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Es gab mannigfache Meinungsverschiedenheiten unter den dortigen Gruppen, wie sie ihnen sagte; aber einige waren fundamental. Es gab solche für und solche gegen revolutionäre Gewalt. Es gab solche, die in den Untergrund gegangen waren, um an bedrohten Kulturen festzuhalten, und solche, die verschwunden waren, um radikal neue soziale Ordnungen zu schaffen. Und es schien Nadia auch immer sicherer, daß es auch wesentliche Differenzen zwischen jenen gab, die von der Erde eingewandert waren, und denen, die auf dem Mars geboren waren.

Es gab also Meinungsverschiedenheiten jeder Art, bei denen keine klare Anpassung zu erkennen war. Eines Abends kam Michel Duval zu ihnen auf einen Drink; und als Nadia ihm das Problem schilderte, nahm er seine KI und fing an, Diagramme aufzustellen aufgrund von etwas, das er das semantische Rechteck‹ nannte. Mit diesem Schema machten sie hundert verschiedene Skizzen der unterschiedlichen Dichotomien im Versuch, eine Darstellung zu finden, die ihnen helfen würde zu verstehen, welche Annäherungen und Oppositionen es darunter geben könnte. Sie erhielten einige interessante Schemata, aber man konnte nicht sagen, daß blendende Erkenntnisse vom Bildschirm auf sie zusprangen, obwohl ein besonders unordentliches semantisches Viereck mindestens Michel suggestiv vorkam: Gewalt und Nichtgewalt, Terraformung und Nichtterraformung bildeten die ursprünglichen vier Ecken; und in der zweiten Kombination um dieses erste Rechteck hatte er Bogdanovisten, Rote, Hirokos Areophanie und die Muslims und andere kulturell Konservative untergebracht. Was dieses combinatoire aber hinsichtlich Aktionen anzeigte, war nicht klar.

Nadia fing an, die täglichen Meetings zu besuchen, die allgemeinen Fragen bezüglich einer möglichen Marsregierung gewidmet waren. Diese waren ebenso desorganisiert wie die Diskussionen über revolutionäre Methoden, aber weniger emotional und oft viel substantieller. Sie fanden jeden Tag in einem kleinen Amphitheater statt, das die Minoer in die Seite des Tunnels in Malia geschnitten hatten. Von diesem Halbrund aus Bänken blickten die Teilnehmer über Bambus- und Kiefernbäume und Terrakottadächer über den ganzen Tunnel — von Zakros bis Falasarna.

Die Gespräche wurden von etwas anderen Leuten besucht als die Revolutionsdebatten. Es wurde ein Bericht aus einem der kleineren Workshops zur Diskussion gestellt; und es pflegten die meisten derer, die an diesem teilgenommen hatten, auch das größere Meeting zu besuchen, um zu sehen, welche Bemerkungen über ihren Bericht gemacht würden. Die Schweizer hatten Workshops für alle Aspekte von Politik, Ökonomie und Kultur im allgemeinen angesetzt. Darum waren die allgemeinen Diskussionen wirklich sehr umfassend.

Vlad und Marina schickten öfters Berichte über ihren Workshop für Finanzen. Jeder Bericht verschärfte und erweiterte ihr sich entwickelndes Konzept von ÖkoÖkonomie. »Es ist sehr interessant«, meldete Nadia Nirgal und Art bei ihrer nächtlichen Zusammenkunft auf dem Buckelpatio. »Eine Menge Leute kritisieren Vlads und Marinas ursprüngliches System, einschließlich der Schweizer und Bologneser. Sie kommen im Grunde zu dem Schluß, daß das Geschenksystem, welches zuerst im Untergrund angewandt wurde, an sich nicht genügt, weil es zu schwer im Gleichgewicht zu halten ist. Es gibt Probleme der Knappheit und des Hortens; und wenn man anfängt, Standards einzuführen, ist es so, als ob man von den Leuten Geschenke erzwingen wollte, was ein Widerspruch ist. Das hat Cojote immer gesagt, und darum hat er sein Tauschnetz aufgebaut. Also arbeiten sie auf ein rationalisierteres System hin, in dem Grunderfordernisse in einer geregelten Wirtschaft mit Wasserstoffperoxid verteilt werden, wo die Preise der Dinge nach ihrem kalorischen Wert festgesetzt sind. Wenn man dann über die Notwendigkeiten hinausgeht, kommt die Geschenkökonomie ins Spiel mit einem Stickstoff Standard. Somit gibt es zwei Ebenen, den Bedarf und das Geschenk, oder was die Sufis im Workshop das Animalische und das Humane nennen, ausgedrückt durch die unterschiedlichen Standards.«

»Das Grüne und das Weiße«, sagte Nirgal zu sich.

»Und gefällt den Sufis dieses duale System?« fragte Art.

Nadia nickte. »Heute, nachdem Marina das Verhältnis der zwei Ebenen dargelegt hatte, sagte Dhu el-Nun zu ihr: ›Die Mevlana hätten es nicht besser machen können.‹«

»Ein gutes Zeichen«, sagte Art vergnügt.

Andere Workshops waren weniger spezifisch und darum weniger fruchtbar. Einer, der an einem in Aussicht genommenen Grundgesetz arbeitete, war überraschend verdrießlich. Aber Nadia erkannte schnell, daß dieses Thema in einem tiefen Schacht kultureller Sorgen steckte. Viele sahen es offenbar als eine Gelegenheit dafür, daß eine Kultur den Rest beherrschen sollte. Zeyk rief: »Das habe ich schon immer seit Boone gesagt. Der Versuch, uns allen eine Gruppe von Werten aufzuzwingen, ist reiner Atatürkismus. Es muß jedem sein eigener Weg erlaubt sein.«

»Das kann aber nur bis zu einem gewissen Punkt gestattet sein«, sagte Ariadne. »Wie, wenn eine Gruppe hier ihr Recht auf eigene Sklaven beansprucht?«

Zeyk zuckte die Achseln. »Das würde jenseits der Grenzen des Erlaubten liegen.«

»Du gibst also zu, daß es ein Grundgesetz der Menschenrechte geben müßte?«

»Das liegt auf der Hand«, sagte Zeyk kühl.

Mikhail sprach für die Bogdanovisten. Er sagte: »Jede soziale Hierarchie ist eine Form von Sklaverei. Unter dem Gesetz sollte ein jeder völlig gleich sein.«

»Hierarchie ist eine natürliche Tatsache«, sagte Zeyk. »Sie ist unausweichlich.«

»Gesprochen wie ein arabischer Mann«, sagte Ariadne. »Aber wir sind hier nicht natürlich, wir sind marsianisch. Und wo Hierarchie zu Unterdrückung führt, muß sie abgeschafft werden.«

»Die Hierarchie der rechten Gesinnung«, sagte Zeyk.

»Oder des Primates von Gleichheit und Freiheit.«

»Wenn nötig, erzwungen.«

»Ja!«

»Also erzwungene Freiheit.« Zeyk winkte enttäuscht ab.

Art rollte einen Wagen mit Getränken auf die Bühne und schlug vor: »Vielleicht sollten wir uns auf einige aktuelle Rechte konzentrieren. Vielleicht einen Blick auf die verschiedenen Erklärungen der Menschenrechte auf der Erde werfen und sehen, ob sie für uns hier angepaßt werden können.«

Nadia ging weiter, um in einige andere Meetings hineinzuhören. Landnutzung, Eigentumsrecht, Kriminalrecht, Erbschaftswesen … Die Schweizer hatten das Thema der Regierung in eine erstaunliche Anzahl von Unterkategorien aufgeteilt. Die Anarchisten waren verärgert, unter ihnen an erster Stelle Mikhail. »Müssen wir wirklich all dies durchkauen?« fragte er immer wieder. »Nichts davon sollte sich durchsetzen. Gar nichts!«

Nadia hätte erwartet, daß Cojote unter denen sein würde, die mit ihm stritten; aber der sagte bloß: »Wir müssen das alles diskutieren. Selbst wenn du keinen Staat willst oder nur einen minimalen Staat, mußt du das Punkt für Punkt durchsprechen. Zumal die meisten Minimalisten genau das ökonomische und Polizeisystem behalten wollen, in dem sie privilegiert bleiben. Das heißt für euch Libertinisten — Anarchisten, die Polizeischutz vor ihren Sklaven haben wollen. Nein! Wenn ihr den minimalen Staat anstrebt, müßt ihr ihn von Grund auf durchsprechen.«

Mikhail sagte: »Aber ich meine — Erbschaftsrecht?«

»Gewiß, warum nicht? Das ist ein kritischer Punkt. Ich sage, es sollte überhaupt keine Erbschaft geben, vielleicht außer ein paar persönlichen Objekten, die man weitergibt. Aber alles übrige sollte an den Mars zurückfallen. Es ist ein Teil der Gabe, nicht wahr?«

»Alles übrige?« fragte Vlad interessiert. »Aber woraus soll das genau bestehen? Niemand wird etwas besitzen von Land, Wasser, Luft, Infrastruktur, GenStamm, Informationspool — was bleibt dann zum Weitergeben?«