»Gefällt das den Männern?« fragte Art wißbegierig.
Ariadne lachte über seine Miene. »Es gibt nichts, um Männer glücklicher zu machen als glückliche Frauen. So sagen wir.« Und sie warf Art einen Blick zu, der ihn über die Bank zu ihr hinzuziehen schien.
»Das finde ich sinnvoll«, sagte Art.
»Wir alle teilen uns die Arbeit — Verlängerung der Tunnelsegmente, Landwirtschaft, Kindererziehung, alles was getan werden muß. Jede und jeder versucht, nicht nur in seiner Spezialisierung tüchtig zu sein. Das ist eine Sitte, die, wie ich meine, von den Ersten Hundert stammt und von den Sabishiiern.«
Art nickte. »Und wie viele seid ihr hier?«
»Derzeit etwa viertausend.«
Art stieß überrascht einen Pfiff aus.
An diesem Nachmittag wurden sie im Tunnel durch einige Kilometer ausgebauter Segmente geführt, viele davon bewaldet und alle mit einem großen Fluß, der den Tunnelboden herunterströmte und sich in einigen Segmenten zu großen Teichen verbreiterte. Als Ariadne sie wieder zu der ersten Kammer zurückbrachte, die den Namen Zakros trug, erschienen fast tausend Personen zu einem Essen im Freien im größten Park. Nirgal und Art gingen umher, sprachen mit den Leuten und genossen ein schlichtes Mahl aus Brot, Salat und gebratenem Fisch. Die Menschen hier schienen der Idee eines Untergrundkongresses zugänglich zu sein. Sie hatten vor Jahren etwas Ähnliches versucht, aber damals nicht viel Anklang gefunden — sie hatten Listen der Zufluchtsstätten in der Region. Jetzt sagte eine der älteren Frauen mit Autorität, daß sie gern dabei Gastgeber sein würden, da sie genügend Platz hatten, um eine große Zahl an Gästen zu beherbergen und zu betreuen.
»Oh, das wäre wundervoll!« sagte Art mit einem Blick auf Ariadne.
Später stimmte auch Nadia zu und sagte: »Das wäre sehr hilfreich. Viele Leute werden sich der Idee einer Zusammenkunft widersetzen, weil sie argwöhnen, die Ersten Hundert würden versuchen, die Leitung des Untergrundes zu übernehmen. Wenn die Veranstaltung aber hier abgehalten wird und die Bogdanovisten dahinter stehen … «
Als Jackie hinzukam und von dem Anerbieten hörte, drückte sie Art an sich. »Oh, es wird stattfinden! Und das ist genau das, was John Boone gemacht hätte. Es ist wie das Meeting, das er auf Olympus Mons einberufen hat.«
Sie verließen Dorsa Brevia und wandten sich auf der Ostseite des Hellasbeckens wieder nach Norden. Während der Nächte dieser Fahrt holte Jackie oft John Boones KI Pauline hervor, den sie studiert und katalogisiert hatte. Sie spielte Ausschnitte seiner Gedanken über einen unabhängigen Staat ab. Diese waren ungeordnet und weitschweifig — Überlegungen eines Mannes mit mehr Enthusiasmus (und Omegendorph) als analytischer Begabung. Aber manchmal schlüpfte er in eine Rolle und improvisierte in der Art seiner berühmten Reden. Und das konnte faszinierend sein. Er hatte ein Geschick für freie Assoziationen, durch die seine Ideen wie eine logische Folge klangen, auch wenn sie es nicht waren.
»Schaut, wie oft er über die Schweizer spricht!« sagte Jackie. Sie klang wie John, stellte Nirgal plötzlich fest. Sie hatte lange ausgiebig mit Pauline gearbeitet, und ihr Verhalten war davon beeinflußt. Johns Stimme, Mayas Wesen — auf solche Weise trugen sie die Vergangenheit mit sich. »Wir müssen uns vergewissern, daß einige Schweizer an dem Kongreß teilnehmen.«
»Wir haben Jürgen und die Gruppe bei Overhangs«, sagte Nadia.
»Aber die sind doch nicht wirklich so schweizerisch?«
»Man wird sie fragen müssen«, sagte Nadia. »Aber wenn du an Schweizer Beamte denkst, so gibt es davon eine Menge in Burroughs; und die haben uns hier geholfen, ohne uns überhaupt nur etwas davon zu sagen. Etwa fünfzig von uns haben jetzt schweizerische Pässe. Sie bilden einen großen Teil der Demimonde.«
»Wie bei Praxis«, warf Art ein.
»Ja ja. Jedenfalls werden wir mit der Gruppe in Overhangs sprechen. Die dürften Kontakte mit den Schweizern an der Oberfläche haben, dessen bin ich sicher.«
Nordöstlich des Vulkans Hadriaca Patera besuchten sie eine Stadt, die von Sufis gegründet worden war. Die Originalstruktur war in die Seite einer Canyonklippe eingebaut in einer Art von Mesa Verde HighTech. Eine dünne Reihe von Gebäuden, die an der Stelle eingefügt waren, wo der imposante Überhang der Klippe zurückzuweichen und sich auf den Boden des Canyons hinabzusenken begann. Steile Treppen in Gehrohren verliefen von dem unteren Hang zu einer kleinen Betongarage; und um diese herum war eine Anzahl von Blasenkuppeln und Gewächshäusern entstanden. In diesen Kuppeln lebten Leute, die bei den Sufis studieren wollten. Einige kamen von den Zufluchtsstätten, einige aus den Städten des Nordens. Viele waren Eingeborene, aber es gab auch manche, die neu von der Erde angekommen waren. Zusammen hofften sie, den ganzen Canyon zu überdachen mit Verwendung von Material, das für das neue Kabel entwickelt worden war, um eine enorme Verbreitung von Kuppelmaterial zu fördern.
Nadia wurde sofort bei den Diskussionen der Konstruktionsprobleme, die bei einem solchen Projekt auftreten würden, hinzugezogen, die, wie sie ihnen vergnügt sagte, mannigfach und streng sein würden. Ironischerweise machte die dicker werdende Atmosphäre alle Kuppelprojekte schwieriger, weil die Kuppeln nicht mehr durch den Luftdruck unter ihnen so weit aufgeblasen werden konnten wie früher. Und obwohl die extrem zugfesten und außerordentlich belastbaren neuen Karbonverbindungen mehr als genug leisten würden, wären Ankerpunkte, die solche Gewichte halten könnten, fast unmöglich zu finden. Aber die Ingenieure vor Ort waren zuversichtlich, daß leichtere Zeltstoffe und neue Verankerungsverfahren helfen könnten; und die Wände des Canyons, so sagten sie, wären solide. Sie befanden sich im oberen Bereich von Reull Vallis, und alte Minierungen waren in sehr hartes Material eingedrungen. Gute Ankerpunkte könnte es überall geben.
Es wurde kein Versuch gemacht, irgendeine dieser Aktivitäten vor Satellitenbeobachtung zu verheimlichen. Die runde Mesawohnstätte der Sufis in Margaritifer und deren Hauptsiedlung im Süden, Rumi, waren ebenso unverborgen. Dennoch waren sie nie irgendwie von irgendwem belästigt noch von der Übergangsbehörde kontaktiert worden. Deshalb dachte einer ihrer Anführer, ein kleiner schwarzer Mann namens Dhu el-Nun, daß die Angst des Untergrundes übertrieben wäre. Nadia widersprach höflich. Als Nirgal sie in die Enge trieb, sah sie ihn fest an. »Sie jagen die Ersten Hundert.«
Sie dachten darüber nach, während die Sufis sie durch die Treppenrohre zu ihrer Klippenwohnung hinaufführten. Sie waren schon vor der Morgendämmerung angekommen, und Dhu hatte die Besucher alle nach oben auf die Klippe zu einem Willkommensfrühstück eingeladen. Also folgten sie den Sufis und setzten sich an einem großen Tisch in einem langen Raum nieder, dessen Außenwand ein durchgehendes großes Fenster mit Blick auf den Canyon war. Die Sufis waren weiß gekleidet, während die Leute aus den Kuppeln im Canyon gewöhnliche Jumper trugen, meistens rostfarben. Die Menschen gössen sich gegenseitig Wasser ein und plauderten beim Essen. »Ihr seid auf unserer tariqat«, sagte Dhu el-Nun zu Nirgal. Er erklärte, daß dies der geistige Weg eines Menschen sei, sein Pfad zur Realität. Nirgal nickte, betroffen durch die Gelungenheit der Definition. Sie war genau, wie ihm das Leben immer vorgekommen war. »Du mußt dich glücklich fühlen«, erwiderte Dhu. »Du mußt achtgeben.«