Zwei standen auf, umarmten sich und schwankten, bis sie das Gleichgewicht wiedergefunden hatten. Dann streckten sie ihre kleinen Tassen zu einem Toast hin.
»Nächstes Jahr auf Olympus.«
»Nächstes Jahr auf Olympus!« wiederholten die anderen und tranken.
Es war Ls 180, M-Jahr 40, als sie nacheinander in Dorsa Brevia eintrafen, einer nach dem anderen, in kleinen Wagen und Flugzeugen aus dem ganzen Süden. Eine Gruppe von Roten und Karawanenarabern kontrollierte die Ausweise der Leute im Vorfeld, und weitere Rote und Bogdanovisten waren in Bunkern rund um die Dorsa stationiert für den Fall, daß es Schwierigkeiten geben sollte. Aber die Sicherheitsexperten von Sabishii glaubten, daß man in Burroughs, Hellas oder Sheffield nichts von der Konferenz wußte. Und wenn sie erklärten weshalb, pflegten die Leute sich zu beruhigen; denn sie waren offensichtlich weit in die Räume der UNTA vorgedrungen und praktisch durch die ganze Struktur transnationaler Macht auf dem Mars. Das war ein weiterer Vorteil der Demimonde, sie konnten in beiden Richtungen agieren.
Als Nadia zusammen mit Art und Nirgal ankam, wurden sie zu ihren Gästequartieren in Zakros, dem südlichsten Segment des Tunnels, geführt. Nadia setzte ihr Gepäck in einem kleinen hölzernen Zimmer ab und spazierte durch den großen Park und dann in die weiter nördlich gelegenen Segmente. Sie fand alte Freunde und traf Fremde und fühlte sich voller Hoffnung. Es war ermutigend zu sehen, wie alle diese Leute, die so viele verschiedene Gruppen repräsentierten, in Scharen durch die grünen Parks und Pavillons strömten. Sie betrachtete die in dem Park beim Kanal sich drängenden Massen — etwa dreihundert Personen waren gerade in Sicht — und lachte.
Die Schweizer von Overhangs kamen an dem Tag an, bevor die Konferenz beginnen sollte. Man sagte, sie hätten draußen in ihren Rovern kampiert und auf das festgesetzte Datum gewartet. Mit sich brachten sie einen ganzen Schwung von Tagesordnungsentwürfen und Protokollen für die Versammlung; und als Nadia und Art hörten, wie eine Schweizerin ihre Pläne darlegte, stieß Art Nadia mit dem Ellbogen an und flüsterte: »Wir haben ein Monstrum geschaffen.«
»O nein«, flüsterte Nadia zurück. Sie blickte glücklich über den großen Zentralpark in dem von Süden aus dritten Segment des Tunnels, das Lato hieß. Das Oberlicht war ein langer bronzefarbener Spalt in dem dunklen Dach, und Morgenlicht erfüllte die große Kammer mit der Art von Photonenregen, nach dem sie sich den ganzen Winter gesehnt hatte. Braunes Licht allenthalben, die Bambusgewächse, Kiefern und Zypressen ragten über die Dächer und strahlten wie grünes Wasser. »Wir brauchen eine Struktur, oder es würde nur eine allgemeine Ungebundenheit geben. Die Schweizer sind Form ohne Inhalt, wenn du verstehst, was ich meine.«
Art nickte. Er war sehr schnell und manchmal schwer zu verstehen; denn er nahm vier oder fünf Stufen auf einmal und nahm an, daß sie ihm gefolgt wäre. »Überrede sie einfach dazu, daß sie mit den Anarchisten Kava trinken!« brummte er und begann, eine Runde um die Versammlung zu machen.
Und als an diesem Abend Nadia mit Maya durch Gournia zu einer Reihe von Küchen unter freiem Himmel an der Kanalseite ging, kam sie an Art vorbei und sah, daß er genau das tat. Er schleppte Mikhail und einige andere Bogdanovisten hinüber zu einem Tisch mit Schweizern, wo Jurgen, Max, Sibilla und Priska fröhlich mit einer Gruppe, die um sie herum stand, schwatzten. Ihre Stimmen klangen in diversen Sprachen wie aus dem Computer und zeigten stets den flotten kehligen Schweizer Akzent. »Art ist ein Optimist«, sagte Nadia zu Maya, während sie weitergingen.
»Art ist ein Idiot«, erwiderte Maya.
Inzwischen waren in dem langen Sanktuarium etwa fünfhundert Besucher, die ungefähr fünfzig Gruppen repräsentierten. Der Kongreß sollte am nächsten Morgen beginnen. Darum war in dieser Nacht die Geselligkeit laut, von Zakros bis Falasana. Der Zeitrutsch wurde mit Gebrüll und Gesang ausgefüllt. Arabisches Geheul harmonisierte mit Jodlern, und die Strophen von ›Waltzing Matilda« bildeten eine Gegenstimme zur Marseillaise.
Nadia stand am nächsten Morgen früh auf. Sie fand Art schon draußen beim Pavillon im Zakrospark, wie er Stühle in klassischem bogdanovistischem Stil kreisförmig anordnete. Nadia empfand einen Stich von Schmerz und Bedauern, als ob Arkadys Geist durch sie gewandelt wäre. Ihm hätte dieses Meeting gefallen. Es war genau das, wozu er oft aufgerufen hatte. Sie ging, um Art zu helfen. »Du bist früh auf.«
»Ich bin aufgewacht und konnte nicht wieder einschlafen.« Er hatte eine Rasur nötig. »Ich bin nervös!«
Sie lachte. »Dies wird Wochen dauern, Art. Das weißt du.«
»Ja, aber die Anfänge sind wichtig.«
Um zehn Uhr waren alle Stühle besetzt, und der Pavillon dahinter war von stehenden Beobachtern gedrängt voll. Nadia stand hinter dem Zygote-Sektor des Kreises und sah interessiert zu. Es schienen etwas mehr Männer als Frauen präsent zu sein und etwas mehr Eingeborene als Emigranten. Die meisten Leute trugen übliche einteilige Jumper — die der Roten waren rostfarben —, aber auch viele farbige zeremonielle Gewänder waren zu sehen: Roben, Kleider, Pantalons, Anzüge, bestickte Hemden, freie Brust, eine Menge Halsbänder, Ohrringe und andere Schmucksachen. Alle Bogdanovisten trugen Schmuck mit Stücken aus Phobosit, dessen schwarze Klumpen glänzten, wo sie flach geschnitten und poliert worden waren.
Die Schweizer standen im Mittelpunkt, düster in ihren grauen Bankeranzügen; Sibilla und Priska trugen dunkelgrüne Abendkleider. Sibilla eröffnete die Versammlung, und die übrigen Schweizer wechselten sich ab, während sie in quälenden Details das von ihnen ausgearbeitete Programm erläuterten. Sie machten Pausen, um Fragen zu beantworten, und baten um Bemerkungen bei jedem Rednerwechsel. Während dessen ging eine Gruppe Sufis in rein weißen Hemden und Pantalons außen rings um den Kreis herum und teilte Krüge mit Wasser und Bambusbecher aus. Sie bewegten sich mit ihrer gewohnten tänzerischen Grazie. Als alle Leute Becher hatten, gossen die Delegierten an der Front jeder Gruppe Wasser für die Schar zu ihrer Linken ein, und dann tranken sie alle. Draußen in der Menge der Zuschauer waren die Vanuatuaner an einem Tisch und schenkten kleine Tassen mit Kava, Kaffee oder Tee ein. Art teilte diese aus an solche, die es wollten. Nadia lächelte bei seinem Anblick, wie er sich durch das Gedränge schon wie ein Sufi in Zeitlupe bewegte und von den Tassen mit Kava nippte, die er verteilte.
Das Programm der Schweizer sollte mit einer Reihe von Arbeitsveranstaltungen beginnen, die in offenen Räumen durch ganz Zakros, Gournia, Lato und Malia verteilt waren. Alle würden aufgezeichnet werden. Beschlüsse, Empfehlungen und Fragen sollten als Basis für eine nachfolgende Diskussion bei einem der beiden allgemeinen laufenden Meetings dienen. Eine davon sollte sich ungefähr auf die Probleme der Erreichung von Unabhängigkeit konzentrieren und die andere auf das, was danach käme. Es ging um die Mittel und Ziele, wie Art bemerkte, als er kurz bei Nadia haltmachte.
Als die Schweizer mit der Darlegung des Programms fertig waren, waren sie bereit anzufangen. Eine zeremonielle Eröffnung war ihnen nicht in den Sinn gekommen. Werner, der als letzter sprach, erinnerte die Leute daran, daß die ersten Workshops in einer Stunde anfangen würden — und das war es dann. Sie waren fertig.
Aber ehe sich die Menge zerstreute, trat Hiroko hinter die Leute von Zygote und ging langsam in den Mittelpunkt des Kreises. Sie trug einen bambusgrünen Jumper und keinen Schmuck — eine hohe, schlichte Gestalt, weißhaarig und unbefangen. Und dennoch waren alle Augen fest auf sie gerichtet. Und als sie die Hände hob, standen alle auf, die gesessen hatten. In der folgenden Stille stockte Nadia der Atem. Sie dachte, wir sollten jetzt haltmachen. Keine Meetings. Dies hier ist gerade richtig, unsere gemeinsame Anwesenheit, unsere gemeinsame Verehrung für diese eine Person.