Выбрать главу

Vor allem hat er Durst. Vom Marktplatz her ertönen Jubel und Hupen, ein Autokorso scheint sich zu formieren. Offenbar müssen alle Ausdrucksformen der Freude, die jemals im Fernsehen zu sehen gewesen sind, irgendwann auch in Bergenstadt ausprobiert werden. Gesetze scheinen am Werk zu sein in der Art, wie Leute plötzlich diese Weltmeisterschaft nicht feiern, sondern sich ihr hingeben, als wäre der freie Wille eine Erfindung, die der Welt noch bevorsteht. Aber welche Gesetze das sind, wer sie aufgestellt hat und welche Mechanismen ihre Einhaltung gewährleisten, wüsste Weidmann nicht zu sagen. Er geht über die Fußgängerbrücke und kann anhand des Hupens die Route des Autokorsos verfolgen. Merkwürdige Gleichförmigkeit jedenfalls, die sich einstellt, wenn man den Leuten sagt: Macht, was ihr wollt.

Richtung Ortsausgang sind ebenfalls ein paar motorisierte Fahnenschwinger unterwegs. Weidmann geht den Kornacker entlang, überlegt ihn weiter hoch zu laufen und an Kerstin Werners Tür zu klingeln, und wird vom Durst in die Grünberger Straße getrieben. In seiner Wohnung erwarten ihn Stille und die abgestandene Wärme eines Sommertages. Mit einem Glas Wasser steht er auf dem Balkon und sieht zu, wie die Fahne auf dem Schlossturm vom Schatten erreicht wird. Mauersegler flitzen über die Dachgiebel. Dann duscht er, brät sich Nudeln in der Pfanne, isst sie im Stehen und kehrt mit einem Bier auf den Balkon zurück — und mit dieser masochistischen Entschlossenheit, die man braucht, um entgegen innerer Neigung still zu sitzen und gar nichts zu tun. Er hat ein Hemd an, das man als Ausgehhemd bezeichnen könnte, aber er streckt die nackten Füße auf den zweiten Stuhl und trinkt in langsamen Schlucken. Aus Schneiders Küche weht ihm der Geruch gebratenen Fleisches entgegen. Der schönste Abend des Jahres, klimatisch. Im Park um das alte Landratsamt stehen riesige Kastanien, knorrige alte Bäume, hinter denen das verwitterte Ockergelb des Gebäudes verschwindet. Auf dem Balkon unter ihm wird der Tisch gedeckt, Herr Schneider sagt» Lass lieber noch zwei Minuten «und dann auf die nicht zu verstehende Entgegnung seiner Frau:»Ja du, aber ich nicht.«

Wird sie oder wird sie nicht bei ihm klingeln? Und will er oder will er nicht, dass sie es tut?

Sind Sie mutig, hat diese Viktoria ihn gefragt, und er glaubt die Frage jetzt mit hinreichender Sicherheit verneinen zu können. Jedes Mal, wenn er ein Auto in die Grünberger Straße einbiegen hört, hält er die Luft an und atmet erst wieder aus, wenn das Geräusch sich entfernt hat. Mutig wäre, sie anzurufen und zu fragen, ob die Veilchen ihr gefallen haben. Stattdessen geht er noch einmal hinein und stellt eine Flasche Weißwein kalt. Man kann nie wissen, man kann nur abwarten und bereit sein.

Um sich abzulenken, denkt er über Granitznys Angebot nach: Stellvertretender Schulleiter des Städtischen Gymnasiums Bergenstadt. A 15, knapp viertausend Euro netto. Er hat schon einen sechsstelligen Betrag angespart in den letzten Jahren, ohne sich je darüber klar zu werden, was er einmal mit dem Geld machen will. Hat auch keine rentableren Anlagemethoden in Betracht gezogen als das gute alte Sparbuch. Aktien sind ihm zu aufwendig, ihm fehlt die Geduld oder was auch immer man braucht, um sich über Kursentwicklungen und Gewinnprognosen Gedanken zu machen. Obwohl er schon lange keiner mehr ist, hat er den realitätsfremden Stolz des Geisteswissenschaftlers nie abgelegt. Ist entschlossen, nicht bis zur Wertschätzung des Materiellen zu sinken, aber an den Tatsachen ändert das nichts: Ein Haus in Frankreich, eine Wohnung in Berlin, finanziell wird ihm das alles möglich sein nach der Pensionierung. Fragt sich bloß, in welchem Zustand er sich in achtzehn Jahren befinden wird. ›Eingehen‹, hat Granitzny gesagt, und so weit weg von der Wirklichkeit war das gar nicht. Andererseits: Ob fünfzehn Jahre oder achtzehn Jahre, welchen Unterschied macht das? Er fühlt sich nicht müde, nur leer. Was man gemeinhin ›finanzielle Vorteile‹ nennt, hat für ihn keine Bedeutung. Was einmal Bedeutung gehabt hat, ist aus seinem Leben verschwunden, und dann ist es in Sackgassen auch nicht sonderlich wichtig, wie schnell man vorankommt. Soll lieber einer den Posten übernehmen, dessen Kinder studieren. Jemand mit Perspektiven, wie man so sagt, und einem noch nicht angekränkelten Begriff von Zukunft. Nicht er.

Erst als es klingelt, erinnert er sich ein Auto gehört zu haben. Beim Aufstehen merkt er, dass Cognac und Bier ihm stärker zugesetzt haben, als ihm bewusst war. Er ist angetrunken, und je nachdem, was Kerstin Werner von ihm will, trifft sich das vielleicht ganz gut.

«Dritter Stock«, sagt er in die Gegensprechanlage. Im Flurspiegel steht ihm ein Mann gegenüber, der sich nicht in die Karten gucken lässt. Eine unbestimmte Bereitschaft ist alles, was sein Gesichtsausdruck verrät, und eine Frau müsste selbst entscheiden, ob sie sich davon alarmieren oder beruhigen lassen will. Ein pragmatisches Zähnefletschen — keine Essensreste. Er öffnet die Tür.

Die Schritte verharren kurz im zweiten Stock, aber im Vorbeugen erkennt er sie an der Hand auf dem Treppengeländer; oder erkennt sie nicht, aber verliert den letzten Rest Ungewissheit. Dann tritt er wieder zurück und sucht innerlich nach dem richtigen Ton für seinen Einsatz. Guten Abend, lautet die erste Zeile. Kein Grund für Extravaganzen hier.

Von unten rechts kommt sie ins Bild, und eigentlich wollte er den Moment bemerken, in dem sie bemerkt, bemerkt zu werden, aber ihr Aufzug bringt alles durcheinander: Im schwarzen ärmellosen Kleid kommt sie um die letzte Windung der Treppe. Ihr Blick streift die Wand entlang, bis sie ihm direkt entgegensteigt, dann erst richten ihre Augen sich nach oben. Es ist Kerstin Werner und doch nicht die Frau, die er erwartet hat. Nicht die jedenfalls, die er aus dem Bohème hat flüchten sehen. Keine Verantwortung für ihr Unglück lädt der Blick ihm auf, mit dem sie ihr» Guten Abend «untermalt.

Er sagt nur» Ja«, als hätte sie ihm eine Frage gestellt.

Das Kleid betont ihre schlanke Gestalt und lässt gleichzeitig ihre Hüften erkennen, aber ihr Gesicht ist ungeschminkt, und ihre Haare hat sie nicht erst vor sehr kurzer Zeit gewaschen. Ein teurer Duft weht ihm entgegen, aber geschwitzt hat sie auch. Die Handtasche hält sie sich mit zwei Händen vor den Unterleib wie eine Kirchgängerin das Gesangbuch. Und in seinem Hinterkopf fehlen plötzlich ein paar Puzzleteile.

«Muss ich mich an Ihnen vorbeikämpfen, oder werden Sie mich reinlassen?«, fragt sie.

«Bitte. «Er tritt zurück in den Flur.

Sie ist die erste Frau — in dieser gewissen Kategorie von Frau, zu der weder die Spendensammlerinnen des Müttergenesungswerks noch seine Tante Anni gehören —, die seine Wohnung betritt. So gesehen ein historischer Augenblick. Jahre her, dass er sich zuletzt gefragt hat, welchen Eindruck seine Wohnung auf eine Besucherin macht.

«Wenn es Ihnen nicht zu kühl ist«, sagt er,»setzen wir uns auf den Balkon.«

«Ich würde gerne kurz Ihr Bad benutzen.«

Er deutet auf die Tür und genießt das kurze Déjà-vu ihres wippenden Ganges, den er damals am Festplatz bewundert hat. Dann geht er in die Küche, um den Weißwein aus dem Kühlschrank zu nehmen. Eine Frau in seiner Wohnung — einen Moment lang kommt es ihm vor, als wäre damit alles besiegelt. Wahrscheinlich packt sie gerade den Inhalt ihrer Handtasche auf seine Ablage über dem Waschbecken. Ein bisschen abgekämpft hat sie ausgesehen, wohl weil sie zu Hause gründlich sauber gemacht und weiße Laken über die Möbel gehängt hat. Soll er schon mal eine zweite Bettdecke beziehen?

Es sind absurde Gedanken, mit denen er seine eigene Nervosität bekämpft, aber einen Moment lang tun sie ihre Wirkung. Er hält zwei Weingläser gegen das Küchenlicht und poliert an den Rändern noch mal nach. Im Bad rauscht mehr Wasser, als zum Händewaschen erforderlich ist. Freitagabend, das war früher eine Zeit, als eine gewisse Erwartungshaltung zur Grundausstattung gehörte. Da schien es immer möglich, am Samstagmorgen zwar etwas älter, aber nicht mehr ganz der Alte zu sein. Man trifft jemanden und verliebt sich einfach mal. Und jetzt? Vielleicht hat er sich in den letzten Jahren zu sehr an die Entwöhnung gewöhnt, sei es aus Altersgründen oder weil die Provinz eben keine Wundertüte ist, aus der plötzlich schöne Frauen steigen. Aber die einzige Mittvierzigerin in ganz Bergenstadt, die so ein Kleid tragen kann, hat es gerade in sein Bad getragen. Für den Anfang nicht schlecht. Himmel, denkt er plötzlich, das wäre sogar als Ende noch passabel.