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Nahe einem ihrer verborgenen Grabentunnels war eine kleine Kolonie von Polynesiern, die in einem kurzen Lavatunnel lebten, dessen Boden sie mit Wasser und drei Inseln versehen hatten. Der Graben war auf seiner Südseite hoch mit Eis und Schnee bedeckt. Aber die Polynesier, von denen die meisten von der Insel Vanuatu stammten, hielten das Innere ihres Asyls bei gemütlichen Temperaturen; und Nirgal fand die Luft so heiß und feucht, daß sie schwer zu atmen war, selbst wenn man bloß auf einer Sandbank saß zwischen einem schwarzen Teich und einer Reihe geneigter Palmen. Gewiß, so dachte er, als er sich umschaute, konnte man die Polynesier zu denen rechnen, welche eine Kultur zu schaffen suchten, die einige Aspekte ihrer archaischen Vorfahren verwirklichte. Es zeigte sich auch, daß sie sich mit primitiven Regierungsformen überall in der Geschichte der Erde beschäftigt hatten. Sie waren begeistert über die Idee, das, was sie in diesen Studien gelernt hatten, bei dem Kongreß mitzuteilen. Darum war es kein Problem, ihre Zustimmung zur Teilnahme zu erhalten.

Um die Idee des Kongresses zu feiern, hatten sie sich am Strand zu einem Fest versammelt. Art, der zwischen Jackie und einer polynesischen Schönen namens Tanna saß, strahlte entzückt, während er an einer Kokosnußschale mit Kava nippte. Nirgal lag vor ihnen ausgestreckt im Sand und hörte zu, wie Jackie und Tanna lebhaft über das sprachen, was Tanna als Eingeborenenbewegung bezeichnete. Das war, wie sie sagte, keine einfache Nostalgie zurück in die Vergangenheit, sondern vielmehr ein Versuch, neue Kulturen zu erfinden, die Aspekte früherer Zivilisationen in HighTech- Formeri des Mars integrierten. »Der Untergrund ist selbst eine Art Polynesien«, erklärte Tanna. »Kleine Inseln in einem großen Ozean aus Stein. Einige davon stehen in den Karten, andere nicht. Und eines Tages wird es ein richtiger Ozean sein, und wir werden draußen auf den Inseln sein und unter dem Himmel gedeihen.«

»Darauf trinke ich«, sagte Art und tat es. Ein Teil der archaischen polynesischen Kultur, den sie, wie Art hoffte, integrierten, war offenbar ihre berühmte sexuelle Freundlichkeit. Aber Jackie machte die Dinge auf ungeschickte Art kompliziert, indem sie sich auf Arts Arm stützte, entweder um ihn aufzureizen oder mit Tanna zu konkurrieren. Art sah glücklich, aber besorgt aus. Er hatte seine Schale mit dem verderblichen Kava ziemlich rasch geleert und schien so und zwischen den zwei Frauen in einer wonnigen Konfusion zu stecken. Nirgal hätte beinahe laut gelacht. Es schien möglich, daß auch einige andere der jungen Frauen beim Fest daran interessiert sein könnten, an der archaischen Weisheit teilzuhaben — nach ihren auf ihn gerichteten Blicken zu schließen. Andererseits könnte Jackie aufhören, Art zu reizen. Das machte nichts aus. Es dürfte eine lange Nacht werden, und der kleine Tunnelozean von Neu-Vanuatu war so warm wie die alten Bäder in Zygote. Nadia war schon da draußen und schwamm in dem flachen Wasser mit einigen Männern, die ein Viertel so alt waren wie sie. Nirgal stand auf, legte seine Kleidung ab und ging hinaus ins Wasser.

Es wurde schon so spät im Winter, daß selbst auf 80° Breite die Sonne für eine oder zwei Stunden um Mittag herauskam. Und während dieser kurzen Intervalle erglühten die dahinziehenden Nebel in pasteiloder metallfarbenen Tönen — an manchen Tagen rosa, an anderen kupfern, bronze und golden. Und stets wurden die zarten Farben von dem Reif auf dem Boden eingefangen und reflektiert, so daß es manchmal schien, als durchquerten sie eine Welt, die gänzlich aus Juwelen bestünde, aus Amethysten, Rubinen und Saphiren.

An anderen Tagen brüllte der Wind und belud den Rover mit einer Ladung Frost und verlieh der Welt ein fließendes Aussehen wie unter Wasser. In den kurzen Stunden mit Sonnenlicht arbeiteten sie daran, die Räder des Rovers freizumachen. Die Sonne sah in dem Nebel aus wie ein Fleck gelber Flechte. Einmal, nachdem ein solcher Sturm aufgehört hatte, war auch die Nebelkappe verschwunden, und das Land bildete bis zum Horizont eine malerische Vielfalt von Eisblumen. Und über dem nördlichen Horizont dieses zerklüfteten Diamantfeldes stand eine hohe schwarze Wolke, die in den Himmel aufstieg aus einer Quelle, die nicht weit hinter dem Horizont zu liegen schien.

Sie hielten an und gruben einen der kleinen Schutzräume Nadias aus. Nirgal sah zu der dunklen Wolke und dann auf die Karte. Er sagte: »Ich denke, dies könnte das Rayleigh-Mohole sein. Cojote hat dort auf der ersten Reise, die ich mit ihm gemacht habe, die Robotbagger gestartet. Ich möchte wissen, ob dabei etwas herausgekommen ist.«

»Ich habe hier in der Garage einen kleinen Erkundungsrover verstaut«, sagte Nadia. »Du kannst den nehmen und hinfahren, wenn du willst. Ich würde es auch gern tun, muß aber nach Gamete zurück. Ich soll dort übermorgen mit Ann zusammenkommen. Sie hat offenbar von dem Kongreß gehört und will mir einige Fragen stellen.«

Art drückte sein Interesse aus, Ann Clayborne kennenzulernen. Er war von einem Video beeindruckt, das er von ihr auf seinem Flug zum Mars gesehen hatte. »Es wäre so, als träfe man Jeremiah.«

»Ich werde mit dir kommen«, sagte Jackie zu Nirgal.

So verabredeten sie, sich in Gamete zu treffen, und Art und Nadia setzten sich in dem großen Rover dorthin in Marsch, während Nirgal und Jackie in Nadias Aufklärer losfuhren. Die hohe Wolke stand immer noch vor ihnen über der Eislandschaft, eine dicke Säule aus dunkelgrauen Ballen, flach gedrückt in der Stratosphäre, zu verschiedenen Zeiten in verschiedene Richtungen. Als sie näher kamen, erschien es immer sicherer, daß die Wolke aus dem schweigenden Planeten aufstieg. Und als sie an die Kante einer Bodenwelle kamen, sahen sie, daß das Land in der Entfernung frei von Eis war. Der Boden war so steinig wie im Hochsommer, aber dunkler — ein fast rein schwarzer Fels, der aus langen orangefarbenen Rissen in seiner kissenartig geblähten Oberfläche Rauch ausstieß. Und genau hinter dem Horizont, der sechs Kilometer entfernt war, wälzte sich die schwarze Wolke empor wie ein Mohole, das zur Nova geworden war. Der heiße Gasrauch explodierte nach außen und flatterte rasch in die Höhe.

Jackie fuhr ihren Wagen auf den Gipfel der höchsten Erhebung in der Gegend. Vor dort konnte sie bis zur Quelle der Wolke sehen; und es war genau so, wie Nirgal im ersten Moment vermutet hatte, als er sie erblickte. Das Rayleigh-Mohole war jetzt ein niedriger Hügel, schwarz bis auf seine orangefarbenen Risse. Die Wolke strömte aus einem Loch in diesem Hügel aus. Der Rauch war dunkel, dicht und trübe. Eine Zunge aus nacktem schwarzem Fels erstreckte sich bergab gen Süden, in ihrer Richtung, und dann nach rechts zur Seite.

Während sie im Wagen saßen und stumm hinsahen, kippte ein großer Teil des niedrigen schwarzen Hügels über dem Mohole zur Seite und brach ab, und flüssiges orangefarbenes Gestein ergoß sich, gelbe Funken sprühend, schnell zwischen die schwarzen Brocken. Das intensive Gelb wurde rasch orange und dann noch dunkler.

Danach bewegte sich nur noch die Rauchwolke. Über dem Ventilator und Motorgeräusch konnten sie einen dröhnenden Basso continuo hören, interpunktiert durch laute Explosionen, die zeitlich zu plötzlichen Raucheruptionen aus dem Schlot paßten. Der Wagen vibrierte leicht auf seinen Stoßdämpfern.