Warum sie? Seit einigen Tagen beobachtet er sich dabei, wie er seinem Badezimmerspiegel Fragen stellt, die nur einem Trottel einfallen.
Weil sie eine attraktive, kluge und auf ihre Weise lebenslustige Frau ist — und Antworten zu geben, für die nur ein Volltrottel sich nicht schämen würde.
All die Jahre hat er sich eingeredet, ein Spieler zu sein, und um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: die Veilchen waren Spiel, weiter nichts. Und jetzt sieht er zu, wie Kerstin Werner ihm diese Schlinge um den Hals legt, als ob er vorhätte, auf seine alten Tage zum Kleinstadt-Kantianer zu mutieren: Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit als Prinzip einer langweiligen Ehe gelten könne.
Lächerlich, ja. Aber die Frage lautet: Hat sie ihn überrumpelt oder hat er die ganze Zeit über mit demütig gesenktem Kopf dagestanden und nur auf die Schlinge gewartet?
Als es an der Tür klopft, erschrickt er nicht, sondern nickt in das leere Klassenzimmer, als stünden darin Zuschauer in Erwartung einer Darbietung. Wahrscheinlich ist sie über den hinteren Schulhof gegangen. Was immer sie von ihm will, sie geht umsichtig vor. Und er lehnt mit verschränkten Armen an der Fensterbank und sagt nicht Herein, sondern starrt stumm Richtung Tür. Schicksal ist eines dieser Worte, die sich gut denken lassen, wenn alles zu spät ist. Die dann plötzlich versöhnlich klingen, als würde jeder Abgrund in dem Moment dein Freund, da du darin verschwindest.
Granitzny steckt seinen Elefantenkopf durch den Türspalt, dreht ihn nach links und rechts, bevor er Weidmann entdeckt und sagt:
«Zwei.«
«Zwei was?«Er ist überrascht, wie ungerührt seine Stimme klingt. Nur in den Armbeugen fühlt er Schweiß durch sein Hemd sickern.
«Mohikaner. Sie und ich. Sonst ist keiner mehr da.«
«Es kam mir die ganze Zeit schon verdächtig ruhig vor.«
«Alle weg.«
«Sie sind aber, wenn ich das sagen darf, zu klug und kennen Ihre Pappenheimer zu gut, um das nicht erwartet zu haben.«
«Ein Lob aus berufenem Munde. «Granitzny kommt herein und nimmt auf einem Tisch in der ersten Reihe Platz. Die Hände stützt er neben sich ab, als fürchte er, dass andernfalls die Platte in der Mitte nachgeben könnte. Sein Gesicht lässt in der Tat keine Überraschung erkennen, sondern ein heimliches Vergnügen, als hätte er jemandem einen Streich gespielt, der das aber noch nicht weiß.
«Worauf warten Sie noch?«, fragt er.»Mögen Sie kein Fußball?«
«Das Ende schau ich mir zu Hause an.«
Dann schweigen sie einen Moment. Granitzny sieht zur Tafel, und Weidmann glaubt zwischen den Blättern der Bäume einen Ellbogen im Seitenfenster des Polo zu sehen, aber sicher ist er sich nicht. Auch nicht, ob er hofft oder fürchtet, ihr beim Verlassen des Gebäudes zu begegnen. Vorerst ist er nicht unfroh über die Gesellschaft des Schulleiters, der wie ein gelangweiltes Kind auf dem Tisch sitzt und die Backen hängen lässt. Seine Waden sind zu massiv, als dass man die Bewegung seiner Beine als baumeln bezeichnen könnte.
«Ende des nächsten Schuljahres brauchen wir einen neuen Stellvertretenden Schulleiter.«
«Und?«
«Und — Interesse?«
«Nein.«
«Hab ich mir gedacht. «Granitzny nimmt ein Exemplar des Petit Prince in die Hand, das ein Schüler unter dem Pult vergessen hat. Zum ersten Mal, soweit er sich erinnern kann, empfindet Weidmann nicht nur den Gesichtsausdruck, sondern die gesamte Körperhaltung des Rektors als Abbild einer seltsam profunden, über alle Trostversuche erhabenen Traurigkeit.»On ne sait jamais oder so ähnlich sagt der Kerl hier immer, richtig?«
«Ich habe wirklich kein Interesse an dem Amt.«
«Und das Fußballspiel? Ich hab einen Fernseher in mein Büro gestellt.«
«Sie interessieren sich für Fußball?«
«Nein. Aber diese WM ist ein gesellschaftliches Ereignis, ein nationaler Grenzgang sozusagen. Man interessiert sich nicht dafür, man ist einfach dabei.«
«Verstehe.«
Granitznys Blick folgt ihm, als er zum Pult geht und beginnt, seine Sachen zusammenzupacken.
«Haben Sie in Ihrem Büro auch was zu trinken?«
«Cognac.«
Er denkt an Kerstin Werner unten im Auto und hat das dringende Bedürfnis, sich der stummen Aufforderung, die von ihrer Anwesenheit ausgeht, zu widersetzen. Es ist kein Spiel diesmal, und es lässt sich auch nicht zu einem machen, aber das heißt nicht, dass er aufhören sollte, überlegt und selbstbestimmt zu handeln. Man kann auch ein Nicht-Spiel verlieren. Und dieser selbstlosen Zärtlichkeit, mit der er seit einer Woche an sie denkt, einfach nachzugeben erscheint ihm einen luziden Moment lang als der direkte Weg in etwas, woraus er schnell mit einem Gefühl tiefer Reue erwachen wird.
«Warum verbringen Sie eigentlich Ihr halbes Leben in der Schule?«, fragt er.»Ich rede jetzt nicht von der Arbeit, sondern von all den Wochenenden und dem Liegestuhl in Ihrem Büro und dem Cognac und …«
«Warum verbringen Sie Ihr halbes Leben in Bergenstadt?«, fällt Granitzny ihm ins Wort, nicht schneidend, sondern so bedächtig, als wische er eine dumme Schülerzeichnung von der Tafel, ohne sich um das Gekritzel zu scheren.
Weidmann nickt. Es tut immer gut zu spüren, wenn der eigene Unwille, sich und sein Leben zu erklären, auf Gegenseitigkeit beruht. Er lässt den letzten Stoß Notizen in seiner Schultasche verschwinden; die Ledertasche, die Konstanze ihm zur Promotion geschenkt hat.
«Ist es denn guter Cognac?«
«Es ist das, was man hier in der Gegend bekommt. Reicht Ihnen das?«
«Unbedingt«, sagt er und nimmt die Tasche unter den Arm. Der Trageriemen ist vor drei oder vier Jahren gerissen und seitdem nimmt er sich vor, ihn erneuern zu lassen, obwohl er genau weiß, dass er nicht an der Tasche, sondern an ihrer Kaputtheit hängt.»Alles andere wäre viel zu viel.«
* * *
Es ist das erste Mal, dass sie ein Fußballspiel im Auto hört. Mit dem Blick über die Lahnwiesen, in denen die Luft flimmert und die Pappeln am Fluss aussehen lässt wie Palmen, die ein Verdurstender in der Wüste sieht: nicht im Boden verwurzelt, sondern in die flüssige Luft gemalt, in entfernungsloser Distanz. Argentinien ist der erwartet schwere Gegner.»Die Gauchos«, sagt der Reporter, und Kerstin stellt sich finstere Männer in langen Umhängen vor, denen beim Laufen der Revolver gegen die Schenkel schlägt. Ein unsichtbares Publikum hat sich in ihrem Auto breitgemacht, stöhnt, singt, hält die Luft an und lässt sie mit einem Schrei der Enttäuschung oder Erleichterung wieder entweichen. Mitte der ersten Halbzeit muss sie die Fenster an beiden Seiten herunterlassen, um Anflüge von Klaustrophobie zu vermeiden. Siebzigtausend sitzen» im weiten Rund des Olympiastadions «und sehen ohnmächtig dem Kampf der Götter zu. Freud und Leid, Freund und Feind, Himmel und Hölle, alles dicht gedrängt und nur durch Sekunden voneinander geschieden. Am bemerkenswertesten erscheint ihr, dass es einen Schiedsrichter gibt, der dieses schicksalsträchtige Ringen mittels einer Trillerpfeife lenkt. Jedes Mal, wenn der schneidende Pfiff ertönt, erwartet sie gleich darauf einen Schuss zu hören und den Reporter mit lakonischer Stimme sagen: Geschieht ihm recht, was mischt er sich ein.