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«Ich dachte, wir gehen zusammen«, sagte sie.

«Wenn ich mich beeile, schaff ich’s gerade noch. Kerstin, ich kann da nicht einfach wegbleiben. Morgen ist es vorbei. «Er unterzog seine Finger einem Schnuppertest. Zwang sie mit einem Lächeln dazu, entweder nachzugeben oder einen völlig unnötigen Streit vom Zaun zu brechen. Sein Zeigefinger fuhr ihren Hals hinab, machte einen Schlenker über ihre linke Brust, dann die rechte — eine Zärtlichkeit, die ihr ebenfalls unnötig erschien, wo er doch im Geist bereits zur Tür hinaus war.»Wir sehen uns später im Zelt.«

«Sagst du deinem Sohn noch Gute Nacht?«Sie sah ihm zu dabei, wie er Daniels kleine Füße gegen seine aufgeplusterten Backen hielt und die Luft mit einem lauten Furzgeräusch entweichen ließ und sich genau in dem Moment wieder abwandte, als Daniel das Spiel verstanden hatte und auf eine Wiederholung wartete.

«Also dann.«

Für den Abschied von ihr nahm er sich mehr Zeit, aber sie ignorierte seine Zungenspitze und die Hände an ihrem Rocksaum und sagte:

«Bis später. «Dann war nur noch sein Rasierwasser im Bad, und Daniel blies selbst die Backen auf, aber seine Füße rutschten ab, als er sie gegen sein Gesicht pressen wollte. So wurde, was ein lustiger Furz hätte werden sollen, zu einem lauten Seufzer.

* * *

Er steht am Fenster und hört, wie Stille sich in den Gängen des Schulgebäudes breitmacht. Seit zehn Uhr am Morgen hat die summende Betriebsamkeit des Sprechtages in den Fluren gehangen, sind Grüße getauscht und Abschiede gerufen worden, und er hat knapp drei Dutzend Eltern über die schulischen Leistungen und notwendigenfalls über die sozialen Defizite ihrer Kinder informiert. Jetzt endlich senkt sich Stille über die Schule wie ein höherer Gnadenakt. Nur noch vereinzelte, eilige Schritte hallen durch die Gänge. Klassenzimmer werden abgeschlossen. Granitzny hat Anwesenheitspflicht bis achtzehn Uhr verhängt, aber jemandem ist es gelungen, ihn davon zu überzeugen, seine eigene Sprechstunde nicht im Büro des Schulleiters, sondern im Klassenraum der siebten Klasse abzuhalten, in der Granitzny Deutsch unterrichtet, und dieser Raum geht auf den rückwärtigen Hof. Also sitzt Granitzny jetzt da hinten seine eigene Anwesenheitspflicht ab, während die Kollegen sich nach vorne aus dem Gebäude stehlen wie Internatsschüler in der Nacht: mit schnellen Schritten und eingezogenem Nacken und weil nach fünf Uhr sowieso keine Eltern mehr wissen wollen, wie ihr Nachwuchs sich im Unterricht anstellt. Nicht, wenn Deutschland gegen Argentinien spielt. Nur Weidmann hat die Arme hinter dem Rücken und beobachtet das einzige Auto, das gegen den Strom der flüchtenden Fußballfans aufs Schulgelände rollt, um hinter den Bäumen bei den Fahrradständern einzuparken.

Bergenstadt liegt im langsam sinkenden Licht, der Sonne genau gegenüber. Der Schlossberg glänzt. In den Gärten hängen Fahnen in drei Farben und verbreiten die knisternde Erotik neudeutscher Normalität. Weidmann steht ruhiger, als er sich fühlt. Zwar hat er sie nicht erkannt, aber er weiß trotzdem, wessen Auto das ist, dort unter den Bäumen. Ein Polo ohne Deutschlandfahne auf dem Dach. Wahrscheinlich hat sie sich absichtlich diese Uhrzeit ausgesucht, im Wissen, dass sie auf dem Weg durch die Schule kaum mehr jemandem begegnen wird. Er geht zum Pult, stellt ein paar Stühle an ihren Platz zurück und gießt sich den letzten Schluck Kaffee in seinen schon klebrigen Becher mit dem Schriftzug der Pennsylvania State University. Langsam lässt er den Blick über die Posterwand am gegenüberliegenden Raumende gleiten, über die Horde beklunkerter, muskelbepackter Zuhältergestalten mit den zu großen Hosen und schief sitzenden Mützen und über die Bikinihäschen mit offenen Mündern. Den Sechzehnjährigen, die das attraktiv finden, versucht er Saint-Exupéry nahezubringen. Das ist sein Job.

Mit beiden Händen flach auf dem Pult nimmt er Platz vor den leeren Tisch- und Stuhlreihen. Spürt die Feuchtigkeit seiner Fingerspitzen. Keine Schritte und keine Stimmen mehr in den Gängen, nur in seinem Kopf hört er weiterhin das vielkehlige Summen, das kein Geräusch ist, sondern der Schatten von sieben Jahren Arbeit in diesem Gebäude. Sie wartet dort unten im Auto und er hier. Entweder wird sie raufkommen oder er runtergehen. Und dann — die Parodie eines Elterngesprächs? Ein bemühtes Als ob es das letzte Wochenende nicht gegeben hätte und sie beide bei dem Wort ›Bohème‹ zuerst an das Schwabing der zwanziger Jahre denken würden? Oder wird sie ihn überraschen, all ihren Mut zusammennehmen und ihn direkt ansprechen auf die Begegnung im Club?

Ihren Exmann hat er schon gesprochen heute und dabei beständig an den vergangenen Samstagabend denken müssen, an den spitzen Schrei, die Panik in ihren Augen und die überstürzte Flucht, während er zu allem nickte, was Jürgen Bamberger zum Thema Verantwortung glaubte sagen zu müssen, auch seinem Sohn bereits gesagt hatte und der versammelten Familie Endler ebenfalls. Einstudiert wie ein Plädoyer vor Gericht. Offenbar ist er nur in die Schule gekommen, um zu vermelden, dass er seine Lektion gelernt hat, ansonsten schien er davon auszugehen, das übertrage sich dann automatisch auf die Nachkommen. Ein Gespräch im ›Du‹ von früher, das mittlerweile gezwungen klang und natürlich nichts änderte an der Tatsache, dass sie einander nie gemocht haben. Mit einem resoluten ›Schön, Jürgen!‹ ist Weidmann ihm schließlich ins Wort gefallen und hat gefragt, ob er denn auch etwas wissen wolle zu Daniels schulischen Leistungen.

Es spricht nicht für Kerstin Werner, findet er, dass sie den mal geheiratet hat.

Aber ihren Blick kann er trotzdem nicht vergessen. Obwohl ihm unwohl ist bei dem Gedanken, gesehen worden zu sein in seinem lächerlichen Aufzug, das Hemd offen über der Brust, im Plastikcharme dieses schummrigen Partykellers — am peinigendsten ist die Erinnerung an diesen Blick, mit dem Kerstin Werner aus dem unglücklichen Zufall ihrer Begegnung etwas gemacht hat, das ihr von ihm angetan wurde. Wider Willen, aber unwiderruflich. Für ihn war es ein Spiel, wenn auch ein fades nach dem ersten Handschlag mit Viktoria (den Nachnamen hat sie ihm unter dem Hinweis verheimlicht, der sei ihm wahrscheinlich ›aus anderen Zusammenhängen‹ bekannt), aber für sie war es entwürdigender Ernst. Eine gewalttätige Entblößung, als hätte ihr jemand hinterrücks die Kleider vom Leib gerissen vor einer Horde betrunkener Matrosen. Sie ist sofort Richtung Ausgang verschwunden, die Arme um den Oberkörper geschlungen, den Kopf gebeugt, und er ist immer noch überrascht, wie genau er nachempfinden kann, was sie jetzt fühlt: hässliche, nagende Scham. Ein ewiger schlechter Geschmack auf der Zunge, der vergebliche, verrücktmachende Wunsch, das Geschehene ungeschehen zu machen. Und etwas, das er alleine lindern könnte, wenn er nur den Hauch einer Ahnung hätte wie.

Weidmann nimmt die Hände hoch und sieht deren Abdruck auf der Tischplatte beim Verschwinden zu. Wie? Er hat sich das schon dort hinter der Yucca-Palme gefragt, als er Karin Preiss aus den hinteren Räumen kommen und verwirrt am Träger ihres Kleides nesteln sah. Und nachdem auch die zweite Bergenstädterin aus der Tür verschwunden war, hat er zu Viktoria nicht mehr gesagt als ›Schreib mir nicht mehr!‹ und ist ebenfalls gegangen.

Mit einem Ruck steht er auf und öffnet die Tür, aber aus dem leeren Flur glotzt ihm nur das formlose Schimmern des Deckenlichts in den Bodenkacheln entgegen. Zurück am Fenster, glaubt er die Frontpartie des Polo zwischen den Bäumen ausmachen zu können. Soll er nach draußen gehen und sie heraufbitten? Genau genommen weiß er nämlich sehr gut, wie er ihr helfen kann, und kennt in- und auswendig die Worte, die dazu nötig sind, schließlich hat er sie die ganze Woche in jeder freien Minute vor sich hin gemurmelt. Sie würden ihm auch keine Verstellung abverlangen, er versteht wirklich, was in ihr vorgeht. Das Seltsame ist: Er weiß nicht, ob er ihr gegenüber zu dieser Nicht-Verstellung fähig ist. Über Jahre hinweg hat er die Fähigkeit perfektioniert, sich nicht zu verlieben, sondern neugierig zu sein. Aufmerksam, sprungbereit und unsentimental. Ohne Stolz übrigens und mit nicht mehr Jagdinstinkt als unbedingt nötig, aber so wie alle Männer ist er davon ausgegangen, dass die Weinkellerkönigin seiner einsamen Phantasien, falls sie ihm eines Tages begegnen sollte, von der Art sein und ihn auf die Art packen würde, die das Spiel verlangt: Eine Gespielin, die ihm das süße Gift ihrer Reize einflößt und mit einem Lächeln zusieht, wie es seine Wirkung entfaltet. Eine Frau, die so ist, wie diese Viktoria glaubt zu sein. Mit anderen Worten, er hat den Reiz des Spiels gerade darin gesehen, dass es in einem eng begrenzten Feld ausgetragen wird und von der Gefahr der Übertretung durchsetzt ist. Aber diese Grenze hat er vor sich vermutet, eine sichtbare oder zumindest instinktiv wahrnehmbare Linie; so dass er, was jetzt geschehen ist, nur als Überrumpelung empfinden kann.