pausierte für einen Moment, und durch die beigen, vor der Balkontür halb zugezogenen Gardinen floss ein warmer Schimmer. Ihre Mutter hielt die Wange dicht an Daniels Gesicht, wenn sie mit ihm sprach, genau wie sie selbst es immer machte, angezogen von dem milchig süßen Aroma seiner Wangen. Manchmal kam es ihr unwirklich vor: mit dreißig Jahren im eigenen Haus zu leben, mit Mann und Kind, diesen festen Platz im Leben zu haben. Anita hatte ein spöttisches Gesicht gemacht bei ihrem ersten Besuch im noch nach Farbe riechenden Haus. Liebevoller Spott, der sich nur scheinbar auf gewisse Möbelstücke richtete und den Kerstin ihr nicht übel genommen hatte, sondern selbst empfand, wenn sie den Blick über die Küchenarmaturen oder die strahlend weißen Kacheln im Bad streichen ließ. Dann schaute sie ihr Leben an wie einen Film, erstaunt darüber, dass die Hauptdarstellerin ihr zum Verwechseln ähnlich sah.