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Daniel holte aus und schmiss die Hagebutte zurück in die Hecke.

Kerstin trat einen Schritt von der Balkontür zurück, bevor sie sich das Handtuch abnahm und durch die nassen Haare rubbelte. Ihre Füße sahen platter und breiter aus nach dreitägiger Wanderung, und beinahe glaubte sie das Blut durch ihre Adern strömen zu spüren, vom Kopf bis in die Zehenspitzen. Merkwürdig, dass dieses Gefühl der Unwirklichkeit, das in letzter Zeit immer schwächer geworden war, sich jetzt so deutlich in ihr breitmachte. Und mit dem Verlangen einherging, ihren Mann zu umarmen, der jeden Moment aus dem Bad kommen musste.

Im Garten erklang glucksendes Lachen.

Es hatte sich alles gefügt in diesem Sommer. Sie war angekommen in ihrem Leben oder hatte es eingeholt, jedenfalls wurde sie nicht länger von dem Gefühl geplagt, zu schnell aufgebrochen zu sein in ein Dasein jenseits der studentischen Ungebundenheit. Das hier war ihr Haus, im Garten spielte ihr Sohn, und im Bad hörte ihr Mann endlich auf zu duschen und brauchte danach erfahrungsgemäß keine Minute mehr, bis er durch den Flur ins Schlafzimmer gehuscht kam. Es war schnell gegangen nach der Uni. Sie hatte ein Kind bekommen, als ihre Kommilitoninnen begannen zu arbeiten, ihre eigenen Tanzstudios aufmachten oder saisonweise in Ferienclubs jobbten und mit den Animateuren schliefen. Während der Schwangerschaft hatte sie sich abgehängt gefühlt, abgekoppelt vom Leben, gefesselt an ihren aufgeblähten Bauch und das Haus mit dem Garten voller Bauschutt. Die anderthalb Jahre nach der Geburt waren wie im Flug vergangen, und was man gemeinhin Mutterglück nannte, hatte vor allem in permanenter Erschöpfung bestanden: das Aufstehen nachts, das Windelwechseln, das Gefühl in einem Laufrad zu stecken, das sich immer einen Tick zu schnell drehte und sie ins Straucheln brachte. Wenn Jürgen aus dem Büro kam, lehnte sie sich stumm an seine Schulter und bewunderte ihn für seine Gelassenheit, über die sie sich insgeheim auch ein wenig ärgerte.

Und dann — natürlich hatte es nichts mit Grenzgang zu tun, wie Jürgen hartnäckig behauptete, sondern damit, dass Daniel nachts durchschlief und zwei oder drei Mal in der Woche Frau Richter für einen Vormittag vorbeikam und ihr die Hausarbeit abnahm. Jedenfalls schien Dreißig ihr plötzlich das perfekte Alter zu sein. Sie hielt sich nicht mehr mit dem Zählen von Schwangerschaftsstreifen auf, sondern freute sich, dass diese Prüfung hinter ihr lag, wahrte ohne Anstrengung ihr Idealgewicht und hatte erst kürzlich zugegeben, Anita habe doch Recht gehabt mit ihrem von jeher gepredigten Mantra: Mit dreißig erreichst du den Gipfel deiner sexuellen Genussfähigkeit.

Dann hörte sie endlich Schritte im Flur und fühlte sich für einen Moment verlegen, weil sie immer noch splitternackt im Schlafzimmer stand, den BH offen über den Schultern.

Er hatte sich nicht abgetrocknet, nur ein Handtuch um seine Hüfte geschlungen, und ging etwas breitarmiger als sonst, etwas flacher atmend, den Waschbrettrillen auf seinem Bauch zuliebe.

«Hilfst du mir?«Sie wandte ihm den Rücken zu und hielt die Haare mit einer Hand zusammen, als trüge sie ein Abendkleid, das sie ihn bat zuzuziehen. Albern, er lachte zu Recht, sagte aber nichts, sondern trat hinter sie in einer Wolke aus Duschbad und Feuchtigkeit. Ein leichtes Klopfen der Erwartung mischte sich in das Kribbeln ihrer Haut. Der BH fiel auf ihre Zehen. Ein Wassertropfen rann aus seinem Haar über ihre Schulter, gleichzeitig kühl und warm.

«Meine Mutter wird gleich rufen, weil Daniel Hunger kriegt. «Sie sprach in ihre aufkeimende Lust hinein, verträumt und ohne Überzeugung. Drehte den Kopf hin und her, weil da seine Schulter war, ein paar Bartstoppeln, duschkühle Haut. Ihre Hände tasteten langsam über das Handtuch, dorthin, wo es sich zum Zelt zu formen begann.

«Steht alles auf dem Tisch. Unten. «Zwischen Tisch und unten leckte seine Zunge über ihr Ohrläppchen, dann standen sie einen Moment vollkommen still. Ihre Brustwarzen zwischen seinen Fingerkuppen, nicht länger wund und Teil der Funktionalität des Muttertiers, sondern die Lustspender von früher, etwas dunkler geworden, größer und umso leichter zu handhaben. Sie hielt die Augen weit offen, sah in den Garten hinaus und über die Dächer des Ortes. Auch die Luft stand still, draußen.

In seiner Umarmung drehte sie sich um, nahm ihm das Handtuch ab und sagte:

«Legen wir uns doch hin.«

Noch einmal erklang Lachen im Garten, dann war ihr Gesicht zu nah an seinem Atem, um anderes zu hören. Zahncreme und Bier, scharf und herb, sie fuhr mit der Zunge hinein und wieder heraus, seinen stoppeligen Hals hinab und begann Wassertropfen aus seinen Brusthaaren zu saugen. Musste ein Lachen unterdrücken. Vielleicht hatte sie auf dem Frühstücksplatz doch eins zu viel getrunken. Sex zwischen Eheleuten war schließlich das Normalste von der Welt, aber genau genommen war es das überhaupt nicht, sondern ein kompliziertes Spiel aus Lust und Gegenlust. Sie hätte ihn gerne gefragt, was er darüber dachte, gerade in diesem Augenblick und mehr, um ihn ein bisschen zu foppen, stattdessen verrieb sie mit der Daumenspitze einen Glückstropfen und nahm seinen Schwanz in den Mund. Seit Neuestem stutzte er sein Schamhaar; eine Maßnahme, die ihr im Ergebnis angenehm, aber in der Motivation unklar war, jedenfalls solange sie darin keine Aufforderung sehen wollte, es ihm gleichzutun. Sie mochte das Gefühl der nackten, festen Kugel in ihrer Hand, in der zwei kleinere Kugeln sich träge bewegten. Sie kauerte sich zusammen, legte ein Ohr auf seine Lenden, hielt ihn nur mit den Lippen fest und freute sich über die glückliche Position seines Schienbeins.

Ihre Gedanken hingen am seidenen Fäden jetzt, baumelten gegeneinander wie die Fische des Mobiles über Daniels Kinderbett. Fragezeichen lösten sich auf, und nur eine leise Verwunderung begleitete den sich auf ihrer Zunge entfaltenden Geschmack, das Salzig-Glitschige, das sie mit schnellen Bewegungen aus der Falte um seine Eichel kitzelte. Die Verwunderung galt diesem Anschein von Normalität, hinter dem ein Feld von Möglichkeiten lag, eine Art doppelter, aber löchriger Boden, über den man nur deshalb so problemlos hinweggehen konnte, weil man ihn nicht sah. Sie selbst sah ihn ja auch nicht, es war nur eine Ahnung, die sie von früher kannte und die nun zurückkehrte, sozusagen aus dem Exil des Glücks.

Davon abgesehen hätte sie nicht sagen können, was anders war als sonst. Seine Hände fuhren durch ihr Haar, berührten sie an den Schultern und schienen bedeuten zu wollen, dass er bereit war für den Hauptgang. Und erst als sie seinem sanften Drängen nachgab und ihre Zunge seinen Bauchnabel erreicht hatte, stellte sie fest, dass ihre Lust sich in Erstaunen aufgelöst hatte. Über nichts. Zurück blieb das Bedürfnis, sich neben ihn zu legen und ihm zu sagen, dass Grenzgang in Daniels Sprache ›Gegang‹ hieß. Die drei Tage Revue passieren zu lassen, nicht um ihn zu foppen diesmal, sie hätte sich gerne ihrer Lust hingegeben, aber die war weg. Der Drang zu lachen verschwand aus Kerstins Kehle, als hätte sie ihn runtergeschluckt.

Ein ungeduldiges Zucken ging durch Jürgens Körper. Wie eine pummelige Antenne stieß sein Penis gegen ihren Bauch. Mechanisch richtete sie sich auf und spreizte die Beine, mit den Augen auf der Suche nach seinem von Lust verschleierten Blick.