Nach einer Mahlzeit aus Brot, Erdbeeren und Yoghurt und schlammig dickem Kaffee wurden die Tische und Stühle weggeräumt, und die Sufis tanzten eine sema oder Wirbeltanz. Sie psalmodierten und sangen zur Musik eines Harfenisten und einiger Trommler und dem Gesang der Canyonbewohner. Wenn die Tänzer an ihren Gästen vorbeikamen, legten sie ihre Handflächen ganz sanft an die Wangen der Gäste. Die Berührungen waren so leicht wie das Vorbeistreifen eines Flügels. Nirgal schaute zu Art in der Erwartung, daß er genau solche Stielaugen machen würde wie gewöhnlich bei den mannigfachen Phänomenen des Lebens auf dem Mars; aber der lächelte vielsagend und schlug Zeigefinger und Daumen zusammen im Rhythmus des Taktes und sang mit den anderen. Und am Ende des Tanzes trat er vor und rezitierte etwas in einer Fremdsprache, woraufhin die Sufis lächelten und ihm danach laut applaudierten.
»Einige meiner Lehrer in Teheran waren Sufis«, erklärte er Nirgal, Nadia und Jackie. »Sie bildeten einen großen Teil von dem, was man die persische Renaissance nennt.«
»Und was hast du rezitiert?« fragte Nirgal.
»Ein persisches Gedicht von Jalaluddin Rumi, dem Meister der tanzenden Derwische. Ich habe die Übersetzung nie sehr gut gelernt:
›Ich starb als Mineral und wurde Pflanze Starb als Pflanze und gewann fühlende Form Starb als Tier und kleidete mich als Mensch — Bis durch mein Sterben ich immer weiter schwand …‹
Ach, ich kann mich an den Rest nicht erinnern. Aber manche dieser alten Sufis waren gute Ingenieure.«
»Es wäre gut, wenn sie das hier wären«, sagte Nadia und deutete mit einem Kopfnicken auf die Leute, mit denen sie über die Überkuppelung des Canyons gesprochen hatte.
Auf jeden Fall zeigten sich die Sufis hier sehr begeistert hinsichtlich der Idee eines Untergrundkongresses. Wie sie erklärten, war ihre Religion synkretistisch. Sie hatte manche Elemente nicht nur aus den mannigfachen Typen und Nationalitäten des Islams entlehnt, sondern auch von den älteren asiatischen Religionen, denen der Islam begegnet war, und auch von neueren wie den Baha’i. Hier würde man etwas ähnlich Flexibleres brauchen, sagten sie. Inzwischen hatte sich ihre Konzeption des Gebens schon im ganzen Untergrund als einflußreich erwiesen, und einige ihrer Theoretiker arbeiteten mit Vlad und Marina über Öko-Ökonomie. Als der Morgen verstrich und sie auf den spätwinterlichen Aufgang der Sonne warteten und über den dunklen Canyon nach Osten schauten, machten sie sehr rasch einige praktische Vorschläge bezüglich des Treffens. Dhu sagte ihnen: »Ihr solltet so bald wie möglich zu den Beduinen und den anderen Arabern gehen. Die möchten in der Liste der Befragten nicht untenan stehen.«
Dann erhellte sich der Osthimmel sehr langsam von dunklem Pflaumenblau zu Lavendel. Die gegenüberliegende Klippe war niedriger als die, auf der sie standen. Darum konnten sie über das dunkle Plateau einige Kilometer weit nach Osten blicken zu einer niedrigen Hügelkette, die den Horizont bildete. Die I;" Sufis deuteten auf den Spalt in den Hügeln, wo die Sonne aufsteigen würde. Einige begannen wieder zu psalmodieren. »In Elysium gibt es eine Gruppe Sufis, die unsere Wurzeln im Mithraismus und Zoroastrismus zurück erforschen«, berichtete Dhu. »Manche sagen, es gäbe jetzt Mithraisten auf dem Mars, die Ahura Mazda, die Sonne, verehren. Sie halten die Soletta für religiöse Kunst wie ein Glasfenster in einer Kathedrale.«
Als der Himmel intensiv rosa war, sammelten sich die Sufis um ihre vier Gäste und schoben sie sanft in eine Anordnung vor den Fenstern: Nirgal dicht bei Jackie, Nadia und Art hinter ihnen. »Heute seid ihr unser buntes Glas«, sagte Dhu ruhig. Hände erhoben Nirgals Unterarm, bis er den von Jackie berührte und er ihn ergriff. Sie wechselten einen raschen Blick und schauten dann nach vorn auf die Berge am Horizont. Art und Nadia hielten sich ebenso an den Händen, und ihre freien Hände wurden auf Nirgals und Jackies Schultern gelegt. Das Psalmodieren um sie herum wurde lauter. Der Chor der Stimmen intonierte Worte in Farsi. Die langen wohltönenden Vokale zogen sich endlose Minuten lang hin.
Und dann durchstieß die Sonne den Horizont, und die Fontäne aus Licht explodierte über dem Land, strömte in das weite Fenster und über sie, so daß sie blinzeln mußten und ihre Augen tränten. Durch Soletta und die dicker werdende Atmosphäre war die Sonne sichtlich größer als in der Vergangenheit, bronzefarben, zusammengedrückt und durch die verschiedenen Inversionsschichten schimmernd. Jackie drückte fest Nirgals Hand, und er schaute sich impulsiv um. Auf der weißen Wand bildeten alle ihre Schatten eine Art zusammenhängender Tapete, schwarz auf weiß. Und bei der Intensität des Lichts war das ihren Schatten am nächste Weiß am hellsten von allem, nur leicht getönt durch die Farben des Regenbogens, der sie alle umfing.
Als sie aufbrachen, folgten sie dem Rat der Sufis und nahmen das Lyell-Mohole als Ziel, eines der vier auf 70° südlicher Breite liegenden Moholes. In diesem Gebiet hatten die Beduinen aus Westägypten einige Karawansereien eingerichtet, und Nadia war mit einem ihrer Führer bekannt. Also beschlossen sie, es zu versuchen und ihn zu finden.
Während sie fuhren, dachte Nirgal intensiv über die Sufis nach und darüber, was ihre einflußreiche Präsenz über den Untergrund und die Demimonde aussagte. Die Menschen hatten die Oberfläche aus vielen verschiedenen Gründen verlassen, und es war wichtig, das zu bedenken. Sie alle hatten alles aufgegeben und ihr Leben riskiert. Aber sie hatten sehr angespannt ganz verschiedene Ziele verfolgt. Manche hofften, radikal neue Kulturen zu installieren wie in Zygote oder Dorsa Brevia oder den Sanktuarien der Bogdanovisten. Andere wie die Sufis wollten an alten Kulturen festhalten, die sie in der globalen Ordnung der Erde bedroht sahen. Jetzt waren alle diese Teile des Widerstandes im Bergland des Südens verstreut, vermischt, aber dennoch getrennt. Es gab keinen offensichtlichen Grund, warum sie sich eine Vereinigung wünschen sollten. Viele von ihnen hatten sich speziell darum bemüht, von herrschenden Mächten loszukommen — Transnationalen, dem Westen, Amerika, dem Kapitalismus —, allen Machtsystemen mit Totalitätsanspruch. Gerade von zentralen Systemen hatten sie weite Distanz gewinnen wollen. Das eröffnete schlechte Aussichten für Arts Plan; und als Nirgal diese Besorgnis äußerte, stimmte ihm Nadia zu. »Ihr seid Amerikaner, das ist für uns die Schwierigkeit.« Art machte große Augen. Aber dann fuhr Nadia fort: »Nun, Amerika gilt auch als Schmelztiegel. Darum konnten Menschen von überall her kommen und ein Teil von ihm werden. So war die Theorie. Es gibt für uns da manches zu lernen.«
»Das Ergebnis, zu dem Boone schließlich kam, war, daß es nicht möglich ist, eine Marskultur ganz von vorn zu erfinden«, sagte Jackie. »Er sagte, sie sollte eine Mischung des Besten von jedem sein, der hierhergekommen ist. Das ist der Unterschied zwischen BooneAnhängern und Bogdanovisten.«
»Ja«, sagte Nadia stirnrunzelnd. »Aber ich denke, wir sind beide im Unrecht. Ich glaube nicht, daß wir sie von Anfang an erfinden können; und ich denke nicht, daß es ein Gemisch geben wird. Zumindest nicht auf lange Zeit. In der Zwischenzeit wird es eine Menge koexistierender verschiedener Kulturen geben, meine ich. Aber ob so etwas möglich ist…« Sie zuckte die Achseln.
Die Probleme, denen man sich stellen mußte, gewannen Gestalt bei ihrem Besuch in der Karawanserei der Beduinen. Diese Beduinen beuteten die Gegend weit südlich zwischen den Kratern Dana und Lyell, den Sisyphi Cavi und Dorsa Argentea bergmännisch aus. Sie fuhren umher in mobilen Abbaugerüsten in der Art, wie sie auf der Großen Böschung entwickelt worden und jetzt allgemein üblich waren. Sie brachten Lagerstätten an der Oberfläche ein und zogen dann weiter. Die Karawanserei war bloß eine kleine Kuppel, die wie eine Oase an Ort und Stelle gelassen wurde, um in Notfällen benutzt zu werden oder wenn sie sich ausruhen wollten.