„Der Dramboner da drüben“, fügte der Teamleiter ein, „hat die verletzte Kelgianerin angegriffen.“
„Und?“ fragte O’Mara.
„Hat sie sofort geheilt“, antwortete Edwards süffisant.
Daß es O’Mara die Sprache verschlug, kam nicht oft vor. Conway trat zur Seite, um es der Kelgianerin, die jetzt keine Verletzte mehr war, zu ermöglichen, auf die zahlreichen Beine zu kommen. Er erklärte: „Der drambonische SRJH ist das einem Arzt ähnlichste Wesen, das wir auf dem Planeten gefunden haben. Er stellt eine blutegelartige Lebensform dar, die ihren Beruf praktiziert, indem sie dem Patienten das Blut entzieht und von allen Infektionen und giftigen Substanzen reinigt, bevor sie es in den Körper des Patienten zurückleitet. Sie heilt auch einfache physische Schäden. Angesichts einer schweren Krankheit oder Verwundung reagiert sie instinktiv. Als eben die verletzte Kelgianerin plötzlich auftauchte, wollte der SRJH helfen. Die Schwester hat an einer Vergiftung gelitten, die durch die toxische Substanz in der Umweltbedingung des hudlarischen Operationssaals hervorgerufen worden war und die die Wunde infiziert hat. Für den Dramboner war das allerdings ein ganz einfacher Fall.
Doch wird nicht das gesamte entzogene Blut wieder zurückgeleitet“, fuhr Conway fort. „Wir konnten allerdings noch nicht nachweisen, ob es für das Wesen physiologisch unmöglich ist, das ganze Blut zurückzuleiten, oder ob es ein paar Deziliter als Bezahlung für geleistete Dienste behält, sozusagen als Blutzoll.“
Die Kelgianerin stieß ein tiefes Hupen aus, das wie ein moduliertes Nebelhorn klang. Der Ton wurde als „Mir soll’s recht sein“ übersetzt.
Die kelgianische Raupe entfernte sich, dann folgten ihr die beiden bewaffneten Korpsmitglieder. Mit einem verdutzten Blick auf den Dramboner winkte der Teamleiter seine Männer auf ihre Posten zurück, und für einen Moment trat Stille ein.
Schließlich sagte O’Mara: „Sobald Sie Ihre beiden Besucher untergebracht haben und wenn keine physiologischen Gründe dagegen sprechen, schlage ich vor, daß wir uns in drei Stunden in meinem Büro treffen, um die Angelegenheit genauer zu besprechen.“
O’Maras Stimme hatte bedrohlich mild geklungen. Vielleicht wäre es keine schlechte Idee, für das Treffen mit dem Chefpsychologen nicht nur medizinische, sondern auch moralische Unterstützung mitzubringen, sagte sich Conway.
Conway hatte nicht nur seinen empathischen Freund Prilicla gebeten, an dem Treffen teilzunehmen, sondern auch die Monitoroffiziere Colonel Skempton und Major Edwards, Dr. Mannon, die beiden Dramboner, Thornnastor, den leitenden Diagnostiker der Pathologie, und zwei Ärzte von Hudlar und Melf, die zur Zeit Lehrgänge am Hospital absolvierten. Es dauerte mehrere Minuten, bis sie alle O’Maras gewaltiges Vorzimmer betreten hatten — einen Raum, der normalerweise nur von dem Berater des Majors besetzt war, und in dem mehr als zwanzig Möbelstücke standen, die für die ETs geeignet waren, mit denen O’Mara beruflichen Kontakt hatte. Zu diesem Anlaß war es der Chefpsychologe selbst, der am Schreibtisch seines Assistenten saß und mit sichtlich beherrschter Ungeduld darauf wartete, daß sich endlich alle in die Möbel setzten, legten oder auf sonstige Art Platz nahmen.
Als sie das getan hatten, sagte O’Mara ruhig: „Seit der hochdramatischen Phase, mit der Ihre Ankunft eingeläutet wurde, hab ich es nachgeholt, die letzten Berichte über den Fleischkloß zu lesen. Und alles zu wissen heißt, alles zu verzeihen — natürlich außer Ihrer Anwesenheit hier, Conway. Sie sollten doch erst in frühestens drei.“
„Drambo, Sir“, unterbrach Conway ihn. „Wir benutzen jetzt den Klang des einheimischen Worts für den Fleischkloß.“
„Das gefällt uns besser“, schloß sich Surreshuns Translatorstimme an. „Fleischkloß ist kein treffender Name für einen Planeten, der nur von einer relativ dünnen Schicht tierischen Lebens bedeckt ist. Und auch nicht für einen Planeten, den wir für den schönsten der Galaxis halten, obwohl wir bisher noch keine Gelegenheit hatten, einen der anderen zu besuchen. Außerdem verrät mir Ihr Translator, daß es dem Namen „Fleischkloß“ an Genauigkeit, Ehrfurcht und Respekt fehlt. Doch selbst die fortgesetzte Verwendung Ihres Namens für unseren herrlichen Planeten wird mich nicht ärgern. Mein Verständnis für das oftmals oberflächliche Denken, mit dem sich Ihre Spezies abgibt, ist dafür zu groß, und ich hab ein zu starkes Mitleid mit diesen geistigen Mängeln, um mich zu ärgern oder auch nur aufzuregen.“
„Sie sind zu liebenswürdig“, entgegnete O’Mara.
„Das kommt auch noch hinzu“, bestätigte Surreshun.
„Der Grund, weshalb ich zurückgekehrt bin“, sagte Conway hastig, „ist einfach der, Hilfe zu holen. Ich hab beim Problem mit dem Planeten Drambo einfach keinerlei Fortschritte erzielen können, und das hat mir Kopfzerbrechen bereitet.“
„Sich den Kopf zu zerbrechen ist eine besonders unnütze Tätigkeit“, erwiderte O’Mara trocken. „Natürlich nicht, wenn Sie es laut und in Gesellschaft tun. Aha, jetzt verstehe ich auch, warum Sie das halbe Hospital mitgebracht haben.“
Conway nickte und fuhr fort: „Der Planet benötigt dringend medizinische Hilfe, aber das Problem unterscheidet sich gänzlich von den Schwierigkeiten, auf die wir bislang auf Planeten oder in Kolonien von Terrestriern oder ETs gestoßen sind. Normalerweise muß man einfach die Krankheiten untersuchen und bestimmen, die angezeigten Medikamente einführen und vorschlagen, wie man sie am wirkungsvollsten verteilt, um sie dann durch ortsansässige Ärzte und Einrichtungen verabreichen zu lassen. Auf Drambo ist alles ganz anders. Es geht nicht darum zu versuchen, eine große Anzahl von Individuen zu untersuchen und Diagnosen zu erstellen, sondern dort haben wir es mit relativ wenigen, dafür aber wirklich sehr, sehr großen Patienten zu tun.
Der Grund dafür ist, daß Surreshuns Spezies innerhalb der letzten paar Jahre gelernt hat, wie man Atomenergie freisetzt“, fuhr Conway fort und fügte dann hinzu: „Natürlich explosiv, wobei große Mengen radioaktiven Mülls anfallen. Sein Volk ist sehr.“ — er stockte und versuchte, ein diplomatisches Wort für „gedankenlos“ oder „auf kriminelle Weise dumm“ oder „selbstmörderisch“ zu finden, hatte damit aber keinen Erfolg — „…stolz auf die neugewonnene Fähigkeit, große Flächen dieser Schichtkreaturen zu töten und die flachen Meeresstellen um diese lebenden Küsten herum für die stetig wachsende Bevölkerung sicher zu machen.
Aber in oder unter diesen Schichtkreaturen lebt noch eine andere intelligente Spezies, die vielleicht die Kontrolle über diese Schichtkreaturen hat und deren Land um sie herum buchstäblich abzusterben droht“, setzte Conway seine Erklärungen fort. „Diese Wesen haben das Werkzeug hergestellt, das an Bord der Descartes gekommen ist. Nach dem Gerät zu urteilen, muß es sich um eine hochentwickelte Kultur handeln, von der wir aber noch immer nichts wissen.
Als uns klar wurde, daß Surreshuns Mitwesen nicht die Werkzeughersteller waren, haben wir uns gefragt, wo sie am wahrscheinlichsten zu finden sein würden. Die Antwort lautete, in den Gebieten, wo ihr lebendes Land Angriffen ausgesetzt war“, fuhr Conway fort. „In diesen Verhältnissen erwartete ich, auch auf ihre Ärzte zu stoßen, und bin dabei tatsächlich auf unseren durchsichtigen Freund hier gestoßen. Er hat mir auf seine etwas verwirrende Weise das Leben gerettet, und ich bin davon überzeugt, daß er das drambonische Gegenstück eines Arztes ist. Leider scheint er nicht in der Lage zu sein, auf irgendeine mir verständliche Weise zu kommunizieren. Und wenn man die Tatsache im Auge behält, daß man seine Innereien ohne Röntgenstrahlen direkt sehen kann, scheint er auch keine lokalisierbare Gruppe von Ganglienzellen zu besitzen oder überhaupt irgend etwas, das einem Gehirn gleicht.
Wir brauchen dringend die Hilfe seiner Spezies“, fügte Conway ernst hinzu, „und das ist auch der Grund, warum wir ihn hierhergebracht haben, damit nämlich ein Experte in ET-Kommunikation vielleicht dort Erfolg hat, wo die Erstkontaktspezialisten des Monitorschiffs und ich gescheitert sind.“