»Hmm«, machte Cojote und setzte sich zu Sax, um darüber zu sprechen. Das Gespräch mit Sax war zwar immer noch frustrierend, aber dank seiner Arbeit mit Michel war es möglich. Es machte Nadia glücklich zu sehen, wie Cojote sich mit ihm beriet.
Die Diskussion um sie herum ging weiter. Die Leute stritten über Revolutionstheorien; und wenn sie über 2061 selbst zu reden versuchten, waren sie behindert durch alten Groll und einen fundamentalen Mangel an Verständnis für das, was in jenen alptraumhaften Monaten geschehen war. Das wurde besonders deutlich, als Mikhail und einige frühere Insassen von Korolyov darüber zu streiten begannen, wer die Wachen ermordet hätte.
Sax stand auf und schwenkte seine KI über dem Kopf.
Er krächzte: »Brauchen Fakten zuerst. Dann die Dialyse — die Analyse.«
»Eine gute Idee«, sagte Art sofort. »Wenn diese Gruppe eine kurze Geschichte des Krieges für den Gesamtkongreß zusammenstellen kann, wäre das wirklich nützlich. Wir können uns davon die Diskussion über revolutionäre Methodik für die Generalversammlungen aufheben — okay?«
Sax nickte und setzte sich. Eine ganze Anzahl Leute verließ die Versammlung, und der Rest beruhigte sich und scharte sich um Sax und Spencer. Das waren jetzt meist Kriegsveteranen, wie Nadia bemerkte, aber da waren auch Jackie, Nirgal und einige andere Eingeborene. Nadia hatte etwas von der Arbeit gesehen, die Sax in Burroughs zur Frage von ’61 geleistet hatte, und hoffte jetzt, daß man mit Augenzeugenberichten einiger anderer Veteranen zu einem besseren grundlegenden Verständnis des Krieges und seiner letzten Ursachen kommen würde — fast ein halbes Jahrhundert, nachdem er vorbei war. Aber als sie das Art gegenüber zur Sprache brachte, sagte der, daß das ganz und gar nicht atypisch wäre. Er ging mit der Hand auf ihrer Schulter neben ihr und schien unbekümmert zu sein über all das, was er an diesem Morgen gesehen hatte bei der ersten vollen Offenlegung vor der widerspenstigen Natur des Untergrunds. Er räumte ein: »Sie stimmen vielem nicht zu. Aber das fängt immer so an.«
Spät am zweiten Nachmittag erschien Nadia in dem Workshop, der der Frage des Terraformens gewidmet war. Wie sie meinte, war das wohl die umstrittenste Frage, und die Beteiligung an dieser Arbeitssitzung brachte das zum Ausdruck. Der Raum am Rande vom Lato-Park war gedrängt voll; und vor Beginn des Meetings verlegte der Moderator es nach draußen in den Park auf den Rasen oberhalb des Kanals.
Die anwesenden Roten beharrten darauf, daß das Terraformen an sich ihren Hoffnungen zuwiderlaufe. Wenn die Marsoberfläche für Menschen lebensmöglich würde, so argumentierten sie, würde sie Land im Wert einer ganzen Erde darstellen; und angesichts der akuten Bevölkerungssituation und Umweltprobleme auf der Erde und des gegenwärtig dort im Bau befindlichen Aufzugs als Gegenstück zu dem auf dem Mars würden die Gravitationssenken überwunden, und es würde sicher eine Massenauswanderung folgen und damit jede Möglichkeit einer Unabhängigkeit des Mars entschwinden.
Leute, die für Terraformung waren, man nannte sie die Grünen oder einfach Grün, da sie keine eigene Partei waren, argumentierten, daß es mit einer für Menschen verträglichen Oberfläche möglich sein würde, überall zu leben, und daß in diesem Fall der Untergrund an der Oberfläche sein würde und sehr viel weniger durch Kontrolle oder Angriff gefährdet und damit in einer viel besseren Position, die Macht zu übernehmen.
Diese beiden Ansichten wurden in jeder möglichen Kombination und Variation erörtert. Und es waren Ann Clayborne und Sax Russell beide anwesend im Zentrum des Meetings und gaben immer häufiger Stellungnahmen ab, bis die anderen Anwesenden zu reden aufhörten, zum Schweigen gebracht durch die Autorität dieser zwei alten Antagonisten. Man sah ihnen zu, wie sie wieder zur Sache gingen.
Nadia verfolgte diese sich langsam anbahnende Kollision mit Bedauern. Sie hatte Sorge um ihre beiden Freunde. Und sie war nicht die einzige, die das Bild beunruhigend fand. Die meisten Anwesenden hatten das berühmte Videoband der Diskussion von Ann und Sax in Underhill gesehen; und deren Geschichte war sicher wohlbekannt als einer der großen Mythen der Ersten Hundert — ein Mythos aus einer Zeit, da die Dinge einfacher gewesen waren und ausgeprägte Persönlichkeiten sich für klar definierte Themen einsetzen konnten. Jetzt war nichts mehr einfach; und als sich die alten Gegner inmitten dieser neuen gemischten Gruppe Auge in Auge trafen, lag eine besondere Elektrizität in der Luft, eine Mischung aus Nostalgie, Spannung und kollektivem dejä vu und einem Wunsch (gerade in ihrem Innern, dachte Nadia bekümmert), daß diese beiden irgendwie zu einer Versöhnung finden möchten, um ihrer selbst und ihrer aller willen.
Aber da waren sie nun und standen im Zentrum der Menge. Ann hatte schon in der Welt mit ihrem Argument verloren, und das schien ihr Verhalten auszudrücken. Sie war bedrückt und fast desinteressiert. Die feurige Ann der berühmten Bänder war nirgends mehr zu sehen. Sie sagte: »Sobald die Oberfläche allgemein zugänglich ist« — sie sagte sobald, nichtfalls —, »werden hier Milliarden sein. Solange, wie wir in Schutzräumen leben müssen, wird Logistik die Bevölkerung bei Millionen halten. Und das ist die Größe, die erforderlich ist, wenn man eine erfolgreiche Revolution anstrebt.« Sie zuckte die Achseln. »Wenn ihr es wolltet, könntet ihr das heute schaffen. Unsere Zufluchtsstätten sind verborgen, die der anderen aber nicht. Brecht sie auf! Sie haben niemanden, der zurückschießt. Sie sterben, ihr übernehmt. Terraformen beseitigt diesen Einfluß.«
»Ich möchte kein Teil davon sein«, sagte Nadia prompt. Sie konnte nicht anders. »Du weißt, was es hieß, einundsechzig in den Städten zu leben.«
Auch Hiroko war da. Sie saß beobachtend im Hintergrund und sprach jetzt zum ersten Maclass="underline" »Eine auf Genozid gegründete Nation ist nicht das, was wir wollen.«
Ann zuckte die Achseln. »Du willst eine unblutige Revolution, aber das ist unmöglich.«
»O doch!« sagte Hiroko. »Eine Seidenrevolution, eine Aerogelrevolution. Ein integraler Teil der Areophanie. Das ist es, was ich will.«
»Okay«, sagte Ann. Mit Hiroko konnte niemand streiten. Das war unmöglich. »Aber selbst so wäre es leichter, wenn man eine lebensfähige Oberfläche hätte. Dieser Staatsstreich, von dem du sprichst — du solltest darüber nachdenken. Wenn du die Kraftwerke in den größeren Städten übernimmst und sagst: ›Jetzt haben wir die Macht‹, dann dürfte die Bevölkerung wohl notgedrungen zustimmen. Wenn aber Milliarden Menschen auf einer lebensfähigen Oberfläche sind und du einige Personen arbeitslos machst und erklärst, daß du die Macht hättest, dann würden die wahrscheinlich sagen: ›Die Macht worüber?‹ und dich ignorieren.«
»Dies«, sagte Sax langsam, »dies schlägt vor — übernehmen — während Oberfläche nicht lebensfähig. Dann Prozeß fortsetzen — als unabhängig.«
»Sie werden dich haben wollen«, sagte Ann. »Wenn sie die Oberfläche offen sehen, werden sie kommen und dich holen.«
»Nicht, wenn sie zusammenbrechen«, sagte Sax.
»Die Transnationalen werden von Firmen beherrscht«, sagte Ann. »Denk daran!«
Sax warf Ann einen prüfenden Blick zu, und anstatt über ihre Argumente hinwegzugehen, wie er es in den alten Debatten meist getan hatte, schien er sich im Gegenteil sehr stark darauf zu konzentrieren und beobachtete jeden ihrer Schachzüge, blinzelte, wenn er über ihre Worte nachdachte, und antwortete dann noch zögernder, als seine Sprechprobleme erklären würden. Bei seinem veränderten Gesicht hatte Nadia manchmal den Eindruck, als ob diesmal jemand anders diskutierte — nicht Sax, sondern ein Bruder von ihm, ein Tanzlehrer oder früherer Boxer mit einer gebrochenen Nase und einer Sprachbehinderung, der sich geduldig bemühte, die richtigen Worte zu finden und dabei oft Fehler machte.