Cojote zuckte die Achseln. »Dein Haus? Dein Sparkonto? Ich meine, werden wir kein Geld haben? Und werden die Leute nicht Überschüsse ansammeln, wenn sie können?«
»Du mußt in die Finanzsitzungen gehen«, sagte Marina zu Cojote. »Wir hoffen, Geld auf Basis von Wasserstoffperoxid zu schaffen und die Preise für Dinge nach Energiewerten zu bemessen.«
»Aber Geld wird es immer noch geben, nicht wahr?«
»Ja, aber wir erwägen zum Beispiel umgekehrte Zinsen bei Sparguthaben, so daß das, was man von dem Ertrag nicht wieder in Gebrauch genommen hat, als Stickstoff in die Atmosphäre entlassen wird. Du wärst überrascht, wie schwer es ist, in diesem System eine positive persönliche Bilanz zu behalten.«
»Wenn du es aber schafftest?«
»Nun, ich pflichte dir bei — im Todesfall sollte es an den Mars zurückgehen und für einen öffentlichen Zweck genutzt werden.«
Sax wandte zweifelnd dagegen ein, daß dies der bioethischen Theorie widerspräche, wonach menschliche Wesen wie alle Tiere stark motiviert seien, um für ihre Nachkommenschaft zu sorgen. Dieses Streben könne man in der ganzen Natur beobachten und in allen menschlichen Kulturen, wodurch Verhalten oft als sowohl egoistisch wie altruistisch erklärt würde. »Versuche, die babylonische — die biologische — Basis der Kultur — durch Dekret zu ändern… fordert Ärger heraus.«
Cojote sagte: »Vielleicht sollte eine animalische Vererbung gestattet sein«, sagte Cojote. »Genug, um diesen animalischen Instinkt zu befriedigen, aber nicht genug, um auf Dauer eine reiche Elite zu ermöglichen.«
Marina und Vlad fanden das gewiß verlockend und fingen an, neue Formeln in ihre Computer einzugeben. Aber Mikhail, der neben Nadia saß und sein Programm für den Tag durchsah, war immer noch frustriert. Er sagte mit einem Blick auf die Liste: »Ist das wirklich Teil eines konstituierenden Prozesses? Zonencodes, Energieproduktion, Abfallentsorgung, Transportsysteme, Pestmanagement, Eigentumsrecht, Beschwerdesysteme, Strafrecht, schiedsrichterliche Verfahren, Gesundheitscodes?«
Nadia seufzte. »Ich vermute, ja. Denk daran, wie schwer Arkady über Architektur gearbeitet hat!«
»Schulpläne? Ich glaube, von Mikropolitik gehört zu haben. Aber das ist lächerlich.«
»Nanopolitik«, sagte Art.
»Nein, Pikopolitik! Femtopolitik!«
Nadia stand auf, um Art zu helfen, den Getränkewagen zu den Workshops im Dorf unterhalb des Amphitheaters zu schieben. Art lief immer noch von einem Meeting zum nächsten, rollte Speise und Trank hinein und erwischte dann ein paar Minuten der Reden, ehe er weiterzog. Es gab acht bis zehn Meetings am Tage, und Art tauchte noch bei allen auf. An den Abenden, wenn immer mehr Delegierte ihre Zeit mit Parties verbrachten oder im Tunnel auf und ab spazierten, traf sich Art weiterhin mit Nirgal, und sie sahen sich Bänder in leichtem Schnellgang an, so daß alle wie Vögel sprachen, und verlangsamten nur, um sich Notizen zu machen oder über den einen oder anderen Punkt zu diskutieren. Wenn Nadia mitten in der Nacht aufstand, um ins Bad zu gehen, kam sie an der Diele vorbei, wo die beiden an ihren Aufzeichnungen arbeiteten, und sah sie in ihren Sesseln schlummern. Ihre offenen Münder flackerten unter dem Schimmer der Debatte auf dem Bildschirm.
Aber morgens war Art zusammen mit den Schweizern auf und brachte die Dinge in Gang. Nadia versuchte, ein paar Tage mitzuhalten, fand aber, daß die Frühstücksworkshops unsicher waren. Die Leute saßen an Tischen herum, tranken Kaffee und aßen Obst und Gebäck und starrten sich an wie Zombies: Wer bist du? sagten ihre trüben Blicke. Was tue ich hier? Wo sind wir? Warum schlafe ich nicht in meinem Bett?
Aber es konnte auch genau umgekehrt sein. An manchen Morgen kamen die Leute geduscht und erfrischt herein, munter durch Kaffee oder Kavajava, voller neuer Ideen und bereit zu harter Arbeit, um Fortschritte zu erzielen. Wenn die anderen gleichgestimmt waren, konnte alles flott gehen. Eine der Sitzungen über Eigentum verlief so; und für eine Stunde schien es, als ob sie alle Probleme gelöst hätten hinsichtlich Vereinbarung von Ich und Gesellschaft, privatem Vorteil und Gemeinwohl, Selbstsucht und Altruismus … Aber am Ende sahen ihre Notizen ebenso vage und widersprüchlich aus wie die aus einer anderen verdrießlichen Sitzung. »Es ist die Bandaufzeichnung der ganzen Sitzung, die sie repräsentieren muß«, sagte Art, nachdem er versucht hatte, eine Zusammenfassung zu schreiben.
Aber die Mehrzahl der Sitzungen war nicht so erfolgreich. Tatsächlich bestanden die meisten nur aus langgezogenen Diskussionen. Eines Morgens traf Nadia auf Antar, den jungen Araber, mit dem Jackie während ihrer Reise Zeit verbracht hatte, und sie hörte, wie er zu Vlad sagte: »Ihr werdet nur die sozialistische Katastrophe wiederholen!«
Vlad zuckte die Achseln. »Sei nicht so hastig bei der Beurteilung dieser Periode! Die sozialistischen Länder waren vom Kapitalismus von außen und Korruption von innen bedroht. Das konnte kein System überleben. Wir dürfen das Baby des Sozialismus nicht mit dem stalinistischen Badewasser ausschütten, sonst verlieren wir viele sicher anständige Konzepte, die wir benötigen. Die Erde ist im Griff des Systems, das den Sozialismus besiegt hat, und das ist ganz offensichtlich eine irrationale und destruktive Hierarchie. Wie können wir daher mit ihr umgehen, ohne zermalmt zu werden? Wir müssen überall nach Antworten dafür suchen — einschließlich der Systeme, welche die herrschende Ordnung besiegt hat.«
Art schob einen Wagen mit Speisen in den nächsten Raum, und Nadia ging mit ihm hinaus.
»Mensch, ich wünschte, Fort wäre hier!« brummte Art. »Das sollte er sein, ganz gewiß wünsche ich das.«
Im nächsten Meeting diskutierten sie über die Grenzen von Toleranz, um Dinge, die einfach nicht erlaubt sein dürften ohne Rücksicht auf ihre mögliche religiöse Bedeutung. Jemand rief: »Erzählt das den Muslims!«
Jurgen kam aus dem Raum und machte ein enttäuschtes Gesicht. Er nahm ein Brötchen von dem Wagen und ging mit ihnen. Beim Essen sagte er: »Liberale Demokratie sagt, daß kulturelle Toleranz wesentlich ist; aber man braucht sich nicht weit von liberalen Demokraten zu entfernen, bis diese sehr intolerant werden.«
»Wie lösen die Schweizer dieses Problem?« fragte Art.
Jurgen zuckte die Achseln. »Ich glaube nicht, das wir das tun.«
»Mensch, ich wünschte, Fort wäre hier!« sagte Art. »Ich habe ihn vor einiger Zeit zu erreichen versucht, um ihm davon zu erzählen, ich habe sogar die Verbindungen der Schweizer Regierung benutzt, aber nie eine Antwort erhalten.«
Der Kongreß ging fast einen Monat lang weiter. Schlafentzug und vielleicht eine zu starke Abhängigkeit von Kava machten Art und Nirgal immer hagerer und benommener, bis Nadia bei Nacht erschien und sie zu Bett brachte. Sie schob sie auf Sofas und versprach, Zusammenfassungen der Bänder zu schreiben, die sie nicht durchgesehen hatten. Sie konnten in dem Raum schlafen und knurrten, wenn sie auf den schmalen Couchen aus Bambus und Schaumstoff herüber rollten. Eines Nachts stand Art plötzlich auf und sagte noch im Halbschlaf zu Nadia: »Ich verliere den Gehalt der Dinge. Ich sehe jetzt bloß Formen.«
»Du wirst Schweizer, ja? Geh wieder schlafen!«
Er haute sich wieder hin. »Ich war verrückt zu denken, daß ihr Leute irgend etwas gemeinsam würdet tun können«, murmelte er.
»Schlaf weiter!«
Wahrscheinlich war es verrückt, dachte sie, als er schnaufte und schnarchte. Sie stand auf und ging zur Tür. Sie fühlte im Kopf das Gefühlsdurcheinander, welches ihr sagte, daß sie nicht würde schlafen können. Also ging sie hinaus in den Park.
Die Luft war noch warm und die schwarzen Oberlichter voller Sterne. Die Länge des Tunnels erinnerte sie plötzlich an einen der vollen Räume in der Ares. Nur waren sie hier gewaltig vergrößert, aber unter Anwendung der gleichen Ästhetik. Schwach erhellte Pavillons, die dunklen pelzartigen Klumpen kleiner Wälder … Ein Spiel über die Erbauung einer Welt. Aber hier ging es um eine echte Welt. Zunächst waren die Besucher des Kongresses fast schwindlig vor seinem enormen Potential; und manche, wie Jackie und andere Eingeborene, waren jung und unerschütterlich genug, um immer noch diesen Eindruck zu haben. Aber für viele der anderen Repräsentanten begannen sich die unlösbaren Probleme zu zeigen wie knorrige Knochen unter schrumpfendem Fleisch. Der Rest der Ersten Hundert, die alten Japaner von Sabishii — die saßen in diesen Tagen herum, paßten auf und dachten angestrengt nach, wobei ihre Haltung von Mayas Zynismus bis zu Marinas ängstlicher Besorgnis variierte.