«Warum kannst du nicht einfach akzeptieren, dass ich jetzt ein anderes Leben führe? Da hinten steht mein Mann. Warum soll ich so tun, als hätte ich Spaß dran, mit Frauen rumzumachen. «Da war ein Zittern in ihrer Stimme, ein Tremolo aus Wut und Enttäuschung.
«Kerstin, bitte, ich mach doch nur … Lass uns tanzen, dummes Ding.«
«Spaß, ja. Toller Spaß!«
Dann tanzten sie, Kerstin führte, und Anita tat zwischendurch so, als würde sie den Kopf zur Seite legen und die Lippen öffnen. Es war Spaß, und Kerstin hasste es, hasste die ganze beschissene Tanzerei in diesem stinkenden Zelt voller Bauern! Aus so einem Kaff kam sie, und in so einem Kaff war sie wieder gelandet, während Anita sich durch die Kölner Betten bumste und zum Grenzgang für drei Tage vorbeischneite, um ihrer besten Freundin klarzumachen, dass sie eine verklemmte Heftzwecke war. Sie hatte das Gefühl, über den Takt der Musik zu stolpern wie über Löcher im Boden. Die Menge der Feiernden wurde zu einem kreiselnden Panorama, sie blickte über Anitas Schulter hinweg und spürte deren Blick auf ihrem Gesicht, eine Beobachtung genauso unangenehm wie vorher das Lesbengetue.
«Ich weiß, was du denkst«, sagte sie.
«Nämlich?«
«Was ist bloß aus der guten, alten Kerstin geworden.«
«Ich mach mir Sorgen um dich. Bist du glücklich mit ihm?«
«Ob du’s dir vorstellen kannst oder nicht. Er hat sich noch nie über eine Schwäche von mir lustig gemacht, nie versucht, mich zu einer anderen Person zu machen, sich mir gegenüber herablassend verhalten. Nie! Weißt du, wie wohltuend das ist?«
«Aber nicht dasselbe wie Liebe.«
«Mach dir Sorgen um dich selbst, Anita. Werd erwachsen.«
«Ich hatte meine erste Abtreibung neulich.«
«Du hattest …!«
«Tanz weiter, verdammt noch mal!«Anita hatte ihre Verruchtheit abgelegt wie einen Umhang gegen die Kälte, ließ sich führen im Walzertakt und ansonsten nicht erkennen, was in ihr vorging. Kerstin wurde schwindlig. Um sie herum tanzten auf einmal viel mehr Paare als zuvor, sie musste aufpassen auf ausscherende Ellbogen und Hinterteile. Die Kapelle spielte den Grenzgangswalzer, und das ganze Zelt sang mit:
Wenn der Grenzgang rausmarschiert …
«Wann war das?«, fragte Kerstin so leise wie möglich inmitten des Lärms.
«Frühjahr.«
… von dem Oberst stolz geführt …
«Warum hast du nie was gesagt?«Merkwürdigerweise drehten sie sich leichter jetzt, Anita und sie, schwebten endlich über die Dielen, wie es sich für einen Walzer gehörte.
… wenn der Mohr sich in den Straßen mit dem Säääbel präsentiert …
«Du hättest mir abgeraten, stimmt’s? Und das wollte ich nicht. Du hättest mich angeguckt so wie jetzt: Arme Anita. Und das wollte ich ebenfalls nicht.«
«Wer war denn der … Kann man ›Vater‹ sagen?«
«Nein, kann man nicht. Ist auch nicht wichtig.«
… Und die Musiiik setzt ein, was kann denn schöööner sein … Der Gesang wurde immer dröhnender, steigerte sich zum Finale, klang laut und dumpf und ohne Nachhall zwischen den feuchtglänzenden Planen des Festzeltes.
«Und jetzt?«
«Nichts jetzt. Ein kurzer Eingriff, das Leben geht weiter. Ich bin erwachsen, Kerstin, ich bin bloß anders als du.«
… als ein Grenzgang in dem schöhönen Waldverein. Jaaawoll. Das Zelt brach in Jubel aus, auch die Tänzer applaudierten mit erhobenen Armen, blickten zur Kapelle und riefen nach mehr. Inmitten der Menge schienen sie beide alleine zu sein, nur Rücken um sich herum, und diesmal war es Anita, die den Schritt machte und Kerstin zu sich heranzog. Deren Gegenwehr hatte sich erschöpft in dem Versuch, kein unwillkommenes Mitleid zu zeigen. Wie ein Mann legte Anita ihr die Hand in den Nacken. Aller Augen waren anderswohin gerichtet, niemand sah, wie ihre Lippen sich trafen. Für eine Sekunde. Auf falsche Weise zart, und auf zarte Weise falsch. Sie spürte Anitas Brust unter ihren Händen, als sie sich aus der Umarmung befreite.
«Hast du jetzt bekommen, was du wolltest?«
«Ich fürchte, es hat niemand gesehen.«
Ein beleibter Kapellmeister trat ans Mikrofon, knallte gekonnt mit seinen Hosenträgern und verkündete, dass in fünf Minuten das große Feuerwerk beginne. Noch einmal brandete Jubel auf, alles wurde bejubelt jetzt. Grenzgang Marsch! Wetten, dass sie die Einzige war, die sich gegen das Bild eines kaulquappengroßen Wesens wehren musste, das in einem Plastiksauger verschwand?
Bewegung setzte ein, ein Zug zu den Ausgängen.
«Ich geh mal zu meinem Mann«, sagte Kerstin.
«Bist du mir böse?«
«Keine Ahnung. Hattest du wirklich die Abtreibung oder war das nur einer von deinen Scherzen?«
«Kein Scherz. Und ich wollte es dir auch sagen damals. Wir zwei sind wie ein altes Ehepaar, findest du nicht? Müssen dauernd kämpfen, aber irgendwie lieben wir uns doch noch.«
«Für heute reicht’s mir erst mal.«
Anita nickte, nestelte an einer Zigarettenpackung.
«Du hast da Lippenstift. Sorry.«
Die Tänzer verließen die Tanzfläche, und die Musiker packten ihre Instrumente zusammen. Aus der Traube, die sich vor der Treppe bildete, traf Kerstin der Blick von Karin Preiss, deren Gesicht rötlich glänzte vor Anstrengung und die kurz ihren ausgestreckten Zeigefinger hob und in Kerstins Richtung schüttelte, als wolle sie sagen: Na, na, so was gibt’s hier aber nicht. Dann verschwand sie die Treppe hinab.
Zusammen mit den anderen Rheinsträßlern sah Kerstin ihren Mann Richtung Ausgang gehen. Dann und wann blickte er sich suchend um, aber sie war zu weit entfernt. Eine profunde Erschöpfung meldete sich zurück in ihren Beinen. Nichts ergab einen Sinn an diesem Tag. Gefühle, Eindrücke und Gedanken waberten ineinander, und eine vage Hoffnung zog sich in das Schneckenhaus zurück, aus dem sie hervorgekrochen war. Außer ihr stand niemand mehr auf der Tanzfläche. Sie blickte auf die einzelnen Grüppchen, die zu betrunken oder zu sehr mit sich selbst beschäftigt waren, um sich für das Feuerwerk zu interessieren. Zwei Teenager knutschten hemmungslos auf einer Bank. Der Kapellmeister legte zwei Finger an seinen federgeschmückten Hut, als er an Kerstin vorbeiging Richtung Ausgang. Aus der Gruppe der Musiker begegneten ihr freundliche Blicke.
«Na, i moag ka Raket’n«, sagte jemand.
Mit einem vielstimmigen Oohh explodierte über Bergenstadt der erste Leuchtkörper. Das Zelt kam ihr plötzlich dämmrig vor. Mitarbeiter der Gastwirtschaft, die den Ausschank betrieb, sammelten leere Gläser ein und wischten Scherben zusammen zwischen den in Unordnung geratenen Garnituren. Sie hatte Lust, nach draußen zu gehen, aber wie sollte sie in einer zehntausendköpfigen Menge ihren Mann finden?
Ein tiefes Grollen zerriss die Stille, Raketen schrillten in immer schnellerer Folge in den Himmel, dessen Leuchten sie hinter der Zeltplane zu erkennen glaubte. Vor sieben Jahren, während des Feuerwerks, hatte sie zum ersten Mal ihren Mann geküsst. Genau genommen umgekehrt, und da sie seither kein Feuerwerk erlebt hatte, brachten die Geräusche von draußen die Erinnerung so unvermittelt zurück, als hätte ihr Leben in der Zwischenzeit keine grundlegende Wandlung durchgemacht. Ein Kuss. Manchmal ein Blick gen Himmel aus den Augenwinkeln, während die Lippen einfach weitermachten. Wie viele Männer hatte sie so geküsst? Vielleicht ein Dutzend, die ersten Versuche beim Flaschendrehen nicht gerechnet. Und worauf wollte sie mit dieser Rechnung hinaus?