Er straffte die Lippen und konzentrierte sich auf die Eislandschaft. Er fuhr mit einer Rücksichtslosigkeit, die ihm bisher fremd gewesen war. Die Stunden vergingen, und er bemühte sich nach Kräften, nicht an Hiroko, Nadia, Art oder Sax oder sonst einen der übrigen zu denken. Seine Familie, Nachbarn, seine Stadt und Nation — alle unter dieser einen kleinen Kuppel. Er krümmte sich über seinen verkrampften Magen und konzentrierte sich auf das Fahren, auf jeden kleinen Buckel und jedes Loch, dem er trotzen mußte in dem vergeblichen Bemühen, die Fahrt weniger holprig zu machen.
Sie mußten etwa dreihundert Kilometer im Uhrzeigersinn fahren und dann den größten Teil der Länge von Chasma Australe hinauf, wo sich der Weg im Spätwinter verengte und so von Eisblöcken versperrt war, daß es nur eine einzige Route hindurch gab, die durch schwache kleine Transponderbaken markiert war. Hier war er gezwungen langsamer zu werden. Aber unter dem dunklen Nebel konnten sie alle Stunden durchfahren. Das taten sie, bis sie die niedrige Wand erreichten, die das Asyl bezeichnete. Es waren erst vierzehn Stunden seit ihrer Abfahrt von dem Tor von Gamete vergangen — eine große Leistung bei so zerklüftetem eisigem Terrain —, aber Nirgal bemerkte das nicht einmal. Wenn das Asyl leer war …
Wenn es leer war … DieTaubheit in ihm verschwand rasch, als sie sich der niedrigen Wand am Anfang der Schlucht näherten. Kein Zeichen war zu sehen, daß irgendwer oder irgendwas da wäre. Nirgals Furcht brach wie weißes Magma aus Rissen in schwarzer Lava hervor. Sie spritzte heraus und schwappte durch ihn hindurch und wurde zu einer unerträglichen Zerreißprobe in jeder seiner Zellen …
Dann flackerte unten an der Wand ein Licht auf, und Jackie schrie »Ah!«, als hätte man sie mit einer Nadel gestochen. Nirgal beschleunigte, und der Wagen raste auf die Eiswand zu. Er hätte ihn beinahe daraufkrachen lassen. Im letzten Moment erst trat er auf die Bremse. Die großen Drahträder rutschten ganz kurz und kamen zum Stehen. Jackie stülpte ihren Helm auf und kletterte in die Schleuse. Nirgal kam nach, und nach einem quälend langsamen Druckausgleich ließen sie sich auf den Boden fallen und rannten zu der Schleusentür in einer flachen Nische des Eises. Die Tür ging auf, und zwei Gestalten in Schutzanzügen sprangen mit Gewehren in der Hand heraus. Jackie rief etwas über die allgemeine Frequenz; und binnen einer Sekunde drückten die sie an sich.
So weit, so gut, obwohl man sich vorstellen konnte, daß sie sie bloß trösteten. Nirgal war immer noch von banger Erwartung gequält, als er hinter einer Frontscheibe Nadias Gesicht erblickte. Sie machte ihm ein Zeichen mit erhobenem Daumen, und er merkte, daß er den Atem seit einer Zeit angehalten hatte, die ihm wie die ganzen letzten fünfzehn Stunden vorkam. Jackie weinte vor Erleichterung, und Nirgal fühlte sich auch dazu geneigt; aber das völlige Verschwinden der Taubheit und dann die Furcht hatten ihn bloß erschüttert und erschöpft gemacht, jenseits von Tränen.
Nadia führte ihn an der Hand in die Zufluchtsstätte, als ob sie dies verstünde. Und als die Schleuse geschlossen war und unter Druck gesetzt wurde, begann Nirgal erst die Stimmen auf der allgemeinen Frequenz zu verstehen: »Ich hatte solche Angst. Ich dachte, ihr wäret tot.«
»Wir sind aus dem Fluchttunnel gekommen, wir haben sie kommen sehen … «
Im Innern nahmen sie die Helme ab und ließen sich hundertmal umarmen. Art klopfte Nirgal auf die Schulter. »So froh, euch beide zu sehen!« Er drückte Jackie fest an sich, hielt sie dann auf Armeslänge vor sich und blickte mit Zustimmung und Bewunderung in ihr verrotztes, rotäugiges, mädchenhaftes Gesicht, als ob er gerade in diesem Moment erkennen würde, daß auch sie menschlich war und keine katzenhafte Göttin.
Während sie durch den engen Tunnel zu den Räumen des Asyls gingen, erzählte ihnen Nadia mit finsterem Gesicht die Geschichte. »Wir sahen sie kommen und zogen uns durch den Nottunnel zurück. Dann ließen wir beide Kuppeln und alle Tunnels einstürzen Damit haben wir wohl eine ganze Anzahl von ihnen getötet, aber ich weiß nicht, wie viele sie hineingeschickt hatten oder wie weit sie gekommen sind. Cojote ist draußen und beschattet sie, um zu sehen, ob er etwas sagen kann. Jedenfalls ist es geschehen.«
Am Ende des Tunnels war ein enges Asyl aus einigen kleinen Räumen mit rohen Wänden, Böden und Decken aus isolierenden Tafeln, die direkt an Hohlräume im Eis grenzten. Jedes Zimmer lag strahlenförmig um eine zentrale Kammer, die als Küche und Speisesaal diente. Jackie umarmte dort alle außer Maya bis hin zu Nirgal. Sie hielten einander fest, und Nirgal fühlte sie zittern und merkte, daß auch er selbst zitterte in einer Art von synchroner Vibration. Die schweigsame, verzweifelte und angstvolle Fahrt würde ihre Verbindung ebenso stärken wie ihr Liebesspiel am Vulkan oder noch mehr — das war schwer zu sagen. Er war zu müde, um die starken unbestimmten Emotionen, die ihn durchströmten, zu verstehen. Er machte sich von Jackie frei und setzte sich hin, plötzlich bis zu Tränen erschöpft. Hiroko saß neben ihm, und er hörte ihr zu, wie sie ausführlich erzählte, was geschehen war.
Der Angriff hatte begonnen mit dem plötzlichen Auftauchen einiger Raumflugzeuge, die sich in einer Gruppe auf die Ebene vor dem Hangar stürzten. Darum bekamen sie drinnen zunächst keine Warnung, denn die Leute im Hangar hatten mit Verwirrung reagiert. Sie telefonierten zwar nach drinnen, um die anderen zu warnen, versäumten aber, Cojotes Verteidigungssystem zu aktivieren, das sie offenbar einfach vergessen hatten. Cojote war darüber sehr empört, wie Hiroko sagte, und das konnte Nirgal sich gut vorstellen. Er sagte: »Man muß Angriffe von Luftlandetruppen gleich im ersten Ansatz stoppen.« Statt dessen hatten sich die Leute im Hangar in die Kuppel zurückgezogen. Nach einigem Durcheinander waren sie alle im Fluchttunnel beisammen, und sobald sie über den Explosionspunkt hinaus waren, hatte Hiroko befohlen, die Schweizer Verteidigung zu ergreifen und die Kuppel zum Einsturz zu bringen. Kasei und Harmakhis hatten gehorcht, und so war die ganze Kuppel heruntergekommen und hatte alle Angreifer, die sich in ihrem Innern befanden, getötet und unter Millionen Tonnen Trockeneis begraben. Strahlungsmessungen deuteten darauf hin, daß der Rickover-Reaktor nicht aufgeschmolzen war, obwohl er sicher mit allem anderen zermalmt worden war. Cojote war mit Peter durch einen Seitentunnel verschwunden aus einem eigenen Fluchtloch. Hiroko wußte nicht genau, wohin sie gegangen waren. »Aber ich denke, daß diese Raumflieger jetzt in schauerlichen Schwierigkeiten stecken.«
Also war Gamete dahin und die Hülle von Zygote auch. Irgendwann in der Zukunft würde die Polkappe durch Sublimation verschwinden und ihre plattgedrückten Überreste freigeben, dachte Nirgal zerstreut. Aber vorerst war alles begraben und völlig unzugänglich.
Und hier waren sie nun. Sie waren nur mit einigen KIs und den Schutzanzügen auf dem Rücken herausgekommen. Und jetzt waren sie im Krieg mit der Übergangsbehörde (vermutlich), mit einem Teil der Macht, die sie schon da draußen angegriffen hatte.