«Ich fürchte …«, setzte sie leise an, und im selben Moment erklang von unten die Stimme ihrer Mutter:
«Kerstin!«
Sein Blick begegnete ihr kurz, zog sich gleich wieder hinter geschlossene Augen und ein Kopfschütteln zurück.
«Warum jetzt?«
«Sie findet das Geschirr nicht.«
«In der Spülmaschine.«
«Eben. «Ihre Hand glitt noch einmal seinen Oberkörper hinab, in dem vergeblichen Versuch, sich zwar flink, aber nicht abrupt von ihm zu lösen.
«In der Spülmaschine«, wiederholte er.
«Du musst es nicht mir sagen, ich muss es ihr sagen. «Sie stand bereits neben dem Bett, griff nach ihrem Bademantel und war mit zwei schnellen Schritten bei der Tür. Ohne auf Jürgens resigniertes Stöhnen zu reagieren, schlüpfte sie hinaus, gleichzeitig schuldbewusst und erleichtert und mit dem Bedürfnis, sich den Mund auszuspülen.
«Ja?«, rief sie die Treppe hinab.
«Was soll Daniel essen?«
«Was er jeden Abend isst.«
«Nämlich?«
«Brot mit Schmierkäse oder Fleischwurst oder Mortadella oder was sonst im Kühlschrank ist. Neuerdings mag er Salatgurken, wenn man sie ihm schält.«
Das Gesicht ihrer Mutter erschien am Fuß der Treppe.
«Wo bleibst du?«
«Ich bin gleich unten. Ich hab geduscht.«
«Sein Tellerchen steht nicht im Schrank.«
Kerstin zog sich Richtung Bad zurück, bevor sie mit den Augen rollte. Mon Dieu, mon Dieu, sein Tellerchen ist weg. Kam ihre Mutter aus einer Generation, in der die Vorstellung, Eheleute könnten am helllichten Tag miteinander ins Bett gehen, einfach keinen Platz hatte? Sie wusch sich Hände und Gesicht, spülte den Mund aus und vermied es, noch einmal im Schlafzimmer vorbeizuschauen, bevor sie im Bademantel nach unten ging.
Daniel saß in seinem Stühlchen am Tisch und ließ die Bereitschaft erkennen, demnächst laut zu werden, wenn ihm kein Essen vorgesetzt wurde. Eine Handvoll Hagebutten kullerte über den Tisch. Kerstin zog sich den Bademantel fest zu und nahm ihren Sohn auf den Arm.
«Mein armer Schatz«, sie sprach nah an seinem Ohr, blies eine Haarsträhne zur Seite.»Findet deine Oma dein Tellerchen nicht?«
«Tella, wo isser?«
«In der Spülmaschine. «Und noch einmal lauter und in das hastige Öffnen und Schließen der Schranktüren hinein, das aus der Küche kam:»In der Spülmaschine, Mutter.«
«Wieso sagst du das nicht gleich? Lässt mich hier suchen wie …«Kurz darauf kam sie durch die offene Tür, mit diesen hektischen Flecken auf den Wangen, die Kerstin sich nicht erinnern konnte früher an ihr gesehen zu haben. Jedes Mal, wenn sie zu Besuch kam, zeigte sich mehr Grau in ihrem Altedamenhaarschnitt und eine merkwürdige Art von Überforderung in ihrem Verhalten: Die Angst, etwas falsch zu machen im fremden Haushalt, den Herd nicht bedienen zu können oder das Geschirr zu zerdeppern, und gleichzeitig schien sie unfähig, auch nur eine Minute reglos im Wohnzimmer zu sitzen und fernzusehen. Für Anfang sechzig war sie nicht mehr allzu gut beieinander. Seit bei Kerstins Vater Krebs diagnostiziert worden war, hatte sich das Gesicht ihrer Mutter zu einer schmalen Maske der Besorgnis gewandelt, die sie mehrmals in der Woche in die Kirche trug, ohne sich durch Hans von der Überzeugung abbringen zu lassen, dass alles zum Schlimmsten stand. Es steht nicht in unserer Macht, sagte sie störrisch, da konnte ihr Hans von den neuesten Strahlentherapien erzählen, wie er wollte.
«Danke«, sagte Kerstin,»ich mach das schon.«
«Spülmaschinen sind auch nur dazu da, dreckiges Geschirr drin stehen zu lassen, bis der Schmutz angetrocknet ist.«
«Hattet ihr einen schönen Nachmittag, ihr zwei?«Sie setzte sich hin, hielt Daniel auf ihrem Schoß und schmierte an ihm vorbei Butter und Käse auf eine Scheibe Vollkornbrot. Vor der Terrassentür lag sein Dreirad.
«Er trinkt zu wenig.«
«Wo steht sein Trinkbecher?«Sie schnitt das Brot in kleine Quadrate, während ihre Mutter zu suchen begann, und selbst noch aus der Küche konnte Kerstin ihren Atem hören, der sich immer am Rand des Keuchens hielt. Warum wurde die plötzlich so alt?» Und da müsste noch seine Serviette auf der Anrichte liegen.«
«Wo?«
«Neben der Spüle. Trockentuch geht auch.«
«Ich kann den Becher nicht finden.«
«Ich komm schon. «Sie setzte Daniel zurück in sein Stühlchen, ging in die Küche und sah den Trinkbecher signalrot auf dem Tisch stehen. Ihre Mutter wuselte vor dem Fenster hin und her.»Hab ihn schon. War der Nachmittag sehr anstrengend? Ich dachte, er hätte bis vier geschlafen.«
«Das viele Putzen ist nicht gut für meinen Rücken.«
«Das viele … Putzen?«Durch die offene Tür sah sie, wie Daniel die Wirkung der Schwerkraft auf einzelne Brotstücke untersuchte. Am liebsten wäre sie ohne ein weiteres Wort mit ihm nach draußen gegangen, hätte sich auf die Bank hinterm Haus gesetzt und das honigfarbene Licht genossen, ohne einen Gedanken an den Boden in Flur, Ess- und Wohnzimmer zu verschwenden. Sehr sauber hatte der ausgesehen bei der Rückkehr aus dem Wald. Verdächtig sauber.»Sag mir nicht, dass du den Nachmittag damit verbracht hast …«
«So wie es hier überall aussah. Will dein Mann eigentlich den ganzen Abend im Bett verbringen?«
«Mutter, hör mir zu: Ich will nicht, dass du in meinem Haus putzt. Wir sind froh, wenn du uns die paar Tage über mit Daniel hilfst und ein bisschen zur Hand gehst, aber du musst hier nicht die Putzfrau spielen.«
«Boden«, vermeldete Daniel aus dem Esszimmer.
«Ich heb’s dir gleich auf, mein Schatz. Mutter, hast du mich verstanden? Du sollst hier nicht putzen!«
«Wie man’s macht, isses verkehrt.«
«Es ist nicht deine Aufgabe.«
Sie standen hintereinander wie an der Supermarktkasse, als stünden unsichtbare Einkaufswagen zwischen ihnen. Draußen lag der Hainköppel still und verlassen. Alle Grenzgänger waren aus dem Wald zurückgekehrt und machten sich fertig für den abendlichen Besuch im Festzelt, den krönenden Abschluss der Feier. Kerstin sah auf die kräftigen Waden ihrer Mutter, die klobigen Schuhe, die sie getragen hatte, solange ihre Erinnerung zurückreichte, und deren Absätze ein hartes Geräusch machten auf dem Küchenboden in Olsberg. Langsam versickerte ihre Wut, ließ eine Kruste aus Unzufriedenheit zurück und die Frage, warum Mütter es einem immer so schwer machen müssen, die Dankbarkeit auch zu empfinden, die man ihnen schuldet.
Mit Trinkbecher und Geschirrtuch ging sie zurück ins Esszimmer. Sie hörte Schritte oben vor dem Bad und fragte sich, ob Jürgen vielleicht eigenhändig zu Ende gebracht hatte, was eine gemeinsame Unternehmung hätte werden sollen. Daniels Pulli war bereits hin, frischkäsemäßig. Dankbarkeit, die man schuldet, ohne sie zu empfinden — worin unterschied die sich von Groll und schlechtem Gewissen?
«Leg mal die Hagebutten wieder hin, Daniel, die kann man sowieso nicht essen. Ich mach dir noch ein Brot.«
«Buttenbot.«
«Käsebrot. Kä-se-brot. «Sie schmierte eine weitere Scheibe und gab dem Protest ihres Sohnes nach, der es nicht mehr duldete, dass Nahrung ihm von fremder Hand gereicht wurde. Jürgen hatte sich offenbar noch einmal unter die Dusche gestellt. Aus der Erschöpfung von der Wanderung wurde Müdigkeit, und als Daniel schließlich satt und im Gesicht über und über käseverschmiert war, stellte Kerstin fest, dass sie wenig Lust hatte auf einen Abend im Biernebel, mit Grenzgangsliedern und dem vertraulich untergehakten Schunkeln des Festzeltes. Im Wohnzimmer war ihre Mutter damit beschäftigt, Zeitschriften zu stapeln und Kissen auszuklopfen. Jürgen kam die Treppe herunter. Frisch rasiert, im weißen Hemd des Fahnenträgers.
«Du bist noch im Bademantel?«