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Und dann sah sie tief unter sich im Park Cojote, der leicht beschwipst aus dem Wald kam mit einer jungen Frau, die ihn um die Taille gefaßt hatte. »O mein Schatz«, rief er mit weit ausgebreiteten Armen durch den langen Tunnel, »könnten wir beide uns mit dem Schicksal verbünden — um dies jämmerliche Schema der Dinge ganz zu erfassen —, würden wir es doch in Scherben schlagen und dann — es näher dem Verlangen des Herzens neu gestalten!«

Ja wirklich, dachte Nadia lächelnd und ging in ihr Zimmer.

Es gab einige Gründe zur Hoffnung. Einerseits war Hiroko beharrlich, besuchte alle Tage Meetings, äußerte dazu ihre Gedanken und gab den Leuten das Gefühl, sie hätten in diesem Moment das wichtigste Meeting erwählt. Und Ann arbeitete auch — obwohl sie, wie Nadia dachte, alles zu kritisieren schien, finsterer denn je — und Spencer und Sax, Maya und Michel, und Vlad mit Ursula und Marina. Tatsächlich schienen die Ersten Hundert für Nadia besser in diesem Streben vereint zu sein als in irgend etwas, das sie seit der Gründung von Underhill getan hatten, als ob es ihre letzte Chance wäre, die Dinge in Ordnung zu bringen und sich von dem angerichteten Schaden zu erholen. Etwas um ihrer toten Freunde willen zu tun.

Und sie waren nicht die einzigen, die arbeiteten. Während die Meetings weitergingen, bekamen die Leute ein Gespür dafür, wer wollte, daß der Kongreß ein greifbares Ziel erreichen müßte; und diese Leute gewöhnten es sich an, eben diese Meetings zu besuchen. Sie arbeiteten hart, um Kompromisse zu finden und Resultate auf Bildschirmen zu erzielen in Form von Empfehlungen und dergleichen. Sie mußten Besuche von jenen dulden, die mehr an Effekthascherei als Ergebnissen interessiert waren. Aber sie mühten sich weiter ab.

Nadia konzentrierte sich auf diese Anzeichen von Fortschritt und arbeitete daran, Nirgal und Art auf dem laufenden, aber auch satt und ausgeruht zu halten. Es kamen Leute in ihre Suite: »Man hat uns aufgetragen, dies den großen Drei zu überbringen.« Viele ernsthafte Arbeiter waren interessant. Eine Frau von Dorsa Brevia namens Charlotte war eine angesehene Wissenschaftlerin in Verfassungsfragen und errichtete für sie eine Art Rahmenwerk, einem in der Schweiz ähnlichen Verfahren, worin Themen, die behandelt werden mußten, angeordnet wurden, ohne sie zu erschöpfen. »Freut euch!« sagte sie den dreien eines Morgens, als die mit trüber Miene herumsaßen. »Ein Zusammenstoß von Doktrinen ist eine Chance. Der amerikanische Verfassungskongreß war einer der erfolgreichsten aller Zeiten, und man hat ihn mit etlichen sehr starken Antagonismen begonnen. Die Form der von ihm geschaffenen Regierung spiegelt das Mißtrauen wider, das diese Gruppen gegeneinander hegten. Kleine Staaten waren anfänglich besorgt, von den größeren überwältigt zu werden; darum gibt es einen Senat, in dem alle Staaten gleich sind, und ein Haus, in dem die größeren Staaten mit ihren größeren Zahlen vertreten sind. Diese Struktur ist eine Reaktion auf ein spezifisches Problem, versteht ihr? Dasselbe gilt für die dreifachen Kontrollen und Ausgleiche. Darin steckt ein institutionalisiertes Mißtrauen gegenüber Autorität. Auch die Schweizer Verfassung enthält vieles davon. Und wir können das hier machen.«

So gingen sie hinaus, bereit zur Tat, zwei energische junge Männer und eine verbrauchte alte Frau. Es war seltsam, dachte Nadia, zu sehen, wer als Führer aus derartigen Situationen hervorging. Es mußten nicht unbedingt die Brillantesten oder am besten Informierten sein, wie Marina oder Cojote sich erwiesen, obwohl beide Eigenschaften hilfreich waren, obwohl diese beide wichtig waren. Aber Anführer waren solche, auf die das Volk hören würde. Magnetische Persönlichkeiten. Und in einer Menge so starker Intellekte und Charaktere war ein solcher Magnetismus sehr selten und sehr schwer zu finden. Sehr mächtig …

Nadia besuchte ein Meeting, das einer Erörterung von Beziehungen zwischen Mars und Erde in der Zeit nach der Unabhängigkeit galt. Cojote war da und rief: »Laßt sie zur Hölle fahren! Das ist ihr eigenes Werk. Laßt sie sich aufraffen, wenn sie können. Und wenn sie das tun, können wir sie besuchen und Nachbarn sein. Aber andernfalls werden sie, wenn wir versuchen, ihnen zu helfen, uns vernichten.«

Viele Rote und Marsradikale nickten energisch, vor allem Kasei. Der war kürzlich zur Geltung gekommen als ein Führer der Gruppe Marsradikaler, eines separatistischen Flügels der Roten, dessen Mitglieder nichts mit der Erde zu tun haben wollten und willig waren, Sabotage, Zerfledderung, Terrorismus und bewaffnete Revolte zu unterstützen — überhaupt jedes erforderliche Mittel, um das zu erreichen, was sie wollten. Sie bildeten wirklich eine der am wenigsten zugänglichen Gruppen. Nadia fand es traurig zu sehen, daß Kasei ihre Partei ergriff und sogar anführte.

Maya stand auf, um Cojote zu antworten. Sie sagte: »Eine hübsche Theorie, aber sie ist unmöglich. Das ist wie die rote Haltung von Ann. Wir müssen mit der Erde verhandeln. Also könnten wir uns jetzt überlegen, wie, und sollten uns nicht davor verstecken.«

»Solange die sich im Chaos befinden, müssen wir tun, was wir können, um zu helfen«, sagte Nadia. »Einfluß in die Richtung ausüben, in die wir sie gehen lassen wollen.«

Jemand sagte: »Die zwei Planeten sind ein System.«

»Was meinst du damit?« fragte Cojote. »Es sind unterschiedliche Welten. Sie könnten sicher zwei Systeme sein.«,

»Informationsaustausch.«

»Wir sind für die Erde ein Modell oder Experiment«, sagte Maya. »Ein Gedankenexperiment, aus dem die Menschheit lernen soll.«

»Ein wirkliches Experiment«, erwiderte Nadia. »Das ist kein Spiel mehr. Wir können es uns nicht leisten, rein theoretische Positionen attraktiv zu finden.« Als sie das sagte, schaute sie Kasei und Harmakhis und deren Kameraden an. Aber sie merkte, daß es keinen Eindruck machte.

Noch mehr Meetings und Reden, ein schnelles Mahl und ein anderes Meeting mit den Issei von Sabishii, um über die Demimonde als ein Sprungbrett für ihre Bemühungen zu sprechen. Dann ging es zur nächtlichen Besprechung mit Art und Nirgal. Aber die Männer waren erschöpft, und sie schickte sie ins Bett. »Wir werden beim Frühstück reden.«

Auch sie war müde, aber weit davon entfernt, schläfrig zu sein. Also machte sie ihren nächtlichen Spaziergang nach Norden von Zakros durch den Tunnel. Sie hatte kürzlich einen hohen Weg entdeckt, der längs der Westwand des Tunnels verlief. Er war in den Basalt geschnitten, wo die Krümmung des Zylinders der Wand ein Gefälle von fünfundvierzig Grad verlieh. Von diesem Weg aus konnte sie über die Baumwipfel in die Parks blicken. Und wo der Weg auf einen kleinen Vorsprung in Knossos ausbog, konnte sie den Tunnel in seiner ganzen Länge bis zu beiden Horizonten überschauen. Die ganze enge Welt war schwach erleuchtet durch Straßenlampen, die von unregelmäßigen grünen Blätterkugeln umgeben waren, sowie die wenigen Fenster, in denen noch Licht brannte, und eine Kette Lampions in den Kiefern von Gournias Park. Das war eine so elegante Konstruktion. Es schmerzte sie etwas, an die langen in Zygote verbrachten Jahre zu denken — unter Eis, in kalter Luft und bei künstlichem Licht. Wenn sie nur von diesen Lavatunnels gewußt hätten …